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Die dunkle Seite des Tourismus: Bewohner von Dubrovnik sehen im TV, ob sie raus können

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Die dunkle Seite des Tourismus: Bewohner von Dubrovnik sehen im TV, ob sie raus können

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Wie jeden Morgen sitzt Marija Grazio kurz in einem Café in der Altstadt von Dubrovnik gleich gegenüber vom Rathaus und lässt ihren Blick über die St. Balsius-Kirche schweifen. Zur Wohnung der Musiklehrerin sind es nur zwei Minuten zu Fuß, auch der Strand und ihr Arbeitsplatz sind in wenigen Minuten zu erreichen. Die Lage ist also ideal – nicht nur für Grazio, sondern auch für hunderttausende Touristen, die die Stadt jedes Jahr besuchen. Dubrovnik hat etwas mehr als 42.000 Einwohner, aber im Sommer sind es 20 Mal mehr.

Marija Grazio zählt zu den hartnäckigen Einwohnern der Stadt, die sich noch nicht vom Massentourismus haben verdrängen lassen. In den letzten Jahren ist die UNESCO-Stadt unter Urlaubern immer beliebter geworden – nicht zuletzt, seitdem dort einige Szenes der TV-Saga “Game of Thrones” gedreht wurden. Jetzt wollen noch mehr Leute Dubrovnik sehen. Jährlich wächst die Besucherzahl um 10 Prozent.

Über das Jahr verteilt kommen im Durchschnitt zwanzig Touristen einen Einwohner in der beliebten Urlaubsstadt. Dubrovnik droht, unter den Touristenmassen zusammenzubrechen, die Infrastruktur hält nicht mehr Stand.

Die UNESCO hat deshalb verordnet, dass sich maximal 8000 Besucher zur selben Zeit in der Stadt aufhalten dürfen.

Das Problem der Kreuzfahrtsschiffe

Die Stadtverwaltung zählt deshalb jetzt die Besucher, sobald sie den Haupteingang zur Innenstadt passiert haben. Nach Angaben von Bürgermeister Mato Franković sollen die Besucherzahlen im nächsten Jahr sogar auf 4000 Touristen, die sich gleichzeitig in der Altstadt aufhalten dürfen, reduziert werden, wie der Bürgermeister gegenüber Euronews erklärt.

Besonders Passagiere von Kreuzfahrtschiffen sind ein riesiges Problem, weil es so viele auf einmal sind. Für sie soll der Zutritt besonders eingeschränkt werden. Allein von den mehrere hundert Meter hohen Schiffen kommen jedes Jahr fast 800.000 Besucher, um sich Dubrovnik anzuschauen. In den Monaten zwischen Mai und Oktober kommen etwa 112.000 pro Monat.

Die Attacke

“Wenn die ‘Attacke’ beginnt, bleiben wir zu Hause”, sagt ide Journalistin Mirjana Puhiera, deren Wohnung direkt an der Stadtmauer liegt. Normalerweise kommen die Kreuzfahrtsschiffe donnerstags und freitags. Am letzten Donnerstag waren es 9.000 Passagiere. Wenn diese ‘einfallen’, schauen sich die Bewohner von Dubrovnik die Situation im Fernseher an, denn ein lokaler Sender bietet einen Livestream, auf dem man sehen kann, wo sich viele Menschen aufhalten.

Tonči Ivanović von MSC Cruise, einer der Schifffahrtsgesellschaften, verweist auf die Vorteile für die Stadt: “Der Hafen von Dubrovnik nimmt 10.000 Euro pro Schiff, noch mal 5.000 Euro an Gebühren und 25.000 Euro für die Agenturen und Museen etc, denn jeder Besucher gibt pro Tag etwa 46 Euro aus.”

Doch das Geld, das die Touristen in Restaurants und Souvenirläden ausgeben, bringt den Bewohnern der Stadt nicht viel.

“Wir haben keine Lebensmittelläden mehr, nur noch drei oder vier sind übrig gebliieben. Und die sind in der Innenstadt viel teurer als anderswo.”, sagt Grazio.

2016 gab es in Dubrovnik dagegen 107 Souvenirläden und 143 Restaurants, die jede Menge teils sehr unangenehme Gerüche und belasten das 500 Jahre alte Abwassersystem.

Die Journalistin, die in der Altstadt wohnt, hängt am Leben in der Altstadt: “Hinter der Stadtmauer fühlt es sich an wie in meinem Wohnzimmer, ich fühle mich Zuhause, das habe ich selbst im Krieg getan. Ich musste nur hinter die Stadtmauern kommen, um mich sicher zu fühlen. Deshalb möchte ich, dass es hier sauber und angenehm für uns bleibt und für die Touristen, die kommen.”

Nicht genug Platz

Einige Bars und Restaurants bieten günstigere Preise für Bewohner von Dubrovnik an. Aber das interessiert nicht viele derer, die hier leben. Petra Marčinko, gehört zu einer Studentengruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das historische Zentrum der Stadt Dubrovnik zu erhalten – und die das ausufernde Nachtleben nervt: “Es gibt nicht genug Platz für uns.” Zum Ausgehen gehen die jungen Leute zu einem Verein für Behinderte, dort gibt es eine Bar mit vernünftigen Preisen. “Sie akzeptieren uns,” sagt Marčinko.

Das andere Problem für die jungen Leute ist der Winter, in dem Dubrovnik zur Geisterstadt wird. Die Straßen sind leer, Souvenirshops und Restaurants geschlossen. Kulturelle Angebote gibt es so gut wie keine. Und es gibt keine Jobs, weil fast nur der Tourismus Arbeitsplätze liefert.

Petra Marčinko studiert in Zagreb Soziologie und Anthropologie. “Eigentlich wollte ich nach dem Abschluss nach Dubrovnik zurückkommen, aber ich bin nicht sicher, ob es hier eine professionelle Zukunft für mich gibt.”

Vielen Einwohnern reichen die Maßnahmen, die der Bürgermeister verspricht, nicht aus. Sie beschweren sich über steigende Mietpreise und teurer werdende Lebensmittel. Viele Bewohner wurden bereits aus dem Stadtzentrum verdrängt, da sie die hohen Mieten nicht mehr bezahlen können.

„Wir müssen die Stadt ihren Einwohnern zurückgeben“, sagt auch Marija Grazio. Sie wirft den Behörden vor, den Tourismus nicht effektiv genug zu regulieren. “Nur einige von uns sind verrückt genug, die Stadt nicht zu verlassen.“, sagt Mirjana Puhiera.

Von Mašenjka Bačić