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Nach über 70 Jahren: Prozess gegen weiteren SS-Wachmann von Auschwitz

In Deutschland steht erneut ein Wachmann aus einem Nazi-KZ vor Gericht. Der 94-jährige war laut Anklage als SS-Mann in Auschwitz für den Tod von

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Nach über 70 Jahren: Prozess gegen weiteren SS-Wachmann von Auschwitz

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In Deutschland steht erneut ein Wachmann aus einem Nazi-KZ vor Gericht.

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Man wusste, das waren Menschen, die da gerade brannten.

Der 94-jährige war laut Anklage als SS-Mann in Auschwitz für den Tod von mindestens 170000 Menschen mitverantwortlich. Der Vorwurf lautet auf Beihilfe zum Mord.

Diese 170000 Menschen waren Juden aus Ungarn, die 1944 deportiert worden waren und im Vernichtungslager Birkenau getötet wurden, auch bekannt als “Auschwitz II”.

Birkenau gehörte zum Lagerkomplex Auschwitz, wie das nahegelegene Stammlager, das Arbeitslager Monowitz und zahlreiche Außenlager. Birkenau aber diente der Massenvernichtung: Hier fanden die allermeisten Tötungen statt.

Etliche Überlebende aus Auschwitz, ebenfalls schon um die neunzig Jahre, treten in dem Prozess am Landgericht der Stadt Detmold als Nebenkläger auf.

Schon am Tag vor dem Prozess schilderten sie ihre Erinnerungen. “Die Krematorien, die man in Auschwitz gesehen hat, die Schornsteine, die spuckten richtig Feuer”, beschreibt der 94-jährige Leon Schwarzbaum. “Der Geruch des menschlichen verbrannten Fleisches war so unglaublich, dass man das kaum ertragen konnte. Man wusste, das waren Menschen, die da gerade brannten.”

Ein Bericht der “Lippischen Landes-Zeitung” von der Pressekonferenz der Nebenkläger

Als Läufer des Lagerältesten stand Schwarzbaum stundenlang Wache und sah dabei die furchtbarsten Dinge, schreibt die “Lippische Landes-Zeitung”: „Einmal fuhr SS-Sturmführer Schwarzhuber auf einem Motorrad, hinter ihm ein Lastwagen voller nackter Menschen auf dem Weg ins Krematorium, sie schrien und weinten und hoben die Hände zum Himmel, ich bin fast ohnmächtig geworden vor Schock.”

Schwarzbaum konnte Auschwitz verlassen, weil er für die Zwangsarbeit bei Siemens ausgewählt wurde.

“Ich wurde oft gefragt, ob es in Auschwitz SS-Leute gegeben habe, die menschlich waren”, sagt der 90-jährige Justin Sonder: “Nein, ich kann das ganz offen sagen, absolut nicht. Der eine hat geschlagen, der andere hat getreten, der eine hat das Kommando gegeben, der eine hat die Mütze weggeworfen, du sollst sie holen, dann ist geschossen worden – also absolut nicht.”

Siebzehn “Selektionen” habe er erlebt, sagt Sonder, ebenfalls laut der “LZ”: Splitternackt hätten die Häftlinge oft stundenlang
gestanden und gewartet: „Und dabei hat man gedacht, gelingt es dir noch einmal, Arbeitssklave für IG Farben zu bleiben oder hast du nur noch zwei oder drei Stunden zu leben? Ich bin der deutschen Sprache nicht mächtig genug, um darzustellen, was in Auschwitz eine Selektion war.”

Die Staatsanwaltschaft konzentriert sich auf die sogenannte Ungarn-Aktion von 1944, weil sie gut dokumentiert ist und aus ihrer Sicht zeigt, dass der Angeklagte an diesen Tötungen in Birkenau beteiligt war – auch wenn er sonst im Stammlager eingesetzt war.

Der Angeklagte selbst gibt zu, er sei im Stammlager Auschwitz eingesetzt gewesen, bestreitet aber die Vorwürfe der Anklage. Am ersten Prozesstag blieb er stumm.

Im Juli letzten Jahres war schon ein ein anderer SS-Mann von Auschwitz am Landgericht Lüneburg in Niedersachsen wegen
Beihilfe zum 300000-fachen Mord zu vier Jahren Haft verurteilt worden.

Das Urteil gegen den “Buchhalter von Auschwitz”, Oskar Gröning, ist aber nicht rechtskräftig. Der Bundesgerichtshof muss noch über die Revision entscheiden.