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"Wir gehen wählen, und nach dem Wählen ist es wieder Dasselbe"

Die Stimmung in (Nieder)österreich vor der Nationalratswahl

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"Wir gehen wählen, und nach dem Wählen ist es wieder Dasselbe"

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Markttag in Langenlois in Niederösterreich. Kurz vor der Parlamentswahl an diesem Sonntag nutzt die Österreichische Volkspartei, die Neue Volkspartei noch einmal die Gelegenheit, sich direkt an die Wähler zu wenden und für ihren Spitzenmann Sebastian Kurz zu werben, den 31-jährigen Senkrechtstarter in Österreichs Parteilandschaft. Hier in Niederösterreich dürfte es ein Heimspiel für die Konservativen werden.

Politiker sollen Versprechen endlich auch einhalten

In dem 7.000-Seelen-Ort scheint der Sieg der Partei, die mit neuem Logo und neuer Farbe antritt, Türkis statt Schwarz, also gewiss, ebenso wie sie landesweit in den Umfragen mit über dreißig Prozent vorn liegt. ÖVP-Parlamentarier Werner Groiß will aber nichts dem Zufall überlassen: “Weil viele auch glauben, es ist schon gewonnen, und da wird man vielleicht müde, wählen zu gehen. Das muss man auf jeden Fall versuchen zu verhindern. Und daher muss man die Leute motivieren.”

Und auch hier auf dem Lande machen sich bei etlichen Wahlmüdigkeit und Wählerfrust breit. Die Politiker sollten endlich Versprechen auch einlösen, ist der Tenor. Bauer Andreas Hofbauer, 48: “Das Problem ist: Wir gehen wählen, und nach dem Wählen ist es wieder Dasselbe. Du weißt wirklich nicht mehr, bevor du zur Wahl gehst, was du wählen sollst. Das ist eigentlich bei uns im Land eine Sympathiewahl oder eine Protestwahl.”

Kurz ist ein “Showman”

Auch im benachbarten Krems an der Donau, das berühmt ist für seinen Wein, seine Kulturangebote und sein Unesco-Welterbe (Wachau), haben viele Wähler trotz der breiten Auswahl an Parteien das Gefühl, dass nicht das Passende für sie dabei ist. Beim abendlichen Umtrunk in der Kneipe im Stadtzentrum versammeln sich Anhänger unterschiedlicher politischer Couleur. Gegen die politischen Ideen von Kurz haben viele nichts – aber, so Rentner Walter Nawratil: “Er ist wirklich ein Showman. Das ist alles gut aufgebaut, bis runter in die kleinsten Gemeinden. Aber ich halte von Kurz nichts. Er hat auch zum Beispiel die ganzen guten Ideen vom Herrn Strache abgeschrieben bezüglich Ausländern und Immigranten – die hat er von der FPÖ übernommen.”

Nawratil will diesmal deshalb gleich die FPÖ wählen statt wie bisher ÖVP. Und auch sein Kumpel, einst Sozialdemokrat, sympathisiert heute mit den Freiheitlichen. Fragt man die Leute hier, was die Politiker anders machen sollten, kommt wenig Konkretes. Soziale Stabilität, mehr Chancen für die Jugend, heißt es. Das versprechen auch FPÖ und Volkspartei.

Alles nicht so heiß gegessen wie gekocht

Apotheker Ulf Elser, nach eigenen Worten liberaler Wechselwähler ist abgeklärt: “Ich sehe eigentlich nur Klientelpolitik und sehe nicht den großen Lösungsansatz, und den Willen und die Fähigkeit, große Lösungen herbeizuführen. Auch im europäischen Kontext. Wir tun so, als wären wir die Insel der Seligen, die wir nicht mehr sind.” Der bevorstehende Rechtsruck seines Landes macht ihm große Sorgen.

Die Chancen stehen laut Umfragen gut für eine konservativ-rechtspopulistische Koalition. Wie sieht man das unter den Anhängern des linken, liberalen und grünen Spektrums? Christoph Stocker, Angestellter in einem Biomarkt, sieht darin keineswegs das Ende der Welt, und hat seine eigene Interpretation der Funktion der FPÖ: “Ich glaube, wir haben in Österreich mit der FPÖ einen Vorteil und einen Nachteil. Sie sind sehr rechtspopulistisch, sind aber, so wie ich es sehe, nicht rechtsradikal. Und sie federn vielleicht auch genau diese Radikalität, die es in anderen Ländern gibt, ein bisschen ab. Weil sie eben ein sehr rechtes und auch ein Mitte-rechtes Spektrum abdecken und aber auch dafür sorgen, einen Puffer davor zu schaffen, in die extreme Radikalität zu gehen. Und das mag vielleicht auch ein Vorteil sein und ein bisschen diese österreichische Gemütlichkeit – dass da alles nicht so extrem heiß gegessen wird.”

Auch wenn es kaum einer offen ausspricht, das Thema Migration und Flüchtlinge bewegt die Menschen hier am meisten. Und am Ende könnte es die Wahl entscheiden.