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Ungarn: Kredit in Schweizer Franken und andere Sorgen

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Ungarn: Kredit in Schweizer Franken und andere Sorgen

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Am 6. April wird in Ungarn ein neues Parlament gewählt. Alles scheint möglich. Von einer erneuten absoluten Mehrheit für die rechte FIDESZ von Regierungschef Orban bis zu einem Erfolg der eigentlich zerstrittenen Linken. Bis zum Wahltag wollen wir auf euronews die wichtigsten Themen betrachten. Heute geht es um dir Wirtschaft.
Was haben die unorthodoxen Maßnahmen gebracht, mit denen FIDESZ vor vier Jahren startete?
Welche Wirkung hatten Steuerreform und Reform der sozialen Sicherungssysteme? Wer profitierte von der Preissenkung bei Energie? Sehen Sie zuerst einen Bericht aus dem ungarischen Alltag und dann eine Gespräch mit einen Wirtschaftsjournalisten.

Die täglichen Wirtschaftprobleme der Familien.
Sie arbeiten beide, Johanna und Ehemann Gabor.
Trotzdem wird es jedesmal zum Monatsende knapp.
Obwohl sie wie die meisten ungarischen Familien dank der Kinder weniger Steuern zahlen. Sie profitieren auch von den jüngsten Maßnahmen der Regierung, durch die Energie 30 Prozent billiger geworden ist. Aber ihre Gehälter sind in den letzten vier Jahren nicht gestiegen – im Gegensatz zu den Lebenshaltungskosten. Der Familienvater Gabor Molnar erklärt, warum sie so knapp dran sind. Als die Kinder klein waren, blieb die Mutter einige Zeit zu Hause. Das wirkt sich immer noch aus. Das größte Problem aber ist der Kredit für die Wohnung. Wie viele Ungarn haben auch sie 2006 einen Kredit in Schweizer Franken aufgenommen, als diese Währung billig war. Inzwischen ist der Kurs erheblich gestiegen, so dass sie wohl 35 Jahre lang abzahlen müssen. Andere seien noch schlimmer dran, erklärt Mutter Johanna. Die monatliche Rate von 300 Euro schaffen sie gerade so. Anderen bleibt nach der Ratenzahlung kaum noch etwas zum Leben. Inzwischen hat die Regierung eingegriffen und die Banken dazu gebracht, den Zinssatz für die langlaufenden Kredite in ausländischen Währungen etwas zu senken. Mit dem Ziel, dass Schuldner den gesamten Kredit ablösen können. Die Zahl der noch laufenden Kredite ist dadurch von 349.000 auf 231.000 gesunken. Aber diese Maßnahme nützt nur jenen, die ohnehin mehr Geld zur Verfügung euronews-Reporterin Andrea Hajagos bemerkt, laut Eurostat gehören vier der sieben ungarischen Regionen zu den 20 ärmsten in der EU. Der Norden des Landes hat den niedrigsten Lebensstandard.
Dem Bürgermeister dieses Dorfes wachsen die Probleme über den Kopf. Da ist schon froh, wer als Gemeindeangestellter ein regelmäßiges Einkommen hat. Auch wenn es mit 170 Euro pro Monat denkbar spärlich ist. Arbeitslosengeld gibt es in Ungarn nur für drei Monate. Einen neuen Job aber findet in dieser Gegend niemand, beklagt Gemeindearbeiter Istvan. Er träumt von einem besseren Lohn, weil das Geld von der Gemeinde vorn und hinten nicht reicht. Von den 120 Einwohnern haben in diesem Dorf gerade mal 10 eine normal bezahlte Arbeit. 15 Gemeindeangestellte müssen von dem leben, was die Gemeinde zahlen kann. Ob es reicht oder nicht.
Für den Bürgermeister László Takács ist das Fehlen von Infrastruktur das größte Problem.
Keine Verkehrsverbindungen, also kann auch keiner in eine Fabrik zur Arbeit fahren. Es gibt Investoren in Ungarn. Der deutsche Autobauer Audi und andere Branchengrößen beschäftigen mehrere Tausend Arbeiter. So konnte Ungarns Haushaltsdefizit von 2011 auf 2012 um 3 Prozent gesenkt werden. Vor vier Jahren lag die öffentliche Verschuldung bei 80 Prozent des BIP. Nachdem die Regierung zwecks Schuldenabbau den privaten Rentenfond verstaatlicht hat, liegen die Schulden immer noch bei 78 Prozent.

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Wir sprechen jetzt mit dem Wirtschaftsjournalisten Andras Mihalovits in Budapest. Können Sie uns kurz die wichtigsten Ziele zusammenfassen, mit denen diese Regierung vor vier Jahren angetreten ist.

Andras Mihalovits
Zuerst wollte sie die Staatsschulden abbauen.
Zweitens Wirtschaftswachstum schaffen und drittens die in Ungarn sehr hohe Arbeitslosigkeit abbauen.

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Bei Amtsantritt versprach die Regierung, jedes Jahr eine Million neue Jobs zu schaffen. Wie sieht das Ergebnis nach vier Jahren aus?

Andras Mihalovits
Sehr spärlich, worüber die Ungarn gar nicht erfreut sind. Mehr als 300.000 zumeist junge Leute arbeiten im Ausland. Und viele Arbeitslose sind als “Gemeindearbeiter” registriert. Das ist eine Art “ein-Euro-Job”, der vor allem der Statistik nützt. Von der versprochenen Million an neuen Arbeitsplätzen sind wir weit entfernt.

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Investitionen sind doch der Schlüssel zu mehr Arbeitsplätzen. Sorgt die Regierung für Investitionen aus dem Ausland?

Andras Mihalovits
Die Investitionsrate ist sehr niedrig. Kleine Unternehmen werden durch die Steuer- und Lohnregelungen abgeschreckt. Und große multinalionale Konzerne investieren nicht wegen der rechtlichen Unsicherheit. In den vergangenen vier Jahren hat die Regierung von einem Tag auf den anderen höhere Steuern für einen ganzen Sektor eingeführt. Danach sank die Zahl der Investitionen auf nahe Null.

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Wo steht Ungarn heute im Vergleich zu den anderen Visegrad-Staaten Tschechien, Polen Slowakei?

Andras Mihalovits
Ungarn war vor einigen sehr stolz auf seine führende Rolle in dieser Region, als es attraktive Investitionen bekam. Das ist leider Vergangenheit, Ungarn ist im Vergleich zu den anderen Visegrad-Staaten Tschechien und Polen bei Investitionen ans Ende gerutscht. Beim Blick auf die Investitionszahlen müssen wir befürchten, dass das chronisch werden kann.

Wahlen un Ungarn 2014