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Wer nicht hören kann darf fühlen

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Wer nicht hören kann darf fühlen

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Der Beitrag über das Projekt “Feel the music” des Mahler Chamber Orchestra ist Teil der Learning World-Ausgabe “Breaking the silence”.

Wie fühlt sich der Klang eines Cellos an? Kann man die Vibrationen einer Pauke spüren? Und zwischen laut und leise unterscheiden, wenn man hörgeschädigt oder gehörlos ist? Darum geht es beim Projekt “Feel the music” des Mahler Chamber Orchestra – kurz MCO. In einem ersten Schritt besuchen Musiker die Kinder im Klassenzimmer. Musiker Christian Heubes hat seine Geige mit ins Klassenzimmer genommen. Er erklärt, “für viele ist es das erste Mal, dass sie Kontakt mit den Instrumenten haben oder mit Musik an sich. Es ist das Besondere an dem Projekt, dass man einfach diese Grenze nicht sieht und sagt, Musik kann auch über ganz andere Sinne wahrgenommen werden.”

Und dann: Bühne frei für die Kinder mit Hör-Handicap, die mitten im Orchester Platz nehmen. Dieses Mal stammen sie aus drei Schulen in Zürich und Luzern. “Feel the music” gehört zu “The Beethoven Journey”. Einer Konzertreihe, die die Musiker des Mahler Chamber Orchestra in insgesamt 40 Städte führt.

Schülerin Merve hat sich neben Heubes und seine Geige gesetzt. “Ich glaube, dass wenn sie ganz nah sitzen, sie viel davon mitbekommen, wie die Energie transportiert wird – auch optisch durch die Bewegungen und Spannungen. Und daher ist es schön, wenn sie dabei sind und es miterleben. Man spürt auch, wie sie sich freuen an einer Stelle, die überraschend laut war oder so unglaublich impulsiv,” so der Violonist.

Ein Mädchen fasst an eine Bratsche, ein Junge postiert sich neben der Pauke, bis das Trommelfell vibriert. Kinder ohne Berührungsängste: SIE geben den Takt vor. Die 15jährige Merve ist begeistert: „Das fühlt sich super an, weil im Orchester ganz viele verschiedene Geigen spielten. Es war wunderschön, diese Vibrationen zu spüren.“ Und Andrin ergänzt, „durch das Anfassen ging die Vibration über die Hand und den Arm in den ganzen Körper. Ich denke, ich habe es vor allem im ganzen Körper gespürt. Auch alle anderen Instrumente, die mitspielten, haben Vibrationen in meinen Körper übergeleitet.“

45 Musiker gehören zum Mahler Chamber Orchestra. Sie reisen um die Welt und spielen mit bekannten Dirigenten und Solisten wie dem norwegischen Pianisten Leif Ove Andsnes bei der “Beethoven Journey”. Ein Komponist, der das MCO zum Projekt “Feel the music” inspirierte.

Beethoven selbst wurde mit Anfang 20 immer schwerhöriger und schließlich gehörlos. Das hatte großen Einfluss auf seine Kompositionen.
Andsnes meint, “die Musik wird wilder. Sie überschreitet permanent Grenzen. Dann wird sie sehr persönlich. Am Klavier ist er besessen von Trillern: Zwei sich ständig wiederholende Noten, die Vibrationen schaffen und uns ein Gefühl vermitteln, mit der Musik zu fliegen. All das müsste meiner Meinung nach im Zusammenhang mit seiner Behinderung stehen.”

Seit 2012 gibt es bisher Workshops in acht europäischen Städten, 150 Kinder waren schon dabei. Die sollten nach dem Orchesterbesuch ihre Eindrücke zu Papier bringen. Miriam Bongartz ist Education & Outreach-Manager des Orchesters. Sie erklärt, “nach jedem Projekt nehmen wir eine Auswahl an Bildern mit, die gerahmt werden, und die dann Erwachsenen in einer “Feel the Music”-Ausstellung in den Foyers präsentiert werden. Es gibt auch ein Informationsblatt zum Projekt mit Geschichten, die die Kinder uns zu den Bildern erzählt haben, damit wir dem Publikum und der Öffentlichkeit vermitteln können, wie die Kinder mit Musik umgehen, was das für sie bedeuten kann. WIr wollen dieses Thema in der Öffentlichkeit vorantreiben, was unser großes Ziel ist.”

Der Höhepunkt des Projekts: Die Kinder besuchen das Konzert des MCO mit Leif Ove Andsnes. An diesem Abend auf dem Programm stehen das erste und fünfte von Beethovens Klavierkonzerten. Mit einem stummen Applaus, der Bände spricht.