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Polyamorie in Italien: So funktioniert die 'Liebe zu Dritt'

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Polyamorie in Italien: So funktioniert die 'Liebe zu Dritt'

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Beatrice Gamba (33) lebt in Thiene, einer kleinen Stadt in Norditalien. Sie hat einen Verlobten, mit dem sie seit siebeneinhalb Jahren in einer Beziehung lebt und einen Freund, mit dem sie sich seit acht Monaten trifft. “Ich kann in mehr als eine Person verliebt sein”, sagt sie. “Aber es ist nicht fremdgehen, ich betrüge niemanden, weil sie voneinander wissen.”

Das Konzept hat einen Namen und heißt Polyamorie. Damit ist eine intime Beziehung mit mehr als einer Person gemeint, die die Zustimmung aller Beteiligten voraussetzt.

Im Gegensatz zu offenen Beziehungen, wo Partner gelegentlich mit anderen Personen schlafen, fühlen sich Beteiligte der sogenannten “Poly-Beziehung” emotional verbunden.

Die Polyamorie-Gemeinde im Internet wächst, in vielen großen italienischen Städten werden Debatten, Lesungen und andere Treffen organisiert. Doch trotz des Trends fürchten sich viele polyamouröse Italiener Stigmatisierungen und Diskriminierung.

“In Italien war die Wahrscheinlichkeit deswegen von Menschen verurteilt zu werden größer, und das machte mir Angst”, erklärte Davide aus Mailand, inzwischen hat er sein Heimatland verlassen und lebt seit 2015 in Deutschland. Seit mehr als acht Jahren lebt er in polygamen Beziehungen mit gegenseitigem Einverständnis. “Als ich nach Berlin gezogen bin, habe ich mich viel freier gefühlt. Ich konnte über meinen Lebensstil sprechen und bin nicht einmal bei Kollegen auf Vorbehalte gestoßen.”

Nicht selten begegnen Polyamore auch außerhalb von Italien Intoleranz. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2015 empfindet nur knapp ein Drittel (34 Prozent) der britischen Erwachsenen Polyamorie als moralisch vertretbar. 47 Prozent der befragten Briten finden die alternative Lebensform moralisch verwerflich.

In derselben Umfrage stellten Forscher fest, dass die Einstellung gegenüber polyamourösen Beziehungen mit religiösen Überzeugungen zusammenhängt.

In den USA lehnten 80 Prozent derjenigen, für die Religion eine große Rolle spielt, Polyamorie ab. Im Gegenzug fanden 58 Prozent der nicht-religiösen Befragten die Lebensform moralisch akzeptabel.

In der italienischen Gesellschaft spielt die katholische Kirche eine große Rolle. Einige empfinden sie als extrem traditionell und repressiv. So wird die LGBT-Gemeinde zwar toleriert , ist aber sozial benachteiligt. Auch bei der Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe ließ sich Italien mehr Zeit als seine europäischen Nachbarn.

“Die Nähe des Vatikans hilft wirklich nicht. Sogar bei Atheisten und nicht-praktizierenden Katholiken sind Scheinheiligkeit und Vorurteile weit verbreitet”, so Beatrice, die sich selbst als bisexuell und polyamourös bezeichnet. Wegen ihrer Lebensform wurde sie eigenen Angaben nach in früheren Arbeitsplätzen oft gemobbt. “Sobald sie hörten, dass ich in einer offenen Beziehung lebte, passierte das systematisch. Männliche Kollegen versuchten, mich anzumachen – einige auf sehr unangenehme Weise. Und Kolleginnen lästerten über mich oder suchten nach Vorwänden, um mich zu feuern.”

Laut einer aktuellen internationalen Studie über nicht-monogame Beziehungen im gegenseitigen Einvernehmen, geht es mehr als 25 Prozent der Polyamoren wie Beatrice. Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist gering. Oft halten Menschen mit diesem Lebensstil eine ihrer Beziehung deshalb geheim.

“Wir sind weit entfernt von sexueller Freiheit. Gerade für Frauen”, so Beatrice, die über Polyamorie bloggt und an dem Webcomic Love Flavoured Ice Tea arbeitet, der sich mit dem Thema beschäftigt und sich so gegen die Stigmatisierung von Polyamorie einsetzt.

Dieses Ziel verfolgt auch eine Gruppe von Aktivisten mit “Poliamore.org.“http://www.poliamore.org/, einer Internetseite, die unter anderem Treffen für die polyamore Gemeinde organisiert. Luca Boschetto ist einer der Gründer des Portals. Er erklärt, dass die italienische die Polyamorie fördert und Veranstaltungen für Polys in Italien organisiert. Luca Boschetto sagt, dass die italienische Online-Community seit 2009 schnell gewachsen ist, zuerst gab es nur eine Facebook-Gruppe, jetzt gibt es viele Social Media-Seiten und Gruppen, in denen sich Gleichgesinnte zusammengetan haben.

Neben der Online-Community organisieren polyamorous Italians Offline-Events wie Poly Aperitif (beliebte italienische Happy Hour Drinks), Poly Dinner, Diskussionen und Filmvorführungen. Die zweite jährliche OpenCon-Konferenz: //trevi.virgilio.it/eventi/opencon-italia-2017_3669781_102 über Polyamorie findet vom 1. bis 4. September in Matigge di Trevi statt.

Beatrices Meinung meint, diese Art von Unterstützung sei von wesentlicher Bedeutung: “Es gibt diese Subkultur aber eine Art Phantom Italien, in dem sich LGBT-Leute und Poly-Leute treffen und zusammen abhängen, und das macht alles ein bisschen erträglicher.”

By Lidija Pisker. Hauptbild Beatrice Gamba