Asien braucht bis 2030 schätzungsweise 1,7 Billionen US-Dollar pro Jahr für Infrastrukturinvestitionen – doch keine Bank kann das allein stemmen. Die Asiatische Infrastruktur-Investmentbank (AIIB) hat ihre Strategie deshalb an einer enger gefassten Frage ausgerichtet: Wie lassen sich mit öffentlichen Geldern weitere Mittel mobilisieren? Gemeinsam mit Regierungen, Entwicklungsbanken und privaten Investoren konzentriert sich die AIIB zunehmend darauf, aus Infrastrukturplänen Projekte zu machen, die tatsächlich Kapital anziehen.
Diese Frage steht im Mittelpunkt der 11. Jahrestagung des Gouverneursrats der AIIB, die am 28. und 29. September in Doha (Katar) unter dem Motto „Tomorrow's Infrastructure: Impact and Innovation“ stattfindet. Sie markiert den Beginn des zweiten Jahrzehnts der Bank. Vizepräsident und Corporate Secretary Sir Sherard Cowper-Coles sieht darin eine Chance, klarer zu definieren, wofür die Bank ihre Mittel eigentlich einsetzt.
Die Chance auf mehr Wirkung
„Es ist ein sehr wichtiges Treffen, weil es das erste in unserem zweiten Jahrzehnt ist“, sagte Cowper-Coles in einem Interview in der AIIB-Zentrale. „Es ist das erste unter der Leitung unserer neuen Präsidentin Zou Jiayi. Und es zeigt, dass es uns darum geht, die Wirkung der Mittel, die wir aufbringen, zu maximieren – nicht nur aus eigener Kraft, sondern gemeinsam mit unseren Partnern.“
Die AIIB zählt inzwischen 111 zugelassene Mitglieder aus sechs Kontinenten. Mit ihnen wächst auch die Nachfrage. Zugleich verändert sie sich laufend. Erneuerbare Energien, sauberes Wasser und widerstandsfähige Infrastruktur haben weiterhin Priorität, doch Cowper-Coles verwies darauf, dass daneben Gesundheits- und digitale Infrastruktur rasch an Bedeutung gewinnen. „Wir blicken über die klassische Infrastruktur hinaus – nicht nur auf Häfen und Flughäfen, Straßen und Brücken, sondern auch auf Gesundheits- und digitale Infrastruktur“, sagte er. Infrastruktur ist seiner Beschreibung nach zum „Betriebssystem einer modernen Wirtschaft und einer modernen Gesellschaft“ geworden.
Projekte fit für privates Kapital machen
Da keine einzelne Institution eine Nachfrage dieser Größenordnung finanzieren kann, setzt die AIIB verstärkt bei der Projektvorbereitung an, noch bevor ein Projekt überhaupt auf den Markt kommt. Das heißt: frühzeitig mit den Kunden zusammenarbeiten, Projekte vorbereiten, Risiken strukturieren und sie so attraktiv machen, dass andere Investoren nachziehen. Manchmal bedeutet es auch, dass die AIIB Risiken übernimmt, die private Kreditgeber nicht eingehen würden, oder eine Garantie stellt, die Finanzierungen deutlich über den eigenen Beitrag hinaus ermöglicht.
„Wir achten immer stärker darauf, wie wir Projekte bankfähig machen und für den Markt vorbereiten können“, sagte Cowper-Coles. „Wir können Risiken übernehmen und Garantien bereitstellen, die der Privatsektor nicht tragen bzw. stellen kann, und so Kapital aus anderen Quellen mobilisieren.“
Eine Garantie über 200 Millionen US-Dollar für die Türk Eximbank zeigt, wie das in der Praxis funktioniert, sagte Cowper-Coles. Sie deckte 70 % des Werts des ersten grünen Kredits der Bank ab und mobilisierte knapp 300 Millionen US-Dollar an Finanzierungen internationaler Banken. Finanzierungen in Landeswährung und Kreditsyndizierung sind zwei weitere Hebel, die Cowper-Coles stärker nutzen will, um den verfügbaren Kapitalpool der AIIB zu vergrößern.
Klima im Mittelpunkt
Klimafinanzierungen machen bereits den Großteil der Kreditvergabe der AIIB aus. 2025 waren 71 % der Finanzierungen der Bank klimabezogen oder grün – und die Bank hat sich verpflichtet, diesen Anteil auch in den kommenden Jahren über 50 % zu halten. „Das ist für unsere Mitglieder absolut zentral“, sagte er. „Es ist auch für unsere Arbeit zentral.“
Die Projekte hinter dieser Zahl könnten unterschiedlicher kaum sein. Ein Projekt zur Wasser- und Sanitärversorgung in Kirgisistan im Umfang von 50 Millionen US-Dollar bringt sauberes Wasser in mehr als 100 Städte und Dörfer und erreicht rund 450.000 Menschen. In Bangladesch verankert ein gemeinsam mit der Asiatischen Entwicklungsbank aufgelegtes Programm über 400 Millionen US-Dollar die Klimaresilienz direkt in der Planung und Haushaltsführung der Regierung. Und in Chile verwies Cowper-Coles auf eine von der Bank finanzierte Entsalzungsanlage samt Aquädukt, die eine Region mit sauberem Wasser versorgt, in der ‚in den vergangenen zehn Jahren nur geringe Niederschläge gefallen sind.
Infrastruktur, die verbindet
Einige AIIB-Projekte überwinden sogar Landesgrenzen. In Laos unterstützt die Bank das 600-MW-Windprojekt Monsoon, mit dem das Land Strom nach Vietnam exportieren kann. Rund ein Viertel der AIIB-Finanzierungen fließt derzeit in grenzüberschreitende Konnektivität – ein Anteil, den die Bank bis 2030 auf 25 bis 30 % steigern will, sagte Cowper-Coles.
Näher am Alltag von Millionen Menschen: Das Stadterneuerungsprogramm der AIIB in Indonesien hat ein Gebiet erreicht, in dem rund 8,5 Millionen Menschen leben. „Wir haben für sauberes Wasser, befestigte Straßen und sichere Spielflächen für Kinder gesorgt, und darauf sind wir sehr, sehr stolz“, sagte Cowper-Coles. „Für sehr viele Menschen hat sich dadurch enorm viel verändert.“ Im selben Atemzug nannte er weitere Beispiele: den Ausbau der Metro in Izmir in der Türkei und ein landesweites Glasfasernetz in Oman – in beiden Fällen gemeinsam mit Partnern. Darüber hinaus hat die AIIB den Windpark Zhanatas in Kasachstan sowie Solarprojekte in Ägypten, Oman und auf den Malediven unterstützt.
Ein Jahrzehnt im Zeichen der Umsetzung
Die AIIB startet mit größeren Ambitionen in ihr zweites Jahrzehnt. Unter den Leitlinien Wirkung, Innovation und Integrität will die Bank ihre Bilanzkapazität noch stärker nutzen und zusätzliches Kapital für nachhaltige Infrastruktur mobilisieren. Für Cowper-Coles ist der entscheidende Maßstab nicht die Höhe der Zusagen, sondern ob Investitionen den Menschen und Gemeinschaften greifbare Ergebnisse bringen. „Es geht nicht nur um Zusagen und Versprechen“, sagte er. „Es geht darum, die Infrastruktur von morgen tatsächlich zu finanzieren, damit die Menschen einen echten Gewinn an Lebensqualität haben.“