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Verliert die EU in Lateinamerika und in der Karibik an Boden?

Vor zwei Jahren kamen die Staats- und Regierungschefs der EU und der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten in Santiago in

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Verliert die EU in Lateinamerika und in der Karibik an Boden?

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Vor zwei Jahren kamen die Staats- und Regierungschefs der EU und der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten in Santiago in Chile zusammen. Das zweites Gipfeltreffen findet an diesem Mittwoch und Donnerstag in Brüssel statt.

Eine Annäherung, so Sebastian Santander, der an der Universität im belgischen Lüttich, Politikwissenschaft lehrt, sei jedoch nicht einfach:
“Die Welt verändert sich. Aufstrebende Wirtschaftsmächte zeigen Interesse an Lateinamerika, während sich Europa in einer Krise befindet. Lateinamerika hat heute weniger Interesse an Europa als früher. Die wirtschaftliche, finanzielle und politische Rolle Chinas hingegen wird in Lateinamerika immer größer.”

Ein Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem Gemeinsamen Markt Südamerikas – Mercosur – ist bisher nicht zustandegekommen. Der Europapolitiker Francisco Assis, der in der Delegation für die Beziehungen zu den Ländern des Mercosur den Vorsitz innehat, macht beide Seiten für die Blockade verantwortlich:
“Die europäische Seite tut sich seit langem vor allem mit der Landwirtschaft schwer. Einige Länder Europas befürchten die Konkurrenz südamerikanischer Staaten auf diesem Gebiet. Auf südamerikanischer Seite hingegen sind die Schwierigkeiten vor allem mit den Bereichen Industrie und Dienstleistungen verknüpft, weil man davon ausgeht, dass man der europäischen Konkurrenz nicht gewachsen ist.”

Luigi Gambardella von der EU-Brasilien-Vereinigung meint, beide Seiten müssten größere Flexibilität zeigen, um zu einer Vereinbarung zu gelangen: “Der einzige Weg dahin zu gelangen, ist wahrscheinlich nur aufgrund von mehr Flexibilität möglich. Über das Wie müssen wir uns Gedanken machen. Vielleicht sollte erst einmal ein Abkommen mit dem Mercosur ausgehandelt werden. Innerhalb des Mercosur könnten sich die einzelnen Staaten dann für unterschiedliche Geschwindigkeiten entscheiden.”

Die EU ist in der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten der größte ausländische Investor und der zweitgrößte Handelspartner der Region.

Über die Beziehungen zwischen der Europäischen Union und den Ländern Lateinamerikas und insbesondere über die Herausforderungen des Gipfeltreffens in Brüssel sprachen wir mit der Präsidentin der Europäische Union-Lateinamerika/Karibik-Stiftung und früheren EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner.

euronews:
“Das langfristige Ziel engerer Beziehungen zwischen der EU und den Ländern Lateinamerikas und der Karibik ist Wohlstand und Nachhaltigkeit. Wie wirkt sich das Gipfeltreffen auf das Leben der Bürger aus?”

Benita Ferrero-Waldner:
“Ich denke, dass es wichtig ist zu unterstreichen, dass dieses Gipfeltreffen dazu dienen soll, die regionalen Beziehungen zum Nutzen der Menschen neu zu beleben. Wie sich diese Arbeit auf das Leben der Menschen auswirkt? Ich denke, dass man sich mit vielen konkreten Dingen befassen muss, wie wir es in unserer Stiftung tun. Wir haben beispielsweise Projekte im Bereich der Hochschulausbildung. So fand in Brüssel ein Ausbildungsgipfel statt, wir unterstützen diesen Prozess, denn ohne eine gute Ausbildung für alle wird es die Fortschritte nicht geben, die wir wünschen. In den Jahren von 2002 bis 2014 haben es rund 88 Millionen Menschen in der Region geschafft, die Armut hinter sich zu lassen, sie gehören heute zur Mittelschicht. Sie arbeiten in kleinen und mittleren Betrieben und tragen dazu bei, dass die Gesellschaften produktiver geworden sind.”

euronews:
“Einige Länder Lateinamerikas haben in den vergangenen Jahren ihre Handelsbeziehungen mit Märkten wie China erhöht, im Energiebereich spielt Russland eine größere Rolle. Verliert Europa an Boden? Kann es aus diesen Beziehungen Nutzen ziehen?”

Benita Ferrero-Waldner:
“Ich denke, dass wir wirklich an Boden verlieren. Der Handelsaustausch ist leicht zurückgegangen, doch die Beziehungen sind inzwischen stabil und haben eine gute Grundlage. Die Investitionen Europas machen 34 Milliarden Euro aus, was meiner Meinung nach sehr wichtig ist.”

euronews:
“Ihre Stiftung hat jüngst eine Konferenz zum Thema Jugendarbeitslosigkeit organisiert. Nicht nur Lateinamerika auch Europa ist davon betroffen. Zu welchen Schlüssen sind Sie gelangt?”

Benita Ferrero-Waldner:
“Den jungen Leuten, die davon betroffen sind, muss geholfen werden, sie müssen in den Prozess miteinbezogen werden. Alle Menschen brauchen Ausbildung, brauchen eine Berufsausbildung. Mehr Wissen bedeutet mehr Möglichkeiten. Hinzu kommt die Frage der Mobilität. Die jungen Menschen wünschen sich zudem mehr Möglichkeiten, andere Länder kennenzulernen.”

euronews:
“Benita Ferrero-Waldner, Präsidentin der Europäische Union-Lateinamerika/Karibik-Stiftung, haben Sie herzlichen Dank.”