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"Die Wahl ist nicht als Euro-Referendum präsentiert worden, sondern als Bluff"

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"Die Wahl ist nicht als Euro-Referendum präsentiert worden, sondern als Bluff"

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Diesen Sonntag stehen die Griechen vor einer schweren Entscheidung: Stimmen sie für die Sparmaßnahmen, obwohl sie von Tag zu Tag ärmer werden. Oder hören sie auf die radikalen Linken und verlieren dann vielleicht den Euro?

Die Staatskassen werden nach Juli leer sein. Um für Rentner und Beamte zu zahlen, braucht Athen die zweite Tranche des Rettungspakets.

In den Banken herrscht ebenfalls Ebbe. Besorgte Kunden haben vorsorglich ihre Ersparnisse abgehoben und in Sicherheit gebracht.

Für Rentnerin Despina Tsilali ist die Lage aussichtslos – auf lange Sicht. “Ich mache mir Sorgen,” klagt sie. “Ich habe weder Geld, das ich abheben, noch das ich aufs Konto legen kann. Aber meine Sorge gilt nicht mir, sondern meinen Kindern, weil sie keine Arbeit haben.”

Die Wirtschaft steckt seit fünf Jahre in der Rezession. Hinzu kommen Sparmaßnahmen, die nichts verbessert haben. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei über 22 Prozent. Bei den Jüngeren sieht es noch düsterer aus: Mehr als jeder Zweite hat keine Beschäftigung.

Selbst die Landwirtschaft liegt brach. Im malerischen Chrissos, in der Nähe des Tempels von Delphi, kostet das Kilo Oliven nur noch 70 Cent. Zu wenig, um Menschen für die Ernte einzustellen. Auch die Touristen werden seit der missglückten Wahl vom 6. Mai immer seltener.

Das verbittert Landwirt Dimitris Basanos: “Für die alten Parteien habe ich früher gestimmt. Damit ist jetzt Schluss. Ich wähle die Linken, das ist meine Rache,” droht der Landwirt.

Selbst in den Augen der jungen Wähler ist der europäische Traum gealtert, seitdem es mit der griechischen Wirtschaft bergab geht. Babis Kontaris hat eine seiner beiden Tischlereien schließen müssen. Er wird sein Kreuzchen bei den Kommunisten setzen. Kontaris macht seinem Ärger Luft: “Ich bin mit der Drachme aufgewachsen, das war ok. Jetzt kann ich meine Familie nicht mehr ernähren. Da Griechenland die EU-Kriterien nicht erfüllt hat, warum sind wir dann überhaupt beigetreten? Um Europäer zu sein? Jetzt kann ich mich also Europäer nennen. Sieht das hier aus wie Europa? Sieht das hier wie ein Betrieb in Europa aus? Gibt’s das auch in Deutschland?”

Es ist nun an den Griechen, am Sonntag ihre Entscheidung zu treffen. Und viele scheinen mit den radikalen Linken zu sympathisieren. Sollte er am Montag die neue Regierung stellen, versprach Syriza-Chef Alexis Tsipras, Griechenland könne den Euro behalten, ohne seine Schulden zu bezahlen. Spannungen sind vorprogrammiert.

Alasdair Sandford, euronews:

“Wir sprechen in Athen mit Nikos Konstandaras, Chefredakteur der eher konservativen Zeitung Kathimerini.

Nikos, wir hören gewaltiges Kampfgeschrei von Alexis Tsipras von der Syriza. Kann er die Wahl dieses Mal tatsächlich gewinnen?”

Nikos Konstandaras, Chefredakteur Kathimerini:

“Nun, Tsipras ist tatsächlich überzeugt, dass Syriza diesmal die Wahl gewinnen kann. Hat viel Wind in den Segeln, er steht an der Spitze der Kampagne – ich meine, er ist derjenige, den wir sehen, den wir hören, über den Europa diskutiert. Also Syriza wird definitiv getragen von einem Strom von Optimismus und die jüngsten Umfragen deuten auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Konservativen der Nea
Dimokratia hin.”

euronews:

“Sie sagten beim letzten Mal, er habe vor allem Proteststimmen eingesammelt. Heißt das, viele Griechen glauben ihm wirklich, wenn er sagt, dass Griechenland die Bedingungen der Rettungsaktion ablehnen und dennoch im Euro bleiben kann?”

Konstandaras:

“Am Anfang war es eine Protestwahl. Niemand, nicht einmal die Partei selbst, glaubte, sie könnte von rund 5% auf 16-17% springen. Das überraschte alle. Von diesem Moment an wurde sie ein Magnet, zog Menschen an, die gegen die Sparmaßnahmen waren, die etwas ändern wollen, die etwas Neues wollen. Pech nur, dass Syriza offenbar gar nichts Neues vorschlägt – nur die Rückkehr zu den guten alten Zeiten vor dem Rettungspaket. Diese Botschaft ist sehr stark für Menschen, die wollen einfach nur was Anderes wollen, ohne wirklich nachzudenken.”

euronews:

“Und was ist mit Antonis Samaras der Nea
Dimokratia, dem anderen Spitzenreiter? Hat er etwas Positives zu bieten, oder nur mehr Einschränkungen? Und hat denn der Sparkurs nachweislich irgendeinen Nutzen gebracht, abgesehen davon, dass er wehtat?”

Konstandaras:

“Na ja, die Sparmaßnahmen bedeuten in diesem Fall Stabilität. Was Samaras und Nea Demokratia bieten, ist zumindest, dass sich nichts dramatisch ändert am Montag, dem Tag nach der Wahl. Sie sagen, ‘lasst uns die Absprachen einhalten, mit Veränderungen, wenn möglich. Aber wir sollten das Boot nicht zu heftig schaukeln. Sonst kippt es um und wir aus dem Euro’.

Das Pech hier ist, dass der Reformprozess in den vergangenen zwei Jahren so halbherzig war, dass die Reformen nicht so stark sichtbar wurden wie die Einschränkungen. Das Volk spürte den Schmerz, ohne Gefühl für die Vorteile der Reformen. Nun hat Samaras den Salat: Er muss mit diesem Ungleichgewicht klarkommen.”

euronews:

“Außerhalb Griechenlands sind jetzt viele Warnungen zu hören – es gehe bei dieser Wahl um weit mehr als um Griechenland. Die Euro-Zone insgesamt stehe auf dem Spiel. Wird diese Botschaft in Griechenland gehört?”

Konstandaras:

“Die Botschaft wird gehört, aber sie wird zu einem großen Teil ignoriert von den Menschen, die gegen Sparpolitik und Rettungsaktion sind. Die Wahl ist ihnen nicht so sehr als Referendum über den Euro präsentiert worden, sondern als ein Bluff. Der Euro werde als Mittel benutzt, um die Leute zu erschrecken, damit sie ihre Stimmen den alten Parteien geben, die Griechenland soweit gebracht haben.

Die Menschen haben kein klares Bild. Nachrichten aus Europa, wie stark sie auch immer seien, werden immer als Parteinahme für eine Seite gegen die andere gesehen. So werden sie von Leuten diskreditiert, die glauben, man könne an der Rettungsaktion Abstriche machen und doch in der Eurozone bleiben.”

euronews:

“Besteht die Gefahr, dass diese Wahl so inkonsequent ausgeht wie beim letzten Mal?”

Konstandaras:

“Die Gefahr ist groß. Denn auf der einen Seite haben wir die Nea Dimokratia und deren mögliche Koalitionspartner – sie sehen ziemlich schwach aus. Wenn andererseits Syriza durchkommt, dann werden sie dort anfangen müssen, nach einer Politik zu suchen, die funktioniert. Sie müssen verstehen, dass da auch noch andere ein Wort mitzureden haben. Alle Vorteile des Rettungspakets und nichts tut weh – das geht nicht. So oder so werden wir eine lange Zeit damit zubringen, wieder auf die Beine zu kommen. Und das ist das Letzte, was sich die griechische Wirtschaft im Augenblick leisten kann.”