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Populismus als "kollektive Blödheit" und "islamischer Faschismus" - ein Gespräch mit M. Schmidt-Salomon


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Populismus als "kollektive Blödheit" und "islamischer Faschismus" - ein Gespräch mit M. Schmidt-Salomon

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Hass auf die Eliten und Formen “kollektiver Blödheit” – unter anderem damit beschäftigt sich der Philosoph Michael Schmidt-Salomon (49). Er hinterfragt die Themen unserer Zeit: Populismus, Religion, Islamismus und Postfaktizität. In den USA gewinnt Donald Trump mit einem Wahlkampf voller Unwahrheiten und Verdrehungen die Präsidentschaftswahl, Islamisten führen einen grausamen Terrorfeldzug gegen jeden, der nicht in ihr Weltbild passt, und im Internet wird die Menge an Falschinformationen von Tag zu Tag größer. Wo bleibt da die Vernunft?

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Wir erleben derzeit einen spürbaren Rechtsruck und einen Anstieg des Populismus. Was ist los zur Zeit, woran liegt das?

Michael Schmidt-Salomon
Seit einiger Zeit beobachten wir das Entstehen einer “Internationale der Nationalisten”, die inzwischen von Moskau bis nach Washington reicht. Die einzelnen Bewegungen und Parteien gleichen sich darin, dass sie nationalistische Gesinnungen mit autoritär-christlichen Werten verbinden. Sie versuchen, den Eindruck zu erwecken, dass eine derartige christlich-nationalistische Aufrüstung notwendig sei, um der angeblich drohenden Islamisierung entgegenzuwirken. Hinter diesem kulturellen Phänomen stehen nicht zuletzt auch handfeste ökonomische Probleme. Bedauerlicherweise hat die soziale Ungleichheit in vielen Staaten solche Dimensionen angenommen, dass viele Menschen kaum mehr damit rechnen können, ihren ökonomischen und gesellschaftlichen Status zu verbessern. Dies schürt einerseits den Hass auf “die Eliten”, der andererseits aber auch leicht auf andere Gruppen umgelenkt werden kann, etwa auf “die Flüchtlinge”. Rechtpopulisten verstehen es sehr gut, derartige Ressentiments in der Bevölkerung für ihre eigenen Zwecke auszunutzen.

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Populismus, ist das ein zu Unrecht schlecht konnotierter Begriff? Viele sagen, da stecke immerhin “populus” drin, also Volk. Daher seien Populisten Menschen, die sich wirklich ums Volk kümmern.

Michael Schmidt-Salomon
Ein Politiker muss natürlich populär sein, wenn er seine Ziele umsetzen will. Aber er sollte nicht populistisch argumentieren, also “dem Volk” oder besser: einigen besonders lautstarken Gruppierungen innerhalb der Bevölkerung nach dem Mund reden. Denn es hat fatale Konsequenzen, wenn Politiker Stammtischparolen aufgreifen, die der Komplexität der Welt nicht angemessen sind. Solche Politiker kümmern sie sich deshalb auch nicht um “das Volk”, sondern verschlimmern vielmehr dessen Lage. Schließlich lassen sich reale Probleme nicht lösen, indem man Ressentiments bedient. Denn Ressentiments beruhen stets auf verzerrten Wahrnehmungen der Wirklichkeit. Macht man sie zur Grundlage der Politik, trifft man notwendigerweise falsche Entscheidungen.

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Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel: Keine Macht den Doofen. Sind Populisten und ihre Wähler doof oder gar dumm?

Michael Schmidt-Salomon
Es ging in diesem Buch nicht um individuelle Minderbegabungen, sondern um Formen von kollektiver Blödheit. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass wir Menschen meist nur in der Masse derartig debil sind, dass wir die schlechtesten aller denkbaren Problemlösungen vorziehen. Die von mir beschriebenen Prozesse der “Schwarmdummheit” treffen zweifellos auch auf Akteure und Unterstützer des rechtspopulistischen Spektrums zu. Anders könnte man kaum begreifen, warum ausgerechnet einkommensschwache Bürgerinnen und Bürger Politiker wählen, die den Sozialstaat massiv zurückfahren wollen. Unbegreiflich wäre auch, warum Rechtspopulisten ernsthaft glauben, dass man die Freiheiten der offenen Gesellschaft am besten dadurch schützt, dass man sie massiv beschneidet. Oder dass man den islamischen Fundamentalismus am besten dadurch bekämpft, dass man einen christlichen Fundamentalismus forciert.

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Welche Rolle spielen Bildung und das Bildungssystem in Europa beim Aufstieg der Populisten und der steigenden Popularität von Verschwörungstheorien?

Michael Schmidt-Salomon
Das zentrale Problem, mit dem wir heute zu kämpfen haben, besteht zweifellos nicht in einem Mangel an Toleranz, sondern vielmehr in einem Übermaß an Ignoranz. Es ist eines der Grundübel unserer Zeit, dass ein Großteil der Menschen entweder nicht willens oder nicht fähig ist, zwischen Humanem und Inhumanem, Recht und Unrecht, Wahrheit und Propaganda, Vernünftigem und Widersinnigem zu unterscheiden. Nur deshalb können “postfaktische Argumentationen” a la Trump überhaupt funktionieren. Leider versagen die Bildungssysteme weltweit darin, den Schülerinnen und Schülern das intellektuelle Rüstzeug an die Hand zu geben, mit dessen Hilfe sie rationale von irrationalen Argumenten unterscheiden können. Hier müssten wir unbedingt mehr tun. Würden zum Beispiel die “10 Gebote der Rationalität”, die ich in meinem aktuellen Buch Die Grenzen der Toleranz (siehe auch Video unten – Red.) beschrieben habe, schon in der Schule gelehrt und später im Berufsleben systematisch trainiert, sähe unsere Debattenkultur deutlich anders aus.

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In Österreich haben die Rechtspopulisten eine Niederlage erlebt. Wie bewerten Sie das Wahlergebnis? Immerhin: 46 Prozent waren für Hofer, das sind viele. Wie sehen Sie auch die anstehenden Wahlen? In Frankreich etwa hat Marine Le Pen vom rechten Front National ernsthafte Chancen.

Michael Schmidt-Salomon
Ich war sehr erleichtert, als ich hörte, dass Hofer nicht zum österreichischen Präsidenten gewählt wurde. Aber dass er 46 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte, ist erschreckend genug. Wir sollten endlich begreifen, dass die offene Gesellschaft durch den Erfolg der Rechtspopulisten in ähnlicher Weise bedroht wird wie durch die Aktivitäten der Islamisten auf der anderen Seite des politischen Grabens. Letztlich wollen ja beide Seiten das Rad der Geschichte zurückdrehen und vormoderne Dogmen an die Stelle individueller Freiheitsrechte setzen. Daher ist es, wie ich meine, höchste Zeit, dass wir die Prinzipien der offenen Gesellschaft, nämlich Freiheit, Gleichheit, Individualität und Säkularität mit sehr viel größerer Entschlossenheit verteidigen. Noch ist es dafür ja nicht zu spät! Noch stellen halbwegs liberale Kräfte ja die Mehrheit in Europa. Aus diesem Grund hoffe ich auch darauf, dass Le Pen in Frankreich nicht gewinnen wird. Falls es doch dazu kommen sollte, wäre das in der Tat ein dramatischer Rückschritt.

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Was machen die Populisten richtig? Was können die Nicht-Populisten lernen, was sollten sie lernen?

Michael Schmidt-Salomon
Populisten verfolgen – wie alle Demagogen – eine zentrale politische Strategie, nämlich mit halben Wahrheiten ganze Erfolge zu erzielen. Diese Strategie sollten vernünftige, verantwortungsbewusste Politiker selbstverständlich nicht übernehmen, aber sie sollten lernen, mit dieser populistischen Strategie besser umzugehen. So sollten sie versuchen, den Populisten ihre Halbwahrheiten zu entreißen. Hierzu muss man den Populisten recht geben, wo sie recht haben, und sie dort kritisieren, wo sie die Wirklichkeit verzerren. Leider hat ein solcher kritisch-rationaler Umgang mit rechtspopulistischen Argumenten nie stattgefunden. Man hat vielmehr von vornherein alles bestritten, was aus diesem Lager kam – und das war nicht nur intellektuell unredlich, sondern auch politisch verheerend, denn es hat die Rechtspopulisten erst stark gemacht.

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Sie haben gesagt, Beatrix von Storch von der AfD habe recht, wenn sie sagt, der politische Islam sei nicht mit Grundgesetz vereinbar. Haben Sie keine Angst, als “Populistenversteher” zu gelten?

Michael Schmidt-Salomon
Man kann die Aussage von Beatrix von Storch mit vielen Belegen rational untermauern – und eine Wahrheit wird natürlich nicht zur Lüge, bloß weil sie von Frau von Storch geäußert wurde. Wir sollten endlich lernen, die Güte eines Arguments unabhängig davon zu bewerten, wer es vorgebracht hat. Alles andere wäre parteiisches Lagerdenken, das nicht nur irrational ist, sondern auch politisch unklug. Denn wer die Realität des politischen Islam leugnet und wider alle Vernunft den Zusammenhang von Islam und Islamismus bestreitet, der treibt die Wählerinnen und Wähler in die Arme von Politikern, die ihre antiaufklärerischen Ziele unter dem Deckmantel einer “aufgeklärten Islamkritik” wunderbar verbergen können. Von diesem Prozess haben Rechtspopulisten weltweit profitiert. Diesen Gefallen sollten wir ihnen nicht weiter erweisen.

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Ist der Islam denn wirklich so eine Bedrohung für uns, wie manche behaupten?

Michael Schmidt-Salomon
Nicht “der Islam” ist eine Bedrohung, wohl aber bestimmte Lesarten des Islam. Es gibt nun einmal einen “islamischen Faschismus”, der als politische Bewegung darauf ausgerichtet ist, sämtliche bürgerlichen Freiheiten zu beseitigen. Diese Gefahr müssen wir sehr ernstnehmen. Allerdings dürfen wir nicht übersehen, dass neben diesem “islamischen Faschismus” auch ein “islamischer Humanismus” existiert, der mit den Prinzipien der offenen Gesellschaft im Einklang steht. Daher wäre es absurd, zu behaupten, dass wir heute einen Kampf gegen “die” Muslime führen müssten. Es geht vielmehr darum, dass wir uns endlich an die Seite der liberalen Muslime stellen, die sich schon lange mit großem Mut gegen totalitäre Glaubensformen zur Wehr setzen. Menschen wie Raif Badawi, der in Saudi-Arabien zu 10 Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt wurde, weil er für die Achtung der Menschenrechte eintrat, brauchen dringend unsere Unterstützung. Ich empfinde die rückgratlose Appeasementpolitik, die viele unserer Politiker gegenüber rücksichtslosen Despoten zeigen, in diesem Zusammenhang als unerträglich.

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Passen Islam und Europa zusammen?

Michael Schmidt-Salomon
Moderne, aufgeklärte Lesarten des Islam passen ebenso gut zu Europa wie aufgeklärte Formen des Christentums. In diesem Zusammenhang sollte ja nicht vergessen werden, dass Europa dem islamischen Kulturraum viel zu verdanken hat. Denn es ist wesentlich den Gelehrten aus dem islamischen Kulturraum geschuldet, dass das reiche Erbe der griechischen und römischen Antike über Jahrhunderte erhalten wurde, während im christlichen Europa nahezu jede heidnische Schrift verbrannt wurde. Dies hatte zur Folge, dass der islamische Kulturkreis dem christlichen lange Zeit in nahezu jeder Hinsicht überlegen war. Erst der Rückimport des alten heidnischen Wissens nach Europa machten in unseren Breitengraden Renaissance und Aufklärung möglich. Ich denke, dass es sehr hilfreich wäre, die heutigen Muslime an diese Blütezeit ihrer eigenen Kultur zu erinnern, in der Muslime in der Wissenschaft, Medizin und Kunst den Ton angaben und die sogenannten “westlichen Werte” sehr viel eher “östliche Werte” waren. Uns Europäern wiederum würde es in diesem Zusammenhang nicht schaden, wenn wir endlich einsehen würden, dass Humanismus und Aufklärung keine europäischen “Exklusivgüter” sind, sondern vielmehr Bestandteile eines “Weltkulturerbes der Menschheit”, das von Menschen aller Zeiten, Kulturen und Kontinente hervorgebracht wurde. Ich bin überzeugt: Je mehr wir uns auf dieses gemeinsame kulturelle Erbe beziehen, umso leichter wird es uns fallen, einen aggressiven Kampf der Kulturen zu vermeiden.

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Erleben wir eine Rückkehr zur Religion? Werden Religionen extremer? Findet wieder eine zunehmende Identifikationsbildung über die Religion statt?

Michael Schmidt-Salomon
Die Medien vermitteln oft den Eindruck, es gäbe eine solche Rückkehr zur Religion, tatsächlich aber findet genau das Gegenteil statt. Nie war Europa so säkular wie heute. Viele Europäer gehören heute keiner Religionsgemeinschaft mehr an. Und diejenigen, die formal noch als Religionsmitglieder gelten, praktizieren ihre Religion längst nicht mehr mit dem tödlichen Ernst vergangener Zeiten. Zweifellos ist die Säkularisierung in Europa, vor allem in Westeuropa, besonders weit vorangeschritten, aber auch in anderen Teilen der Welt findet ein solcher Prozess der Verweltlichung statt. Auch die islamische Welt ist davor keineswegs gefeit. So lehnen immer mehr junge Menschen im Iran oder in Ägypten die Vorstellungen religiöser Tugendwächtern entschieden ab. Letztlich ist auch der aggressive Fundamentalismus, den wir heute beobachten, eine Reaktion auf diesen schier unaufhaltsamen Säkularisierungsdruck der Moderne. Fundamentalismus ist im Grunde nichts anderes als der verzweifelte Versuch, Fundamente abzusichern, die längst ins Wanken geraten sind. Man macht daher einen Fehler, wenn man das Erstarken des Fundamentalismus als Ausdruck der Stärke der Religion interpretiert, denn er ist sehr viel eher Ausdruck der Schwäche der Religion. Man könnte es vielleicht so ausdrücken: Der Fundamentalist bekämpft in dem “Ungläubigen” all die Glaubenszweifel, die er selbst schon in sich trägt, sich aber auf gar keinen Fall selbst eingestehen kann. Deshalb auch wird dieser Glaubenskampf so schrecklich verbittert und rücksichtslos geführt.

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Sie gelten als Atheist. Aber brauchen Menschen nicht etwas, woran sie glauben? Woran glauben Sie?

Michael Schmidt-Salomon
Ehrlich gesagt halte ich nicht allzu viel von der Bezeichnung “Atheist”. Denn erstens kann man nur das rational abstreiten, was halbwegs klar definiert ist, was jedoch bei dem Begriff “Gott” nicht der Fall ist. Und zweitens sollte man sich nicht vorrangig darüber definieren, was man nicht ist. Ich ziehe es daher vor, mich als “Humanisten” zu bezeichnen. Ich bin Humanist, weil ich an den Menschen glaube. Oder genauer: Ich glaube an die Entwicklungsfähigkeit des Menschen. Ich vertraue darauf, dass wir das Potential haben, bessere, gerechtere, lebenswürdigere Verhältnisse zu schaffen als jene, die wir heute vorfinden. Würde ich diese Möglichkeit prinzipiell abstreiten, wäre ich kein Humanist, sondern Zyniker. Unter dieser Voraussetzung würde es mir sicherlich schwerer fallen, mich dazu aufzuraffen, morgens aufzustehen und meinen Job als Philosoph zu erledigen. Insofern bin ich mit meinem Humanismus sehr zufrieden. Er verleiht meinem Leben einen tragfähigen Sinn. Denn dazu braucht man keine Götter, es reicht völlig aus, wenn man sich in die Reihe der Menschen einordnen kann, die versuchen oder versucht haben, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Als Humanisten stehen wir vor der Aufgabe, das Leid in der Welt zu mindern und die Freude zu vermehren. Wenn wir mit unserem Leben dazu auch nur einen klitzekleinen Beitrag geleistet haben, war es ganz sicher nicht umsonst.

Zur Person

Michael Schmidt-Salomon (*1967) ist freischaffender Philosoph und Schriftsteller.
Er ist Vorstandssprecher der humanistischen Giordano-Bruno-Stiftung, die er selbst mitbegründet hat.
Seit dem Jahr 2005 ist er in der Forschungsgruppe Weltanschuung in Deutschland aktiv, seit 2006 arbeitet er zudem beim humanistischen Pressedienst hpd.
Außerdem gehört er zum Organisationsteam der Kritischen Islamkonferenz.
Schmidt-Salomon hat mehrere Bücher geschrieben, in denen es unter anderem um Religionskritik und seinen Einsatz für den Humanismus geht.

Michael Schmidt-Salomon stellt sein Buch “Die Grenzen der Toleranz” vor

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Videoaufnahmen der Italienischen Küstenwache von Aktion zur Rettung von Migranten