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Griechenlandpleite - aufgehoben oder aufgeschoben?

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Griechenlandpleite - aufgehoben oder aufgeschoben?

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Der Ökonom Marc Touati sagt: “Wenn man so weitermacht, explodiert die Eurozone in den nächsten fünf Jahren” Griechenlands Absturz in eine chaotische Staatspleite ist erst einmal abgewendet.
Und weiter? Die Troika aus EU, Europäischer Zentralbank, und Internationalem Währungsfonds hat wenigstens eine Verschnaufpause erreicht.

Es haben zwar nicht die erhofften 90 Prozent der privaten Gläubiger beim Schuldenschnitt mitgemacht, aber immerhin über 80 Prozent.

Allerdings ist diese Bereitschaft, auf einen Teil der Forderungen zu verzichten, nur ein Baustein in einem komplexen und keineswegs sicheren Rettungskonstrukt. Die großen deutschen und französischen Banken haben einen Verlust von 74% ihrer realen Investitionen in griechische Staatsanleihen akzeptiert. Das schmerzt vor allem in Frankreich, denn deutsche Banken hielten zuletzt bedeutend weniger dieser Hochrisikopapiere.

Über die Freigabe des EU-Rettungspaketes von 130 Milliarden Euro werden wohl kommende Woche die Finanzminister entscheiden. Die Zeit drängt, bis zum 20. März muss Griecheland Schulden in Höhe von 14,5 Milliarden Euro zahlen.
Ist es Zweckoptimismus oder Realismus, wenn IWF-Direktorin Christine Lagarde vom “Licht am Ende des Tunnels” spricht? Sie erklärt das aktuelle Paket als eine Kombination. Europäische Partner verlangen von Griechenland weniger Zinsen auf das geliehene Geld und private Gläubiger wie Banken, Versicherungen, Pensionsfonds schreiben einen Teil ihrer Ansprüche ab.

Damit werden die aktuellen Schulden Griechenlands bis 2020 von 160 % des BIP auf 120,5 % des BIP gedrückt. Hofft man. So wie man hofft, dass das griechische Bruttoinlandsprodukt auch mal wieder wächst. Im letzten Quartal 2011 war es um dramatische 7,5 % gesunken. Bisher hat Griechenland keines seiner Sparziele erreicht. Geht das überhaupt? Es mehren sich die Stimmen jener, die warnen, man könne die Griechen auch “totsparen”, die ein echtes Konjunkturprogramm verlangen nach der Art des “Marshallplans”, mit dem die USA nach dem II.Weltkrieg ihren westeuropäischen Verbündeten auf die Beine geholfen hatten. Als nächsten Unsicherheitsfaktor darf man getrost die für April anstehenden Parlamentswahlen ansehen. Denn was sind Absprachen wert, wenn die Leute, die sie eingingen, schon in einem Monat in Athen nichts mehr zu sagen haben?

*“Wenn man so weitermacht, explodiert die Eurozone in den nächsten fünf Jahren”
Marc Touati, Ökonom*
 
Pierre Assémat, euronews: “Uns zugeschaltet ist Marc Touati in Paris, Ökonom und Chef der Finanzgesellschaft Assya.
Marc, reden wir über Griechenland. Athen hat sich mit seinen privaten Gläubigern geeinigt. Bedeutet das nicht letztendlich, da die Regierung nicht zahlen kann, dass sie pleite ist?”
 
Marc Touati, Finanzexperte: “Das ist ganz klar eine Flucht nach vorn. Eine versteckte Pleite. Man hat das Grundproblem nicht gelöst, das fehlende Wachstum, das einzige, mit dem man die Staatsverschuldung mittelfristig senken könnte. Man hat bloß ein großes Pflaster draufgeklebt, um die Gemüter zu beruhigen, doch man ist weit von der Rettung Griechenlands entfernt.”
 
euronews: “Heute morgen war international aber einmütig von einem Erfolg die Rede…”
 
Marc Touati: “Klar, wenn diese Vereinbarung gescheitert wäre… eine Vereinbarung, die trotzdem unglaublich ist: Man muss sich mal vorstellen, dass die Banken, die privaten Investoren letztlich akzeptieren, auf die Hälfte ihrer Forderungen gegenüber Griechenland zu verzichten und dann noch die alten Verbindlichkeiten in neue umzutauschen. Das heißt, man hat immer noch Vertrauen in ein Griechenland, das kein Geld mehr hat. Das ist also doch eine außergewöhnliche Übereinkunft.
 
Aber wir haben hier auch keinen kompletten Erfolg, denn zugestimmt haben etwa 85 Prozent, während das Ziel 90 bis 95 Prozent waren. Es ist also kein ungetrübter Erfolg. Die Griechen werden zudem noch weitergehen müssen und die Gläubiger, die nicht freiwillig zugestimmt haben, zwingen, den Umtausch in neue Forderungen zu akzeptieren.”
 
euronews: “Letztlich meinen Sie also, man hat Zeit gewonnen.”
 
Marc Touati: “Genau. Das, was man seit drei Jahren in der griechischen Krise tut. Man schindet Zeit, mit einer Art Flucht nach vorn. Und jetzt wird nur über Griechenland geredet, aber nicht nur Griechenland ist betroffen. Denn heute haben außer Deutschland, Finnland und Luxemburg alle Länder der Eurozone, darunter auch Frankreich, jährlich nicht genug Wachstum - manche schon über fünf Jahre - um ihre Staatsschulden jedes Jahr zurückzahlen zu können.
Und dennoch vergisst man das Essentielle, das Wachstum. Ohne Wachstum, und das wird nicht kommen, solange man rigide spart, nützt das alles nur, um geheilt zu sterben! Ob es nun Griechenland, Portugal, Spanien oder Italien ist. Heute brauchen wir vor allem Wachstum, aber leider wird nichts getan, um dieses Wachstum zu unterstützen.”
 
euronews: “Was bedeutet das nun konkret für die griechische Bevölkerung? Wie lange muss sie diesen Sparkurs ertragen?”
 
Marc Touati: “Die Haushaltssanierung ist schon wichtig, aber man muss auch ein bisschen Zucker auf die bittere Medizin streuen. Also auch ein bisschen Wachstum ankurbeln: Einen schwächeren Euro haben, niedrigere Zinsen, eine Europäische Zentralbank, die direkt öffentliche Schulden aufkauft, um den Banken zu ermöglichen, die Wirtschaft zu finanzieren, und parallel dazu bräuchte man einen Plan zur Wiederbelebung in der Eurozone, finanziert durch Eurobonds. 
 
All das wird nicht getan, die Deutschen wollen es nicht. Man kann sie verstehen, denn heute gibt es wirklich zu viele Länder, insbesondere Frankreich, die eine laxe Haushaltsdisziplin hatten – aber leider wird man ohne Wachstum nicht aus der Krise herauskommen. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber diese Krise wird leider noch dauern.”
 
euronews: “Marc Touati, Sie haben gerade ein Buch geschrieben “Wenn die Eurozone explodiert”. Sie glauben, dass die Eurozone immer noch explodieren kann?”
 
Marc Touati: “Man muss doch mal über die wahren Probleme reden, die echten Gefahren, die heute die Eurozone bedrohen. Wir wissen doch seit Anfang an, dass die Eurozone bedroht ist, solange es nicht ein optimaler Währungsraum ist, also mit einer perfekten Integration der verschiedenen Volkswirtschaften, Steuerharmonisierung, Vereinheitlichung der Reglementierung, einem föderalen Haushalt, etc, und solange man nicht auch das Wachstum wiederhergestellt hat.
Wenn wir aber so weitermachen, tut mir leid, dann kann und wird die Eurozone in den kommenden fünf Jahren explodieren.”