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John Kerry: "Es ist wichtig, den Gelegenheiten eine Chance geben"

Der ehemalige US-Außenminister über die Nordkoreakrise, das Pariser Klimabkommen und die Art und Weise, Karriere zu machen.

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John Kerry: "Es ist wichtig, den Gelegenheiten eine Chance geben"

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Der 73-jährige Politiker der Demokratischen Partei war unter Barack Obama US-Außenminister. Er war von 2013 bis Anfang 2017 im Amt. Kurz vor dem Ausscheiden wurde er in Deutschland mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

allviews Created with Sketch. Meinung

"Präsident Trump stellt es der Welt falsch dar, wenn er rational zu begründen versucht, das Pariser Klimaabkommen sei eine Belastung für die Vereinigten Staaten. Das ist es nicht."

John Kerry ehemaliger US-Außenminister

Sasha Vakulina, euronews:
“Bei mir auf euronews ist John Kerry, ehemaliger US-Außenminister. Herr Kerry, danke dass Sie unser Gast bei “The Global Conversation” sind. Im vergangenen Jahr haben wir massive politische Veränderungen auf der ganzen Welt erlebt. Wo ist der Platz der USA in dieser neuen Welt? Verändert sich die Rolle des Landes in der globalen Arena?”

John Kerry, ehemaliger US-Außenminister:
“Ich hoffe nicht. Die USA müssen sich sehr engagieren. Ich glaube an Multilateralismus, ich glaube an eine umfassende Diplomatie und ich halte es für sehr wichtig, dass die Vereinigten Staaten bei Schlüsselfragen wie Klimawandel, der Nichtverbreitung von Kernwaffen und beim Bemühen um Frieden weiterhin führend bleiben. Ich hoffe, dass die USA weiterhin eine wichtige Rolle spielen, so wie bisher. Ich weiß, es gibt Anzeichen, die in eine andere Richtung weisen. Und das macht mir große Sorgen. Aber ich hoffe, wir bleiben weiterhin so engagiert wie in der Vergangenheit.”

China muss mehr in der Nordkoreakrise tun

euronews:
“Sie sprechen von Richtungswechsel, wenn wir von der Außenpolitik, von der Nordkoreakrise sprechen, in welche Richtung geht das Land?”

John Kerry:
“Welches Land?”

euronews:
“Die Vereinigten Staaten.”

John Kerry: “Die Vereinigten Staaten engagieren sich nach wie vor für das Denuklearisierungsprogramm in Nordkorea und wir werden damit weitermachen. Und ich stimme in dem Punkt mit der Trump-Politik überein, dass wir China mehr in die Pflicht nehmen müssen, wir müssen China auffordern, mehr zu tun, denn sie können mehr tun. Die Auffassung, Nordkorea stehe kurz vor dem Zusammenbruch aufgrund der bisherigen Schritte, ist lächerlich. China kann mehr tun.

Wir fordern sie auf, mehr zu tun, wir erhöhen den Druck, es gibt neue zusätzliche Sanktionen der Trump-Administration – bereits zweimal, aber trotzdem reicht das nicht. Wir wissen, dass es nicht genug ist, und ich glaube, China weiß, dass es nicht genug ist. Meiner Meinung nach ist es wichtig, zusätzlichen Druck auszuüben.

China liefert 100 Prozent des Treibstoffs, mit dem die Flugzeuge in Nordkorea fliegen und mit dem die Lastwagen und Autos dort fahren. Das kann Auswirkungen haben. China ist die Quelle, in Peking finden vielleicht an die 100 Prozent der Bankgeschäfte für Nordkorea statt.

Deshalb hat China eindeutig die Möglichkeit, dort Einfluss zu nehmen und meine Hoffnung ist, dass China eine größere Verantwortung übernehmen und die Dynamik der Nordkoreakrise ändern wird – da es zunehmend mehr und mehr eine wichtige Rolle in der Welt spielt, worüber wir uns freuen und was wir sehr begrüßen.”

euronews:
“Was könnte Russland tun, um Nordkorea zu beruhigen?”

John Kerry:
“Russland muss China helfen, diesen wichtigen Schritt zu gehen. Russland kann das unterstützen. Wichtig ist, dass es weder ein Veto aus China noch aus Russland im UN-Sicherheitsrat gibt.”

Das Pariser Klimaabkommen: eine Chance für die USA

euronews:
“Die aktuelle US-Regierung hat versucht, einige der Richtlinien der Obama-Regierung zu ändern, zum Beispiel die Pariser Klimavereinbarung. Ich weiß, dass das für Sie besonders wichtig war.”

John Kerry:
“Ja, ich war an den Verhandlungen des Klimaabkommens beteiligt, ich war in Paris, als wir uns einigten. Meiner Meinung nach ist Präsident Trumps Entscheidung, das Abkommen aufzukündigen, ein großer Fehler. Seine Entscheidung basiert nicht auf Tatsachen. Sie basiert nicht auf irgendeiner Wissenschaft. Und Präsident Trump stellt es der Welt falsch dar, wenn er rational zu begründen versucht, das Pariser Klimaabkommen sei eine Belastung für die Vereinigten Staaten. Das ist es nicht.
Das Pariser Klimaabkommen verlangt nichts von irgendjemanden. Jedes Land kann seinen eigenen Plan entwickeln. Das ist eine Chance für Amerika, eine führende Rolle zu spielen, das ist wichtig für die Welt, im Sektor der erneuerbaren Energien werden Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen. Und ich würde es gern sehen, wenn die Vereinigten Staaten weiterhin eine führende Rolle spielen, so wie sie es unter der Obama-Administration getan haben.”

euronews:
“Glauben Sie, dass diese Entscheidung möglicherweise überdacht wird?”

John Kerry:
“Nein, kurzfristig bezweifle ich das. Aber ich sage Ihnen etwas: Die meisten US-Bundesstaaten, wichtige Regionen wie New York, New England, Kalifornien – die werden weiterhin das umsetzen, was wir in Paris versprochen haben zu tun. Und die USA werden, trotz der Entscheidung von Herrn Trump, das Pariser Abkommen einhalten.”

Drängende Fragen und Altersweisheiten

euronews:
“Jetzt, da Sie nicht mehr der Regierung angehören, was lässt Sie nachts nicht schlafen? Was sind Ihre größten Sorgen?”

John Kerry:
“Zuerst einmal habe ich gelernt, keine schlaflosen Nächte zu haben (lacht). Man muss die Dinge in der richtigen Relation sehen. Es gibt Fragen, die mir große Sorgen machen.eine davon ist der Klimawandel, davon habe ich gerade gesprochen. Wir reagieren nicht schnell genug auf den Klimawandel. Etwas anderes, was mir Sorgen macht, ist der radikale religiöse Extremismus und die Herausforderung, für zwei Milliarden junge Menschen unter 15 Jahren sicherzustellen, dass sie Bildung und die Gelegenheit bekommen, etwas aus ihrem Leben zu machen. Da könnten wir eine viel bessere Arbeit leisten, um Mutterschutz, ein besseres Gesundheitswesen, Bildung an viele arme Orte in der Welt zu bringen. Ich denke, es gibt viele Dinge, die wir besser machen können, wenn wir gemeinsam handeln. Ich glaube an multilaterales Handeln. Aktuell macht mir Sorgen, dass die aktuelle Regierung sich von vielen dieser Verantwortlichkeiten und Führungsansprüchen entfernt.”

euronews:
“Sie sind jetzt Yales erster “Fellow for global affairs”, ist das richtig?”

John Kerry:
“Ich glaube, so nennt man es.” (lacht)

euronews:
“Was ist die beliebteste Frage der Studenten?”

John Kerry:
“Die meisten Studenten fragen mich, wie sie das erreichen können, was sie tun wollen, wie sie in die Politik oder den Auswärtigen Dienst kommen. Sie planen ihre Karriere, sie denken an ihre Zukunft.”

euronews:
“Welche Ratschläge geben Sie ihnen?”

John Kerry:
“Nun, ich versuche ihnen zu sagen, dass sie sich nicht zu viele Sorgen machen müssen, nichts forcieren müssen. Junge Menschen haben heute mehr Zeit, als sie denken, ihren Weg zu gehen oder sich für etwas zu engagieren. Man muss sich nicht beeilen. In der heutigen Welt kann man zwei oder drei Karrieren haben. Man hat genügend Zeit für Experimente oder auch dafür, ein Risiko einzugehen. Ich sage Ihnen, sich nicht zu schnell festzulegen und an dem Weg unter allen Umständen festzuhalten, denn dann wundert man sich in zehn 15 Jahren und fragt sich, habe ich das ausprobiert und dem eine Chance gegeben. Ich denke, es ist wichtig, den Gelegenheiten eine Chance zu geben.”