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Nach dem Brexit: jetzt wollen viele einen zweiten Pass


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Nach dem Brexit: jetzt wollen viele einen zweiten Pass

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Die Volksabstimmung über Großbritanniens Austritt aus der EU hat dazu geführt, dass fremdenfeindliche Übergriffe im Vereinigten Königreich zunehmen. Insbesondere Zuwanderer aus Polen sind verunsichert. Euronews schickte ein Reporterteam auf die Insel.

Die Angst geht um

Die Angst geht um in London. Zukunftsangst. Und Angst vor Schlägern... Das Herz der polnischen Auswanderer pocht hier – in der Londoner King Street. Doch in den Kulturzentren, kleinen Geschäften und polnischen Supermärkten macht sich Unruhe breit. Auch im Polish Deli, einem auf Direktimporte spezialisierten Delikatessengeschäft. Aus dem Radio über der Eingangstüre dudelt ein polnischer Sender, manche Kunden sprechen Englisch, manche Polnisch.

Gerade eben ist eine Lebensmittellieferung eingetroffen, frisch aus Polen. Mirek und Izabela müssen die Preise hochsetzen, auch für die leckeren Gürkchen, denn nach dem Brexit-Referendum verliert das Pfund Sterling an Wert.

Pöbler im Polen-Deli

Doch das ist nicht das Schlimmste. Englische Pöbler stürmten das Delikatessengeschäft, beleidigten Izabela. “Hau doch ab”, bekam die Polin zu hören. Seitdem kommt täglich die Polizei vorbei, schaut kurz in den Laden, fragt, ob alles in Ordnung ist, damit sich Mirek und Izabela wieder sicher fühlen können.

Izabela Pluszczok ist empört, beim Erzählen gerät sie ins Gestikulieren, man spürt ihre Wut – denn der Pöblerzwischenfall ist nur ein Grund, sich zu ärgern. Auf einmal habe sich die gesamt Stimmung im Land irgendwie gedreht, meint Izabela: “Derzeit ist es hier nicht allzu spaßig. Wir haben das Gefühl, dass uns die Briten nicht mehr haben wollen. Komische Situation… Alle fürchten sich irgendwie.”

Izabela wird ihren polnischen Pass behalten, da ist sie sich sicher. Als Rückversicherung. Notfalls könnte sie ihr Delikatessengeschäft in ein anderes EU-Land verlagern – oder zurückgehen nach Polen. Ein herber Verlust wäre das für Londons Feinschmeckerkreise. Und die Londoner King Street wäre weniger bunt, weniger europäisch.

Schimpfwörter, Schmierereien, Schläge

Nicht weit entfernt vom “Polish Deli” befindet sich das polnische Kulturzentrum, Schmierer verunzierten nach dem Brexit-Referendum die Fassade mit üblen Schmierereien. Inzwischen ist die Fassade wieder gereinigt – doch das Gefühl der Verunglimpfung, der Ausgrenzung ist nicht so leicht wegzuwischen. Die Liste der anti-polnischen Zwischenfälle ist mittlerweile recht lang – und blutig: Brandstiftung (das Gartenhaus einer polnischen Einwandererfamilie in Plymouth wurde abgefackelt, glücklicherweise nur Sachschaden), rassistische Handzettel, wüste Beschimpfungen (etwa in der Warteschlange eines Supermarktes in Gloucestershire oder an einem Postschalter in Bristol)… und im südostenglischen Städtchen Harlow wurde ein Pole bei einer Schlägerei getötet

Und was nun?

Was geschieht mit den etwa 800 000 bis 900 000 Polen, die hier in Großbritannien leben? Welche Entscheidungen werden sie treffen, jetzt, nach dem Brexit? Bleiben – und einen Antrag auf britische Staatsangehörigkeit stellen? Oder mit dem Gedanken an einen Ortswechsel spielen – zurück in das heimatliche Kontinental-Europa, zurück in die Heimat EU?

Ende der Freizügigkeit

Die britische Premierministerin will die Freizügigkeit für EU-Bürger beenden. Was das konkret, nach Abschluss der (offiziell noch nicht einmal begonnenen) Austrittsverhandlungen, bedeutet, steht derzeit noch in den Sternen… und eben deshalb will die Unruhe bei den in Großbritannien lebenden Polen nicht weichen. Brauchen EU-Bürger in Großbritannien künftig eine Arbeitserlaubnis? Einerseits ist von Politikern immer wieder zu hören: wer als EU-Bürger heute bereits in Großbritannien ist, der braucht nichts zu fürchten. Angeblich geht es nur um die Beschränkung künftiger Grenzübertritte, nicht um die Ausweisung von EU-Bürgern, die bereits heute auf der Insel arbeiten und leben. Doch derartige Versicherungen und Wortmeldungen werden – nach der Brexit-Kampagne und dem Stimmungswandel im Land – nur noch halb geglaubt.

Als Polen 2004 der Europäischen Union beitrat, verlangte die britische Regierung keine Übergangsfrist für polnische Migranten. Während andere EU-Mitglieder (mit Ausnahme von Schweden und Irland) von einer Sonderregelung Gebrauch machten, die den unbeschränkten Zuzug von Bürgern aus den neuen Mitgliedstaaten um bis zu sieben Jahre verschob, verzichteten die britischen Politiker hierauf. Nach dieser souveränen, nationalstaatlichen, durch und durch britischen Entscheidung verachtfachte sich die Zahl der Polen in Großbritannien bis 2015.

Monika will Britin werden

In Lewisham, im Londoner Südosten, treffen wir Monika Wanda Nawrot, eine Büroangestellte aus Polen. Seit 2005 lebt sie hier. Monika möchte einen britischen Pass, so schnell wie möglich. Mit dem Handbuch Leben in Großbritannien trainiert sie knifflige Fragen zur britischen Geschichte und Gesellschaft. Den Englisch-Sprachtest hat sie bereits erfolgreich abgelegt.

Monika ist eine aufgeschlossene, praktisch veranlagte Frau, die Musicals mag und gerne mit Freunden lacht. Doch das Brexit-Referendum hat ihr sonniges Naturell verdüstert.

Monika Wanda Nawrot: “Der Brexit bereitet mir Sorgen, wegen der Unsicherheit, wie das alles weitergeht. Darf ich hier bleiben? Was geschieht mit meiner Hypothek? Muss ich meine Wohnung verkaufen und zurückgehen? Wirklich: ich habe keine Ahnung…”

Verunsicherung

Unsicherheit – das Wort verwenden sämtliche Gesprächspartner, die wir im Lauf unserer Recherche treffen. Der Wunsch nach Sicherheit ist der Hauptgrund für den Anstieg der Einbürgerungsanträge. Um Britin zu werden, verbringt Monika ihre Wochenenden damit, Papierkram aus fünf Jahren zu durchforsten. Sie muss unter anderem belegen, dass sie nicht zu oft im Ausland war.

Monika Wanda Nawrot: “Ich muss alles präzise aufschreiben: wann genau ich Urlaub in Spanien gemacht habe, in Italien, egal wo. Die wollen genaue Daten, nicht nur ungefähre Monatsangaben. Danach muss ich jetzt erst einmal suchen, gar nicht so einfach, sich zu erinnern. – Natürlich muss ich auch meine Einkommensbescheinigungen wiederfinden, Gehaltsabrechnungen, vermutlich auch die Arbeitsverträge.”

Juristentipps in acht Sprachen

In der Londoner City haben wir eine Verabredung mit Pawel Wargan, einem jungen Londoner Anwalt mit polnischen Wurzeln, Oxford-Ausbildung und akzentfreiem Englisch. Unmittelbar nach dem Brexit-Referendum, nur Stunden nach Bekanntgabe der für ihn katastrophalen Ergebnisse, richtete er eine Internetseite mit Tipps in acht Sprachen ein. Dort können Europäer, die in Brexit-Land leben, fremdenfeindliche Übergriffe melden und Informationen zu Aufenthaltsfragen bekommen.

Keine Panik

Keine Panik rät Pawel, aber: Halten Sie sich auf dem Laufenden. “Theresa May würde den freien Personenverkehr gerne beenden”, meint der junge Mann mit dem korrekten Seitenscheitel und dem perfekt sitzenden Anzug, “zumindest um ihre Verhandlungsposition gegenüber der EU zu stärken. Das erzeugt Unsicherheit. – Ich würde gerne zu einer Familie gehen, die hier seit zehn Jahren lebt, und sagen: Ihr dürft bleiben. Und letztendlich wird es so kommen, denn man sollte nicht vergessen: Eine Million Briten leben in einem (anderen) EU-Land, die wollen gleiche Rechte. Es liegt im Interesse sowohl der EU wie auch Großbritanniens, diese Rechte abzusichern. Doch mit absoluter Gewissheit kann ich das nicht sagen.”

Rettung vor Brexit: Briten werden Iren

Das Problem betrifft nicht nur Polen, Deutsche, Rumänen, Italiener, Esten und andere Europabürger in Großbritannien. Es betrifft auch gebürtige Briten – so wie Frances Shipsey. Ihre Vorfahren stammen aus Irland – und Frances Herz schlägt für Europa. Jetzt will sie sich eine doppelte Staatsbürgerschaft zulegen, denn auf ihren bordeauxroten Europapass will sie auf keinen Fall verzichten. Auch Francis Ehemann Martin und ihre Tochter Fiona fürchten die Folgen des Brexit, so wie unzählige weitere Briten mit irischen Wurzeln. Ergebnis: Die Nachfrage der nach irischen Pässen steigt sprunghaft…

Fiona Shipsey: “Viele meiner Freunde sagen, dass sie nach der Schule vorhatten, ein Jahr in Europa zu leben und zu studieren. Doch jetzt müssen sie darüber noch einmal nachdenken… Es könnte zu teuer oder zu kompliziert werden.” Schuld daran sei der Brexit.

Fionas Mutter Frances ergänzt: “Für unseren Urlaub haben wir unsere europäische Krankenversicherungskarte. Die ist noch gültig, glücklicherweise. Noch sind wir ja in der EU. (Diese Krankenversicherungskarte der EU) ist einer der konkreten Gründe, einen irischen Pass zu beantragen: Ich will in der Europäischen Union bleiben und von den Vorteilen meiner europäischen Staatsbürgerschaft profitieren.”

Bald drei Pässe in der Küchenschublade

Die Familie lebt in Hackney, in einem kleinen Haus in einer ruhigen Seitenstraße. Wir setzen uns in der Küche zusammen, an der Wand hängt eine alte Weltkarte, es gibt Tee, auf dem Tisch steht ein chinesisches Schachspiel, ein offenes Fenster geht hinaus auf den kleinen Garten hinter dem Haus, es wirkt gemütlich hier. Frances Ehemann Martin ist Schotte, aber auch er hat irische Vorfahren. Sollten jetzt ihrerseits die Schotten aus Großbritannien austreten – eine durchaus denkbare Folge des Brexit – dann haben die Shipseys bald drei Pässe in der Schublade: Britische, irische und schottische…

Tochter Fiona, ein Teenager, ergreift erneut das Wort: “Ich habe in der Schule mit meinen Freunden viel über den Brexit diskutiert. Alle sind entsetzt. Uns ist klar, dass wir auf die Europäische Union und den Rest Europas angewiesen sind. Wir wollen keine Verbindungen kappen.”

Mutter Frances spendet Trost: “Ich habe einen Blick auf die Homepage der Irischen Botschaft geworfen, um mich zu informieren, wie wir an irische Pässe kommen. Ich gelte als Irin und habe ein Anrecht auf einen Pass. Du bist auch berechtigt, wegen Deiner (irischen) Großeltern und durch mich.”

Fiona meint dazu: “Eigentlich fühle ich mich gar nicht so besonders irisch. In Irland war ich ein einziges Mal. Ich habe mich immer als Londoner betrachtet. Doch es ist gut, durch Dich und meine Großeltern diese Verbindung (zu Irland) zu haben. Das ist eine Rückversicherung, EU-Bürgerin bleiben zu können und einen irischen Pass zu bekommen. Hoffentlich klappt das.”

Insiders: After Brexit - Part 1

Rettung vor Brexit: Briten werden Franzosen

Machen wir uns auf den Weg nach Frankreich, Traumland vieler Briten. Hier scheint die Sonne. Es regnet seltener. Ob die hier lebenden Briten jetzt alle Franzosen werden wollen?

In Lyon sind wir mit Dave Eales verabredet, dem Besitzer des Smoking Dog, der allerenglischsten aller englischen Kneipen zwischen den Flüssen Rhône und Saône. Ja, Dave will Franzose werden.

Kampf mit Formularen

In seinem Wohnzimmer hoch über der Lyoner Altstadt kämpft er mit französischen Antragsformularen. Als britischer Unternehmer, der hier in Frankreich seit Jahren Steuern zahlt, hat er schon länger mit dem Gedanken der doppelten Staatsbürgerschaft gespielt. Doch immer wieder zögerte er. Dann kam der Brexit.

Dave Eales: “Als das Ergebnis der Brexit-Abstimmung feststand, habe ich entschieden: Jetzt werde ich meine Papiere zusammensuchen und den Antrag (auf französische Staatsbürgerschaft) ausfüllen. Auch im Interesse meiner drei Kinder. Meine Frau ist auch Britin und will ebenfalls einen Antrag stellen. Und die Vorteile (einer doppelten Staatsbürgerschaft) sind klar: Damit kann ich meine geschäftlichen Aktivitäten hier in Frankreich so weiterführen wie bislang, ohne das Unbekannte fürchten zu müssen.”

Dave will Europabürger bleiben

“The Smoking Dog” ist mehr als nur eine Kneipe. Hier treffen sich die Auslandsbriten zum Gedankenaustausch, Lesen, Reden, Schachspielen – und Politisieren. Der Brexit ist seit Wochen Gesprächsthema Nummer eins. Und viele wollen es machen wie Dave: Einen französischen Pass beantragen. Denn Dave und seine Freunde wollen vor allem eines bleiben: echte Europäer.

Insiders: After Brexit - Part 2

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