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Blutrache in Albanien: wie ein Zuhause zum Gefängnis wird

In Nordalbanien gilt das Gewohnheitsrecht "Kanun", durch das ein Mord durch die Ermordung eines Mitglieds der Täterfamilie gesühnt wird.

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Blutrache in Albanien: wie ein Zuhause zum Gefängnis wird

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Nordalbanien, eine arme, abgelegene und bergige Region. Hier gilt ein archaisches Gesetz: Kanun, das Recht der Sühnemorde.

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"Wenn Menschen gebildet sind, dann lassen sie sich gar nicht erst auf Blutfehden ein."

Liljana Luani Lehrerin

Auge um Auge

Der Mord eines Familienmitglieds wird mit der Ermordung eines Mannes oder Jungen der Täterfamilie gesühnt. Auge um Auge, Blut um Blut. Eine Gewaltspirale, die sich oft jahrzehntelang dreht. Der Kanun zerstört ganze Großfamilien.

Aus Angst vor Rache sind die Betroffenen zu einem Leben zu Hause verdammt, oft jahrelang. Denn dort droht ihnen keine Gefahr.

Bildung als Waffe

Die 56-jährige Lehrerin Liljana Luani aus Shkodra will helfen: mit Büchern, Haushaltsgegenständen und viel Lebenserfahrung.
Sie besucht eine Mutter mit ihren drei Söhnen im Teenager-Alter. Der Ehemann der Frau sitzt wegen Mordes ein. Aus Sicherheitsgründen darf keiner der Söhne das Haus verlassen.
Luani gibt dem Jüngsten Schulunterricht. Auf diese Weise, hofft sie, entkommt er dem Teufelskreis aus Gewalt.

Luani meint,
“ich gehe von Tür zu Tür und besuche Kinder, die in Blutmorde verwickelt sind. Ich sehe ihre Schmerzen, ihr Leid und das Leid ihrer Familien, ich bin emotional involviert, ich kann nicht anders.”

Nur Männer werden zu Opfern oder dürfen Rache nehmen, so sieht es der Kanun vor. Die Verfolgung kann jahre-, sogar jahrzehntelang andauern.
Die Lehrerin erinnert sich noch genau an einen Jungendlichen, der trotz der drohenden Gefahr zur Schule ging. Er wurde aus einem Hinterhalt erschossen.

Die Lehrerin erinnert sich:
“Der Tod meines Schülers liegt schon zwei Jahre zurück, aber ich werde ihn niemals vergessen. Niemals. Ich höre immer noch seine Stimme und sein Lachen im Schulflur, wenn ich durch seine Haare wuschelte und er versuchte, seine Frisur zu retten. Dieses Unglück, diese Blutfehde blieben ihm nicht erspart.”

Machtvakuum

Auf den Kanun beziehen sich die Menschen in Nordalbanien seit Jahrhunderten, vor allem dann, wenn es eine schwache Regierung gibt.

Luani erklärt,
“ich denke, Bildung und psychosoziale Erziehung sind eine gute Waffe gegen Blutfehden. Doch beides kommt bei der jetzigen Generation zu kurz. Wenn Menschen gebildet sind, dann lassen sie sich gar nicht erst auf Blutfehden ein.”

Es wird geschätzt, dass seit den 90er Jahren in Nordalbanien innerhalb von zwei Jahrzehnten fast 10.000 Morde im Namen des Kanun begangen wurden.

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