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Donald Trump auf die Finger geschaut: Was seine Gesten und seine Körpersprache ausdrücken

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Donald Trump auf die Finger geschaut: Was seine Gesten und seine Körpersprache ausdrücken

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Über Donald Trumps politische Ansichten wird trefflich gestritten, doch eines ist sicher: Der Milliardär ist ein begabter Redner und hat bei seinen Wahlkampfveranstaltungen die Massen im Griff. Wir haben uns einige typische Trump-Gesten angeschaut und lassen Experten für Körpersprache und nonverbale Kommunikation zu Wort kommen.

Ist Trump wie ein offenes Buch?

Geoff Beattie, Professor für Psychologie an der englischen Edge Hill Universität und Autor eines Buches über Körpersprache, meint, Trumps oft übertriebene Art sei zugleich eine seiner Stärken: “Politiker wollen als offene, ehrliche und authentische Personen erscheinen. Wenn man einen Gesichtsausdruck zeigt, der eine emotionale Antwort verrät, meinen die Leute, dass man an das glaubt, was man sagt. Egal, wie haarsträubend es ist”, so Beattie. “Viele Politiker verbergen sich in Interviews oder Diskussionsrunden hinter einem Lächeln. Das löst bei uns ein ungutes Gefühl aus, weil wir wissen, dass sich derjenige damit teils versteckt. Vielleicht erkennen wir das nicht bewusst, denn viele Prozesse der nonverbalen Kommunikation finden unbewusst statt, dennoch gibt uns das ein ungutes Gefühl”, erläutert der Psychologe.

Mögliche Unstimmigkeiten zwischen Trumps Aussagen und seiner Körpersprache sind Gegenstand einiger Untersuchungen. Doch handfeste Ergebnisse sind damit nicht erzielt worden. In einem Bericht der britischen Zeitung The Independant sagte Darren Stanton, ein ehemaliger Polizist, der sich auf die Deutung von Körpersprache spezialisiert hat: “Bei den sieben Kommunikationskanälen, die ich untersucht habe, war er jeweils widerspruchsfrei. Deshalb habe ich geschlussfolgert, dass seine Aussagen mit dem übereinstimmen, was er denkt.”

Unsere Experten

- Geoff Beattie ist Psychologieprofessor an der Edge Hill University. Seine Arbeiten und Veröffentlichungen umfassen Themen wie Rassismus, verbale und nonverbale Kommunikation sowie psychologische Aspekte des Sports, besonders des Boxens.

- Alan Stevens ist Kommunikationsfachmann und Mediencoach: mediacoach.co.uk

Dass Trumps Gesten Stanton zufolge seine wirkliche Haltungen und Meinungen darstellen, sagt aber noch nichts darüber aus, ob der US-Präsidentschaftskandidat diese Zeichen und Gesten bewusst einsetzt, um gewisse Reaktionen zu erzeugen und Aussagen zu verstärken beziehungsweise zu illustrieren. “Ich glaube nicht, dass er in Sachen Körpersprache umfassend geschult wurde”, sagt Beattie. “Trump hat eine sehr ausgeprägte Körpersprache, einige seiner gestischen Bewegungen sind ungewöhnlich. Mit der Meinung, dass ihm diese antrainiert wurden, stimme ich nicht überein.”

Nicht nur seine Gesten und seine Ausdrucksweise unterscheiden Trump von anderen Politikern. Der britische Mediencoach Alan Stevens sagte gegenüber euronews, Trumps Auftreten und seine Bühnenpräsenz seien bemerkenswert: “Präsidenten wie Bill Clinton und Barack Obama haben sich oft vom Rednerpult entfernt, um mit den Menschen in Kontakt zu treten. Trump bleibt an seinem Platz, er setzt Oberkörpergesten ein, um Dinge auszudrücken. Dadurch vermittelt er verstärkt ein Gefühl von Stärke und Kontrolle und setzt weniger auf einen gemeinschaftlichen Ansatz.”

Wiederkehrende kraftvolle Gesten wirken überzeugend und können dem Zuschauer Glaubwürdigkeit vermitteln, meint Stevens. Geoff Beattie hat in Studien herausgefunden, dass der verstärkte Einsatz von Gesten für ein besseres Erinnern des Inhalts einer Rede sorgt. Der Zuschauer und Zuhörer erhält die Botschaft also zweifach, nämlich per Wort und per Geste, und das bleibt im Gedächtnis.

Trumps Handbewegungen

Trump führt Daumen und Zeigefinger zusammen und formt einen Kreis. Zugleich bewegt er die Hand auf und ab.

Geoff Beattie: “Damit betont er die Inhalte, die er für wichtig hält – die Leute mögen es, wenn Politiker das tun. In gewisser Weise wird damit ausgedrückt, dass man hinter seiner Aussage steht.”

Alan Stevens: “Er macht Handbewegungen, wenn er ausdrücken will, dass etwas falsch läuft. Danach geht er zu schließenden Gesten über, um zu zeigen, dass man ihm vertrauen kann, weil er eine Lösung für dieses Problem hat.”

Manchmal überführt Trump seinen Kreis aus Daumen und Zeigefinger in ein “L”. Was hat das zu bedeuten?

Geoff Beattie: “Manche Leute meinen, diese beiden Gesten seien austauschbar, doch das glaube ich nicht. Er nutzt diese präzisierende Geste als Kontrapunkt zum erhobenen Zeigefinger, um einen dritten Aspekt von etwas zu betonen. Der Fingerzeig nach oben ist ungewöhnlich. Ich habe die Gesten vieler Politiker analysiert, doch nur wenige nutzen diese.”

Alan Stevens: “Der geschlossene Kreis und die L-Geste sollen ausdrücken, dass er genau weiß, wovon er spricht. Das ‘L’ soll Präzision vermitteln, der geschlossene Kreis soll zeigen, dass eine Aufgabe sorgfältig erledigt wird. Diese Gesten werden oft von seinen Anhängern imitiert und sorgen für Verbundenheit.”

Manche Politiker wie Obama, der oft eine Faust-Daumen-Geste verwendet (siehe Foto), haben versucht, das klassische Punktsetzen per Finger durch eine Bewegung zu ersetzen, die weniger aggressiv erscheint. Trump tut das nicht, er setzt regelmäßig Punkte mit dem ausgestreckten Zeigefinger.

Alan Stevens: “Das Punktsetzen wird von vielen Rednern vermieden, weil es als anklägerisch verstanden werden kann. Donald Trump hat diese Geste als Gastgeber der Fernsehsendung ‘The Apprentice’ zu seinem Markenzeichen gemacht. Damit erinnert er die Menschen daran, dass er als Präsident die Macht habe, Leute zu feuern (wie er es in seiner Sendung getan hat).”

Geoff Beattie: “Wenn er manchmal über Clinton spricht, wird aus dem Punktsetzen eine Kralle. Er spricht darüber, wie sie Richter aussucht und in diesem Moment wird aus dem Punktsetzen so etwas wie eine Kralle.”

Trump hat mehrere Offenheitsgesten wie das Ausbreiten der Arme.

Alan Stevens: “Gesten, bei denen die Handflächen gezeigt werden, sind normalerweise Bewegungen, die andere Menschen miteinschließen sollen.”

Geoff Beattie: “Damit sagt er: ‘Schaut her, ich bin ein ehrlicher Kerl.’ Es gibt mehrere Reden, in denen er von negativen Dingen spricht und dann die Arme ausbreitet, um zu signalisieren: ‘Das Publikum und ich sitzen in ein und demselben Boot.’ Das sagt er nicht, sondern drückt es nonverbal aus. Einige seiner Kritiker merken richtigerweise an, dass Trump oft über sich selbst spricht. Und es wurde viel über sein hohes Maß an Narzissmus gesagt. Trump widerspricht dem nicht, sondern kompensiert diese Kritik, indem er gemeinschaftliche Gesten verwendet, die zwischen ihm und dem Publikum ein Wir-Gefühl entstehen lassen. Er zeigt, dass seine Gefühle und die Gefühle der Menschen auf einer Linie liegen. Selbst wenn er über sich selbst spricht, sorgt er also dennoch für eine Verbindung zum Publikum.”

Trump spreizt bei dieser abwehrenden Geste die Finger beider Hände und bewegt sie auf und ab. Man hat den Eindruck, er drücke seine Hände gegen eine unsichtbare Wand.

Alan Stevens: “Damit erinnert er an zwei seiner großen Themen: Die Mauer an der Grenze zu Mexiko und den Vorschlag eines Einreiseverbots für Muslime.”

Geoff Beattie: “Er versucht damit eine unmittelbare Reaktion auf Gefahren zu zeigen, die den Vereinigten Staaten drohen. Die Leute sind dann der Meinung, dass er mit vollem Einsatz hinter der Sache stehe.”

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