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Interview mit Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone

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Interview mit Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone

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Im vergangenen Frühjahr protestierten weltweit Schwulenverbände gegen Äußerungen des Papst-Vertrauten, Kardinal Bertone. Er hatte einen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Kindesmissbrauch hergestellt. Euronews sprach mit der Nummer zwei der katholischen Kirche, mit Kardinalstaatssekretär und Kardinalkämmerer Tarcisio Bertone.

Paolo Valenti, euronews:

Wir befinden uns im so genannten Saal der Verträge im Apostolischen Palast im Vatikan. Kardinalstaatssekretär, Sie sind quasi der Ministerpräsident des Heiligen Stuhles und damit für dessen Politik mitverantwortlich. Während des Sommers gab es Fortschritte bei der Demokratisierung Kubas, auch werden erneut Bischöfe in China ernannt. Welches sind die nächsten Ziele?

Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone:

Wir blicken auf die Entwicklungen der kubanischen Nation sowie auf die neuen Perspektiven nicht nur in jener Region sondern auch im Rest der Welt. Im Zusammenhang mit China wissen wir um die Probleme der christlichen Gemeinschaft. Wir folgen dabei den Leitlinien, die Papst Benedikt XVI. in seinem an die Katholiken Chinas gerichteten Brief vom 27. Mai 2007 festhielt. Doch wir blicken mit großer Aufmerksamkeit und Intensität auch auf andere Regionen der Welt. Das gilt beispielsweise für den Nahen Osten, der im Mittelpunkt der nächsten Synode stehen wird, die für den 10. Oktober geplant ist. An dieser großangelegten Initiative nehmen Bischöfe der Bistümer der lokalen Kirchen aller Länder des Nahen Ostens teil, doch auch nicht-katholische Vertreter, muslimische Gesprächspartner, die ihren Standpunkt darlegen werden. Das ist eine mit Aufgaben verbundene Perspektive.

euronews: Der Papst wird Großbritannien besuchen. Wie wird er mit den Vertretern der anglikanischen Kirche sprechen?

Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone:
Es gibt einen großen Respekt für die anglikanische Tradition, einen Respekt, der mit der katholischen Einheit vollkommen übereinstimmt. Der ökumenische Dialog zwischen der katholischen und der anglikanischen Kirche wird fortgesetzt und die Mitglieder der bilateralen Kommission werden erneuert. Die Kommission wird den Dialog im Zusammenhang mit den zentralen Themen des ökumenischen Dialogs pflegen.

euronews:
Wie würden Sie die Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Vereinigten Königreich beschreiben? Während der Wahlkampagne war Premierminister David Cameron von den Positionen der katholischen Kirche im Zusammenhang mit Schwangerschaftsverhütung und Homosexualität weit entfernt…

Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone:
Was Schwangerschaftsverhütung, Sexualität, Biotechnologie usw. anbelangt, sind das selbstverständlich heikle Themen. Die Kirche, die auf die ganze Menschheit blickt, beharrt diesbezüglich auf ihren sehr soliden Positionen. Man muss jedoch auch sagen, dass es sich bei diesem Besuch in Großbritannien zum ersten Mal um einen Staatsbesuch handelt…

euronews:
Zum ersten Mal…

Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone: …es ist ein erster Staatsbesuch, daher hat er eine politische Botschaft. Auf dem Weg der diplomatischen Verbindungen gibt es eine ganze Reihe von Feldern der Zusammenarbeit zur Entwicklung der menschlichen Beziehungen, zur Unterstützung der Menschen. So geht es beispielsweise um die Verringerung der internationalen Schulden. Anlässlich des Jubiläums-Jahres hat der Heilige Stuhl mittels des Dialogs erreicht, dass Großbritannien die Schulden der ärmsten Nationen verringert. Es sind Themen, über die auf diplomatischem Weg verhandelt wird, um zusammenzuarbeiten und um konkrete Ergebnisse zu erzielen.

euronews:
Das schlimmste aller Übel ist, ausgeschlossen zu werden. Wie erklären Sie, dass Kandidaten, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen, vom Priesteramt ausgeschlossen werden?

Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone:
Der Katechismus der katholischen Kirche besagt, dass homosexuelle Akte an sich jenseits der Ordnung liegen, außerhalb der Norm. Viele Personen erfahren das unter großem Leidensdruck, Homosexuellen muss daher mit höchstem Respekt begegnet werden. Gleichzeitig aber kann damit nicht ihre Aufnahme in alle Funktionen im Inneren der Kirche gerechtfertigt werden. Dieser Ausschluss… Sie könnten auch das Beispiel vom Ausschluss der Frauen vom Priesteramt nennen… Dieser Ausschluss verhindert aber nicht, dass ihnen andere Tätigkeiten und Rollen offenstehen.

euronews:
Seit Jahren bittet die Kirche Frauen, Juden um Vergebung, sie entschuldigt sich für Abspaltungen. Wie will die Kirche das vollständige Vertrauen der Welt wiederherstellen? Der Eindruck bleibt nämlich, dass die Kirche einen anderen Rythmus hat als die Welt, als die Menschheit. Muss die Kirche wegen dieses Unterschieds um Vergebung bitten? Warum?

Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone:
Es muss daran erinnert werden, dass die Gesellschaft ihre Entwicklung der Kirche verdankt. Die Entwicklung der Zivilisation fand im Zeichen der Kirche statt. Erinnert sei an die Mönche des Mittelalters, die Europa die Zivilisation gebracht haben. Auch jene Englands begann mit den Mönchen, die Papst Gregor der Große entsandte. Dazu zählt auch der Heilige Augustinus, nicht wahr? Ich will sagen, die Kirche bittet um Vergebung für die Sünden ihrer Söhne. Doch wir sähen es gerne, wenn auch andere Staaten und andere Menschengruppen den Mut hätten, für die Schäden, die sie in der Geschichte verschuldet haben, um Vergebung bäten.

euronews:
Es gibt ein Gleichgewicht zwischen Religion und Politik. Wie sind die Erwartungen der hungrigen Migranten, die zu uns kommen, mit den Ansprüchen der reichen Länder zu vereinbaren, die diese Menschen zurückschicken?

Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone:
Das ist eine andere Frage. Die Kirche hat dazu, zu einer Aufnahme im Rahmen der Gesetze Stellung genommen. Anlässlich des internationalen Flüchtlingstages am 16. Januar kommenden Jahres wird es dazu eine Botschaft des Papstes geben. Der Papst wird darin den Standpunkt der Kirche klar zum Ausdruck bringen.