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IEA-Chef Fatih Birol: Die derzeitige Krise beschleunigt die Energiewende

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Von Sándor Zsiros
IEA-Chef Fatih Birol: Die derzeitige Krise beschleunigt die Energiewende
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Zu Gast in dieser Folge von The Global Conversation ist Fatih Birol, der Direktor der Internationalen Energieagentur. Diese Organisation überwacht die wichtigsten Entwicklungen im Energiebereich rund um den Globus.

Euronews-Reporter Sándor Zsiros: Zunächst einmal würde ich gerne Ihre Meinung zur Energiekrise in Europa erfahren. Viele Menschen würden gerne wissen, ob dieser Krise in absehbarer Zeit endet oder nicht. Was ist Ihre Meinung?

**Fatih Birol, geschäftsführender Direktor der Internationalen Energieagentur:**Wir stecken mitten in der ersten wirklich globalen Energiekrise. Unsere Welt hat noch nie eine Energiekrise mit dieser Tiefe und Komplexität erlebt. Der Grund dafür ist ganz einfach. Russland, das Land, das in die Ukraine einmarschiert ist, ist der größte Energieexporteur der Welt. Und dieser russische Einmarsch hat eine große Energiekrise ausgelöst. Europa befindet sich im Epizentrum dieser Krise, denn ein großer Teil der europäischen Energie stammt aus Russland. Es ist ein Fehler, dass Europa sich jahrelang, jahrzehntelang, so sehr von russische Energie abhängig gemacht hat - von einem Land. Und das Ergebnis ist, dass wir in Europa schwierige Zeiten durchmachen. Und ich vermute, dass wir in den nächsten Jahren schwierige Zeiten in Bezug auf unsere Wirtschaft und Energie erleben werden. Und das wird auch Auswirkungen auf unser soziales Leben haben.

Euronews: Wie lauten Ihre Prognosen für diesen Winter? Wie kommen wir durch den Winter?

Fatih Birol: Wir können diesen Winter überstehen, wenn er nicht zu lang und nicht zu kalt wird. Und wenn es keine größeren Überraschungen gibt, eine explodierende Pipeline, oder irgendwo ein Feuer. Wenn solche Überraschungen ausbleiben, können wir diesen Winter mit einigen wirtschaftlichen und sozialen Blessuren überstehen. Wir werden ohne größere Probleme in den Februar, März kommen. Denn dank der Politik der europäischen Regierungen konnten wir eine Menge Erdgas in unsere Speicher einlagern. Das wird uns über diesen Winter bringen. Aber vielleicht wird der nächste Winter noch schwieriger werden als dieser, denn wie sollen wir im Februar, März nächsten Jahres unsere Gasspeicher wieder füllen? Das ist eine große Frage. Denn die Bedingungen auf den Märkten werden nicht einfach sein.

Welche Energie-Alternativen gibt es?

Euronews: Wie werden wir das fehlende Gas ersetzen? Gibt es dafür genügend LNG-Kapazitäten?

Fatih Birol: Nächstes Jahr könnte es in China aufwärtsgehen, die Wirtschaft könnte sich erholen, und wir werden kein russisches Gas mehr bekommen. Und die schlechte Nachricht ist, dass im nächsten Jahr die Menge an neuen Kapazitäten, LNG- und Gaskapazitäten, die auf die Märkte kommen, sehr, sehr begrenzt ist. Wenn man also diese drei Dinge zusammennimmt: kein russisches Gas mehr für Europa, Chinas wahrscheinlichen großen Gasbedarf von den globalen Märkten, und die sehr geringe Menge an neuen Gaskapazitäten aus den USA und anderen Ländern, bedeutet das, dass es für Europa und den Rest der Welt sehr eng werden wird.

Euronews: Wir müssen uns also auf lange Sicht an hohe Energiepreise gewöhnen?

Fatih Birol: Ich denke, wir müssen uns in den nächsten Jahren auf schwankende und hohe Energiepreise einstellen und wir müssen Lösungen finden. Aber dieser Winter ist schwierig und der nächste Winter könnte noch härter werden.

Euronews: Der Europäische Rat will eine Art flexible Preisobergrenze für Gas einführen. Wird diese Maßnahme die Situation verbessern?

Fatih Birol: Einer der Gründe, warum wir in Europa dieses Jahr erfolgreich waren: Wir haben mehr Geld gezahlt als andere Käufer und konnten LNG hierher bringen. Wenn wir die Preisobergrenze zu niedrig ansetzen, wird unsere Wettbewerbskraft sehr viel geringer sein. Daher wäre es eine gute Idee, eine Preisobergrenze festzulegen, die gut genug ist, um mit anderen Käufern zu konkurrieren, aber gleichzeitig auch die Verbraucher schützt.

Euronews: Es gibt auch die Idee eines gemeinsamen Ankaufsmechanismus in kleinem Maßstab. Wie sehen Sie das?

Fatih Birol: Meiner Meinung nach ist das eine sehr gute Idee, wenn sich die europäischen Länder zusammentun und als starke Käufer auftreten. Das wird ihnen helfen, einige der anderen LNG-Käufer zu überflügeln.

"Das ist nicht so, wie Zwiebeln zu verkaufen. Der Verkauf von Erdgas ist ein anderes Geschäft. Dass Russland seine Erdgasexporte nach Europa kurzfristig ersetzen kann, ist meiner Meinung nach ein Hirngespinst."
Fatih Birol

Welche Rolle spielt Russland in Zukunft?

Euronews: Welche Rolle wird Russland in Zukunft auf den Ölmärkten spielen?

Fatih Birol: Russland wird aus folgendem Grund ein Verlierer dieser Energiekrise sein. Unmittelbar vor der Invasion gingen etwa 75 % der gesamten russischen Gasausfuhren und 55 % der russischen Ölexporte nach Europa. Europa war bei weitem der größte Markt, der größte Kunde für Russland. Und Russland hat seinen größten Kunden für immer verloren.

Euronews: Die Russen gehen davon aus, dass sie ihr Gas nach Asien, nach China, verkaufen können.

Fatih Birol: Das ist nicht so einfach. Mit Pipelines, die nach Europa laufen, kann man nicht so schnell Gas umleiten - und einfach Pipelines nach China oder Indien bauen. Im optimistischsten Fall wird es zehn Jahre dauern, diese Pipelines zu bauen. Um dieses Gebiet zu erschließen, braucht man neue Technologien, Finanzierungen und so weiter. Das ist nicht so, wie Zwiebeln zu verkaufen. Der Verkauf von Erdgas ist ein anderes Geschäft. Dass Russland seine Erdgasexporte nach Europa kurzfristig ersetzen kann, ist meiner Meinung nach ein Hirngespinst.

Euronews: Europa verliert, Russland verliert in dieser Krise, gibt es einen Gewinner? 

Fatih Birol: Europa und der Rest der Welt machen definitiv eine sehr schwierige Zeit durch. Aber man sollte nicht vergessen, dass viele Länder auf der ganzen Welt, viele Regierungen, starke Antworten auf diese Krise geben. In Europa haben wir mit REPowerEU ein großes Programm, das viel Geld für die Förderung sauberer Energie bereitstellt. Es geht um Onshore-Wind, Offshore-Wind. Es geht um Wärmepumpen, es geht um Wasserstoff. Das sind keine Erklärungen oder Strategien, das ist Geld, das auf dem Tisch liegt: für Solar- und Windenergie, Kernkraft und Elektroautos. Sie werden in ein paar Jahren kommen. Diese Krise könnte ein Wendepunkt in der Geschichte für einen beschleunigten Übergang zu sauberen Energien sein. Wir werden einige schwierige Jahre durchleben, aber wenn wir in zehn Jahren zurückblicken, wird man vielleicht sehen, dass 2022 das Jahr war, in dem der Übergang zu sauberer Energie auf der ganzen Welt an Fahrt gewonnen hat.