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Jerusalem: Das neue Pulverfass des Nahen Ostens?

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Jerusalem: Das neue Pulverfass des Nahen Ostens?

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Nach dem Synagogen-Angriff in Jerusalem wächst auf israelischer und palästinensischer Seite die Angst vor einer weiteren Eskalation des Nahostkonflikts.

Muslimische, jüdische und christliche Geistliche versammelten sich nun vor dem Gotteshaus, in dem sich die blutige Tat ereignet hatte. Sie forderten Toleranz, um die Situ ation zu beruhigen.

“Wir sind hierher gekommen, um zu zeigen, dass wir diesen kriminellen Akt verurteilen”, so der Imam Scheich Samir Assi. “Das war ein Angriff auf die Heiligkeit des Gotteshauses und auf unbewaffnete Gläubige.”

Doch wie angespannt die Stimmung ist, zeigt eine Situation in der Nähe der Synagoge. Eine alte Frau ruft zu einigen Versammelten auf Hebräisch, sie hätten keinen Glauben und seien Müll.

Als Reaktion auf den Synagogen-Anschlag kündigte Israel die Zerstörung der Häuser der Attentäter-Familien an. Die Wohnung eines Palästinensers, der im Oktober sein Auto in eine Menschengruppe gesteuert hatte, wurde in der Nacht zu Mittwoch zerstört.

Das wird wieder Reaktionen auf palästinensischer Seite hervorrufen.

Die israelische Stadtverwaltung in Jerusalem genehmigte parallel dazu den Bau von 78 neuen Siedlungseinheiten im besetzten Osten der Stadt.

“Wir haben palästinensische Arbeiter, die in Israel arbeiten. Einige legal, einige illegal”, so der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

“Und sie nutzen das, um Hamas-Terroristen ins Land zu schleusen und Terroristen, die von der palästinensischen Autonomiebehörde, durch den palästinensischen Präsidenten angestiftet werden. Wir tun was wir können, um diese Gefahr zu bannen.”

Ein Ende der Eskalation ist also nicht in Sicht. Doch wohin steuert diese neue Zuspitzung? In einen religiösen Konflikt, wie manche befürchten? Oder in eine neue Intifada?

Jerusalem könnte zum Pulverfass werden, das den brüchigen Frieden im Nahen Osten sprengt.

Aus Jerusalem ist uns Vincent Lemire zugeschaltet, Historiker und Jerusalem-Spezialist, Forscher am Centre national de la recherche scientifique und Direktor des Projekts “Open Jerusalem”.

Euronews-Reporterin Raphaële Tavernier: “Guten Tag Vincent Lemire. Sie sind in Jerusalem. Wie ist heute die Stimmung in der heiligen Stadt?”

Vincent Lemire: “Tagsüber ist die Situation ziemlich normal, aber nachts sind die Straßen völlig leer. Die Menschen gehen nur ungern spät aus dem Haus und vermeiden es, spät zurückzukommen. Und dann gibt es auch verschiedene Jerusalems. Jerusalem West und Ost und die verschiedenen Viertel in Ostjerusalem: Sie sind fast jede Nacht Schauplatz von manchmal sehr heftigen gewalttätigen Auseinandersetzungen. Es ist also schwer zu sagen, wie die Stimmung hier ist. Das hängt wirklich vom jeweiligen Tageszeitpunkt und vom Stadtviertel ab.”

Euronews: “Wird das weiter eskalieren?”

Vincent Lemire: “Es gibt tatsächlich neue Anschlagsformen, die unkontrollierbar für die Sicherheitsdienste sind. Die Messerangriffe und ähnliche Attacken geben tatsächlich das Bild eines spontaneren Aufstandes, der weniger organisiert und strukturiert ist, aber für die israelischen Sicherheitsdienste auf eine gewisse Weise auch sehr viel beunruhigender ist.”

Euronews: “Ist Ihrer Meinung nach die Fortsetzung der israelischen Besiedlung Ost-Jerusalems der einzige Grund für den Anstieg der Spannungen und Gewalt?”

Vincent Lemire: “Die Fortsetzung und Beschleunigung der israelischen Siedlungspläne im Westjordanland und Jerusalem sind langfristig gesehen sicherlich die zentralen Faktoren. Aber eingedenk dessen glaube ich nicht, dass das die aktuelle Explosion der Gewalt erklärt. Kurzfristig betrachtet gibt es dafür seit ein paar Monaten auch einen anderen auslösenden Faktor: Natürlich sind die wiederholten Besuche des Tempelbergs durch jüdische Extremisten, ihre Provokationen, ein Grund dafür. Und dann vor allem das neue politische Gefüge innerhalb der Regierungspartei Likud: Der Abgeordnete Moshe Feglin, der dieses Verhalten auf dem Tempelberg gutheißt und auch Regierungsmitglied Naftali Bennett unterstützt diese Aktionen.”

Euronews: “Schweden hat den palästinensischen Staat Ende Oktober anerkannt, die spanischen Abgeordneten und das britische Unterhaus haben für die Anerkennung Palästinas gestimmt. Wie reagiert Israel darauf?”

Vincent Lemire: “Es gibt offizielle Äußerungen und eine mehr gefühlsmäßige Reaktion: Offiziell heißt es, das hat keine Auswirkung, keine Wichtigkeit, das ist nur symbolisch gemeint. Gräbt man etwas tiefer, erkennt man, dass die inoffizielle Stimmung ganz anders ist: Alle Israelis wissen, dass der Staat Israel durch einen Beschluss der Generalversammlung der Vereinten Nationen im November 1947 geboren wurde. So wie ganz Israel weiß, dass die neue Strategie von Mahmoud Abbas und der palästinensischen Führung, die darauf abzielt, internationale Anerkennung zu bekommen, nicht nur symbolisch gemeint ist, sondern in Bezug auf die internationalen Beziehungen mittel- und langfristig extrem starke politische Auswirkungen haben wird.”

Euronews: “In Ihrem Buch “Jerusalem 1900 “ sagen Sie ‘Es ist noch nicht so lange her, dass Jerusalem ein Modell des Zusammenlebens zwischen den verschiedenen Gemeinschaften war’. Ist diese Zeit vorbei?”

Vincent Lemire: “Ja, natürlich, angesichts der aktuellen Lage ist diese Zeit vorbei. Aber das bedeutet nicht, dass diese Zeiten nicht zurückkommen können. Seit biblischen Zeiten ist Jerusalem immer eine Art Juwel in einer Herrscherkrone gewesen. Und in der Tat, dieser imperiale, supranationale Aspekt erlaubte eine gewisse Art des Zusammenlebens. Aber nach dem Ersten Weltkrieg erscheint Jerusalem in einem völlig neuen Kontext. Jerusalem wird der Brennpunkt im Kampf der beiden konkurrierenden nationalen Projekte. Das zionistische Israel auf der einen Seite und der arabische Entwurf auf der anderen. In diesem Zusammenhang, in der Rivalität dieser beiden konkurrierenden Staaten gibt es keine gemeinsame Stadt. Es verhindert, dass die Einwohner Jerusalems friedlich und harmonisch zusammenleben.”

Euronews: “Vincent Lemire, vielen Dank für das Gespräch mit euronews.”