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Noch mehr afghanische Flüchtlinge in Europa zu erwarten

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Noch mehr afghanische Flüchtlinge in Europa zu erwarten

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Auch wenn der internationale Kampfeinsatz in Afghanistan seit 2014 beendet ist – befriedet ist das Land noch lange nicht. Hunderttausende Afghanen flüchteten. Willkommen sind sie nicht unbedingt in Europa. Doch werden wir mit einem noch größeren Ansturm von afghanischen Flüchtlingen rechnen müssen? Fragen an Jean-François Corty von der Organisation “Ärzte der Welt” und Eugenio Ambrosi von der Internationalen Migrationsorganisation.

Sophie Claudet, euronews:
“Die Zahl der Asylbewerber aus Afghanistan hat sich 2015 im Vergleich zum Vorjahr vervierfacht. Wir wissen, dass die Gewalt im Land zunimmt. Muss man also mit einer weiteren Zunahme von afghanischen Migranten in Europa in den kommenden Monaten und Jahren rechnen?”

Jean-François Corty:
“Wir wissen, dass verschiedene Faktoren die Afghanen auch weiter dazu treiben werden, aus mehreren Gegenden zu fliehen. Die Kämpfe halten an, etliche Distrikte, etliche Regionen wurden jüngst von den Taliban eingenommen, die Anschläge nehmen zu, mit vielen Toten, also eine wachsende Instabilität – selbst wenn die internationalen Akteure sich weigern, konkret zu sagen, dass in Afghanistan Krieg herrscht. Dann gibt es andere Gegenden, wo der Druck auf die Afghanen stark ist: Ich denke da vor allem an die Stammesgebiete in Pakistan. Mehrere hunderttaused Flüchtlinge halten sich in diesen sehr instabilen Gebieten auf. Und dann auch einige hunderttausend oder sogar eine bis eineinhalb Millionen Flüchtlinge im Iran, von denen man weiß, dass viele von ihnen, ganze Familien, erst vor kurzem geflohen sind. Sie sind in inzwischen in der Türkei und in Griechenland, weil sie dazu gedrängt wurden, vor allem die Männer, an Seiten der iranischen Truppen in Syrien gegen den Islamischen Staat zu kämpfen. Es halten also eine ganze Reihe von Faktoren den Druck auf die Afghanen aufrecht, weswegen man erwarten kann, dass noch mehr Afghanen von dort fliehen werden, wo sie stigmatisiert werden oder in Gefahr sind. “

Eugenio Ambrosi:
“Es ist schwierig, genaue Zahlen zu nennen, aber man weiß, dass dieses Problem für uns in Europa weiter anhalten wird, und dass es sich noch entscheidend ausweiten wird, vor allem, wenn die Instabilität in den Ländern anhält.”

Sophie Claudet:
“Die Afghanen haben absolut keine Priorität bei der Asylbewilligung in Europa. Wird Europa seine Politik ändern, wohl wissend, dass die Gewalt in Afghanistan wieder zunimmt?”

Jean-François Corty:
“Was heute diskutiert und in Frage gestellt werden muss, ist das Konzept der freiwilligen Rückkehr, wie Europa es hochhält. Es weist die afghanischen Familien darauf hin, unter guten Bedingungen nach Afghanistan zurückzukehren. Ich bin völlig gegen dieses Konzept der freiwilligen Rückkehr, denn es gibt viele Afghanen, die heute unter schrecklichsten Bedingungen in den Flüchtlingslagern und Brennpunkten in Griechenland hausen, seit Monaten, mit ihren Kindern, die keine Zukunft haben. Und unter diesen Bedingungen sehen sie keine andere Möglichkeit, als wieder in ihr Land zurückzukehren, weil sie keinerlei Zukunft dort haben, wo sie gerade sind. Aus unserer Sicht muss Europa seine Kapazitäten zum Schutz dieser Afghanen ausweiten.”

Sophie Claudet:
“Sprechen wir über diese freiwillige Rückkehr. Herr Ambrosi, die Internationale Migrationsorganisation wickelt in Griechenland die freiwillige Rückkehr ab. Wir haben für unsere Reportage selbst eine Familie getroffen, die sich dafür entschied. Was antworten Sie Herrn Corty – ist die Rückkehr wirklich immer freiwillig?”

Eugenio Ambrosi:
“Ich stimme zu, dass Europa eine Verantwortung hat, den Schutzraum auszuweiten. Für die Afghanen und auch für die Bürger anderer Staaten, die derzeit nicht als prioritär angesehen werden. Und es ist offenkundig, dass es eine ungleiche Behandlung gibt zwischen einem Flüchtling oder Asylbewerber aus Syrien, aus Eritrea oder aus Afghanistan oder anderen Ländern. Realität ist, dass Leute zu uns kommen und uns um Hilfe bei ihrer Rückkehr bitten. Man muss diese Rückkehr mit großer Sorgfalt organisieren. Wir bringen die Leute nicht einfach irgendwo hin. Wir schauen sehr genau, ob ihnen bei der Rückkehr Sicherheitsrisiken oder andere Risiken drohen. Nichtsdestotrotz gibt es viele Situationen, in denen die afghanischen Flüchtlinge entscheiden, ihr Emigrationsprojekt abzubrechen.”

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