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Ramy Kanaan, Flüchtling und Schwimmer: "Sport gegen Heimweh"

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Ramy Kanaan, Flüchtling und Schwimmer: "Sport gegen Heimweh"

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Sein Deutsch ist richtig gut, besonders für jemanden, der es erst seit sechs Monaten lernt. Nur Telefonieren will Ramy Kanaan lieber nicht, er hat Angst vor Missverständnissen. Dabei weiß der junge Syrer aus Latakia sehr gut, was er will. “Deutsch ist der Schlüssel”, sagt Ramy Kanaan, er lernt jeden Tag.

In Syrien hat der 24-Jährige Sport studiert. Er sagt, er war in der Schwimm-Nationalmannschaft und hat an arabischen Meisterschaften teilgenommen. Viele seiner Fotos zeigen einen jungen Mann mit Sonnenbrille am Strand. Jetzt trainiert Ramy Kanaan fünf Mal in der Woche mit dem Wassersportverein im niedersächsischen Nordhorn im von der Abwärme eines Blockheizwerkes beheizten Freibad.

Der Verein bezahlt einen Teil des Busgeldes und hat Ramy ein Fahrrad zur Verfügung gestellt, damit er von Schüttorf – wo er wohnt – in den Nachbarort Nordhorn an der niederländischen Grenze zu den Schwimmkursen fahren kann, die er als Übungsleiter betreut. “Das haben wir gemacht, da er überhaupt kein Deutsch sprechen konnte, als er zu uns kam. Diese Übungsstunden macht er zusammen mit einem anderen Trainer. Die Zusammenarbeit mit kleinen Kinder fördert die sprachliche Entwicklung von Ramy.” Das erklärt Gaby Ekkelboom vom WASPO-Nordhorn.

Im Mai zieht Ramy Kanaan um nach Essen. Trainer Jürgen Voigt von der SG Essen hat einen guten Eindruck von Ramy. Der Schwimmverein hat ihm eine Wohnung besorgt. Der junge Syrer soll Schwimmkurse für Drei- bis Sechsjährige geben und vor allem helfen, Kinder mit Migrationshintergrund durch Sport zu integrieren – auch indem er ihre Familien anspricht.

Ramy Kanaans Eltern leben nach wie vor in Latakia, der Vater ist Ingenieur, die Mutter Biologin, beide arbeiten. Zur Politik will Ramy lieber nichts sagen. Er hat Syrien verlassen, weil er sonst zum Militär gemusst hätte – in den Krieg an die Font: “Kämpfen, ohne zu wissen warum und gegen wen”.

Geflohen ist Ramy Kanaan über die Türkei und die Balkanroute. “Ungarn war die Hölle . Ich musste mich in Wäldern verstecken – vor der Polizei und ihren Hunden. In Budapest habe ich einen Schlepper gefunden, der die Fahrt bis nach München organisiert hat. Die Polizei schien zu wissen, wo die Schlepper sind, aber wollte wohl nichts unternehmen. Naja, nicht meine Angelegenheit.”

Ramy Kanaan vermisst seine Familie und das Meer und die Atmosphäre in seiner Stadt Latakia. In Deutschland würde er gerne weiter Sport studieren und Schwimmwettkämpfe gewinnen. Wie viele junge Leute ist Ramy Fan vom FC Barcelona. Doch seine enorme Motivation beeindruckt – auch Gaby Ekkelboom: “ Ich denke, es gibt nicht viele Personen, denen soviel am Schwimmen liegt wie Ramy. Als er bei uns anfing war ich sehr erstaunt, dass er seine syrische Badehose und Badekappe mitgenommen hat, als er aus Syrien flüchtete. Das zeigt schon, mit welcher Begeisterung er diesen Sport ausübt.” Ramy möchte “an die deutsche Gesellschaft etwas zurückgeben”, und er will seine Geschichte erzählen: “Es ist die Geschichte eines Mannes, dem der Sport geholfen hat, das Heimweh zu vergessen.”