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Bildung für alle!

Die Zahlen sind alarmierend: Nur in jedem zweiten Land weltweit gehen alle Kinder in die Grundschule. Und Millionen Kinder schließen die Grundschule

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Bildung für alle!

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Die Zahlen sind alarmierend: Nur in jedem zweiten Land weltweit gehen alle Kinder in die Grundschule. Und Millionen Kinder schließen die Grundschule gar nicht erst ab. Besonders Mädchen und Minderheiten sind bedroht. Das ist die ernüchternde Bilanz des UNESCO-Berichts ‘Bildung für alle’.

Meinung

Weltweit gehen 58 Millionen Kinder immer noch nicht zur Schule

Wieviele Mädchen schließen die Sekundar Stufe ab?

Im Jahr 2000 haben sich mehr als 150 Staaten in Dakar auf sechs verbindliche Bildungsziele geeinigt. Nach anfänglichen Fortschritten sind in vielen Ländern die ehrgeizigen Ziele versandet. Learning World hat den Chef des Programms “Bildung für alle” in Paris interviewt.

UNESCO: Schlechte Noten für viele Staaten

Es war ein langer Weg von Dakar bis nach Paris: 15 Jahre sind seit dem Start des Programms bis zur Veröffentlichung des Berichts Bildung für alle vergangen.

Anfangs legten sich noch viele Staaten ins Zeug. Doch für die meisten hagelt es nun schlechte Noten. Nur ein Drittel der Staaten hat alle sechs Bildungsziele erreicht, bedauert Aaron Benavot, der Chef des Global Monitoring Reports Bildung für alle.

Er erklärt: “Eine der größten Überraschungen, die aus diesem Bericht hervorgehen, ist, dass immer noch 58 Millionen Kinder nicht zur Schule gehen. Und das trotz der vielen Bemühungen für eine weltweite Grundschulausbildung – ein international gestecktes Ziel seit Jahrzehnten. Trotz des Geldes, das ausgegeben wurde, damit auch alle Kinder in ärmeren Länder zur Schule gehen, kommen wir nicht weiter. Wir stecken fest, die Zahl der Kinder, die nicht zur Schule gehen, wird nicht kleiner. In den ersten acht Jahren nach der Konferenz in Dakar gab es riesige Fortschritte, doch dann ging es nur noch sehr langsam voran. Und das ist kein gutes Omen für die Zukunft.”

In wie vielen Ländern beenden die Kinder die Grundschule?

Andrea Büring, euronews:
“Und in welchen Ländern hat sich die Situation verschlechtert? Gab es böse Überraschungen?”

Aaron Benavot, Global Monitoring Report:
“In mehreren Ländern in Subsahara-Afrika hat sich die Situation verschlechtert. In Nigeria etwa ist die Zahl der Kinder, die nicht zur Schule gehen, gestiegen und nicht gesunken. Und es gibt noch andere Fälle in manchen Teilen der arabischen Welt, wo es große Konflikte gibt.”

euronews:
“Wie kann man Regierungen davon überzeugen, mehr Geld für Bildung auszugeben?”

Aaron Benavot:
“Wenn man den finanziellen Aspekt berücksichtigt, dann kostet es etwas, wenn man seine Kinder nicht ausbildet. Dadurch entstehen finanzielle Kosten, politische Kosten, gesundheitliche Kosten. Die Kinder, die nie unterrichtet wurden, wachsen zu Erwachsenen heran, die nicht lesen können. Das hat Auswirkungen auf die Gesundheit: Mütter, die die Geburt überleben, Kinder, die ansteckende Krankheiten überleben, Kinder, die geimpft werden und die gut ernährt werden. Wenn wir unsere Kinder und Jugendlichen nicht ausbilden, dann haben wir am Ende sehr viele erwachsene Analphabeten. Das hat sehr schlechte Auswirkungen auf die Gesundheit und die Wirtschaft in diesen Ländern.”

Weltweit: Wieviele Kinder gehen zur Grundschule?

Indien: Mehr Kinder in den Schulen

Manche Länder haben erstaunliche Fortschritte gemacht. Eine Überraschung war Indien: Im Jahr 2000 gingen dort 16 Millionen Kinder nicht zur Schule. Heute sind es nur noch eine Million. Wie ist Indien vorgegangen?

Viele Eltern dort schickten ihre Kinder früher nicht zur Schule, weil sie selbst nie zur Schule gegangen waren. Die Kinder mussten zu Hause mitanpacken und sich um ihre Geschwister kümmern. Vor allem viele Mädchen bekamen nie die Chance, etwas zu lernen. Doch nach der Konferenz in Dakar im Jahr 2000 startete die indische Regierung unter dem Namen Sarva Shiksha Abhiyan, zu Deutsch “Universales Bildungsprogramm” eine Reihe an Initiativen, um alle Kinder landesweit einzuschulen.

Dr. Suvarna Kharat, die Koordinatorin des Projekts, sagt: “Wir hatten festgestellt, dass die Einschulungsrate nicht gut, nicht zufriedenstellend war. Und viele Kinder blieben nicht an den Schulen. Auch die Alphabetisierungsrate ließ zu wünschen übrig.”

Mit einer Werbeaktionen, an der unter anderem Bollywood-Stars teilnahmen, wurden die Eltern aufgerufen, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Es hat sich gelohnt. Kharat erzählt: “Mit der Einführung des universalen Bildungsprogramms ist es uns gelungen, an die 100 Prozent der Kinder in der Grundschule einzuschreiben.”

Indien: Schüler, die in der Grundschule eingeschrieben sind

Die indische Regierung hat auch die Infrastruktur verbessert, so dass Schulen auch auf dem Land einfacher zu erreichen sind. Freies Essen in der Kantine, kostenlose Schulbücher, mehr Lehrerinnen und getrennte Toiletten – dank dieser Initiativen gehen jetzt auch mehr Mädchen zur Schule.

Das Bildungsprojekt schafft auch Arbeitsplätze. Allein dieses Jahr werden mehr als 800 Lehrer gesucht:

Die Nichtregierungsorganisation Pratham unterrichtet Kinder in Slums und abgelegenen Dörfern. Doch laut Dr. Madhav Chavan, dem Direktor von Pratham, gibt es noch Probleme: “Zu sagen, dass alle Kinder in der Schule angemeldet sind, das ist das eine. Aber als nächstes stellt sich die Frage, ob diese Kinder auch jeden Tag, also regelmäßig, zur Schule gehen, die Antwort lautet hmm… Bekommen sie alle die gleiche Ausbildung? Die Antwort darauf ist: ‘Nein!’ Rund 40 Prozent der Kinder im Alter zwischen sechs und vierzehn Jahren gehen in Privatschulen. Das bedeutet, dass die indische Gesellschaft, selbst unter den Ärmeren, gespalten ist. Die einen gehen auf eine Privatschule, die anderen auf eine öffentliche Schule. Und das Schlimmste ist, dass obwohl sie zur Schule gehen, rund 50 Prozent der Kinder keinen einfachen Text lesen und keine einfache Rechenaufgabe lösen können.”

Dr. Madhav Chavan wurde 2015 für sein Engagement der CSR Leader Preis verliehen. 2012 hatte er bereits den Wise Prize der Qatar Foundation erhalten.

Der erste Schritt ist gemacht, fast alle Kinder sind in Indien in der Grundschule angemeldet, nun muss noch dafür gesorgt werden, dass sie auch wirklich im Unterricht erscheinen und gut mitkommen.

Mexiko: Besserer Unterricht für die Ureinwohner

Ein Klassenzimmer voller Schüler, die eifrig lernen – noch vor fünfzehn Jahren war das in den abgelegenen Teilen Mexikos eine Seltenheit. Doch seitdem hat die Regierung viel getan, damit alle Kinder zur Schule gehen.

CONAFE, der nationale Rat für Bildung, setzt sich insbesondere für Ureinwohner und Menschen ein, die unter der Armutsgrenze leben. Er stellt u.a. Schulmaterial für die Kinder bereit, deren Eltern es sich nicht leisten können.

Óscar Baños von CONAFE erklärt: “Wenn sich CONAFE einer Gemeinschaft annimmt, verändert sich diese sofort. Das liegt daran, dass wir für die Arbeit an den Schulen und für die Bildungsangebote alle Menschen der Gemeinschaft miteinbeziehen. Wir machen nichts am Rande der Gemeinschaft. Unsere Schulen sind offen.”

Damit eine öffentliche Schule gebaut werden kann, muss es eine gewisse Anzahl an Schülern geben. Wenn es nur fünf bis 30 Kinder in einer Bildungsstufe gibt – sei es Kindergarten, Grundschule oder Sekundar Stufe – kommt CONAFE ins Spiel. Der Rat baut eine Schule und schickt einen jungen Lehrer.

Heute sind 96 Prozent der Lehrer auf dem Land gut ausgebildet. Inspektoren kommen regelmäßig, um zu schauen, wie sie zurechtkommen und um ihnen mit dem Lehrprogramm zu helfen. Die jungen Lehrer wie Mario España geben sich viel Mühe, um die Kinder davon zu überzeugen, nicht die Schule zu schmeißen. “Wir müssen diese Kinder aus den Gemeinschaften fördern. Wir müssen ihnen neue Sachen zeigen, die sie nicht aus ihrer Umwelt kennen. Es geht darum, sie zu begeistern, und ihnen zu zeigen, was die Schule ihnen zu bieten hat,” so España.

70 Prozent der Ureinwohner-Gemeinschaften haben Zugang zu Bildung. Und bei ihnen ist die Rate der Schulabbrecher am höchsten. Auf jene, die die Schule nicht beenden, wartet ein Leben als Feldarbeiter. Doch es gibt Fortschritte. Viele haben verstanden, dass die Schule die einzige Möglichkeit ist, um der Armut zu entkommen. Die Eltern spielen eine wichtige Rolle. Sie sind es, die eine Schule anfordern und die dann ihre Kinder regelmäßig zum Unterricht schicken. Eine Familie der Gemeinschaft nimmt den Lehrer auf, bietet ihm Kost und Logis.

Guillermina Aguilar gehört dem Elternverein an. Sie erzählt: “Ich bin stolz darauf und ich werde solange es geht, die Lehrer unterstützen. Das macht mich glücklich. Ich wollte das von Anfang an machen und für mich sind die Lehrer keine Fremden, ich behandele sie wie meine eigenen Kinder.”

Trotz der Fortschritte hat Mexiko noch einen langen Weg vor sich, denn drei Millionen Kinder gehen immer noch nicht zur Schule.