Eilmeldung

Eilmeldung

Wahlen im Iran: "Kein Kandidat kann Wirtschaftskrise stoppen"

Sie lesen gerade:

Wahlen im Iran: "Kein Kandidat kann Wirtschaftskrise stoppen"

Schriftgrösse Aa Aa

Negative wirtschaftliche Indikatoren, eine wachsende Armut und Arbeitslosigkeit, sowie der Verfall der iranischen Währung, Rial: All das ist nur ein Teil der wirtschaftlichen Misserfolge von Mahmoud Ahmadinedschad während seiner zwei Amtszeiten. Die Frage ist: Kann man trotz dieser schlechten Nachrichten hoffen, dass sich die Situation der iranischen Wirtschaft verbessern wird? Die Frage beantworten soll uns Dr. Shahin Fatemi, Wirtschaftsprofessor an der amerikanischen Universität Paris. Aber zuvor ein kurzer Blick auf die Wirtschaftspolitik der Regierung Ahmadinedschad:

Mahmoud Ahmadinedschad kam vor zehn Jahren an die Macht und versprach soziale Gerechtigkeit und Vergünstigungen für die ärmere Bevölkerung – finanziert durch die Öleinnahmen. In den letzten Monaten seiner ersten Amtszeit kündigte er an, man wolle gezielte Subventionen durchsetzen. Menschen mit geringen Einkommen und Armen sollte so geholfen werden.

Der Iran verzeichnete zu Beginn von Ahmadinedschads Präsidentschaft gewaltige Einnahmen durch seine Ölgeschäfte. Das Land war der zweitgrößte Ölexporteur innerhalb der Opec. Die Geldmenge, die im Land im Umlauf war, versechsfachte sich innerhalb von acht Jahren. Die Inflation wuchs allerdings kräftig mit: Sie erreichte 40 Prozent, im letzten Jahr von Ahmadinedschads Amtszeit – offiziellen Angaben zufolge. Einige Wirtschaftsfachleute gehen von 70 Prozent aus. Auch die Arbeitslosigkeit nahm zu. Ein Viertel der Iraner hat keinen Job, so das iranische Statistikamt.

Die Produktion und der Export gingen in den letzten acht Jahren zurück. Das gilt auch für die Ölförderung: Der Absatz brach dramatisch ein, infolge der Sanktionen, die auf Bestreben der USA und Europas verhängt wurden. Der Iran exportierte vor dem Embargo 2,2 Millionen Barrel Öl pro Tag. Auf weniger als ein Drittel schrumpfte diese Menge in den letzten Monaten.Die nächste Regierung muss sich nach acht Jahren Ahmadinedschad vor allem um die am Boden liegende Wirtschaft kümmern. Diese konnte sich bislang nicht von der Krise erholen.

Interview:

Irans Wirtschaftwachstum ist zurückgegangen: von zwei Prozent im Vorjahr auf 0,09 Prozent in diesem Jahr – so der jüngste Bericht des Internationalen Währungsfonds. Wenn Sie die negativen Indikatoren der letzten acht Jahre betrachten: Wie beurteilen Sie die Wirtschaftssituation während der zwei Amtszeiten von Präsident Ahmadinedschad?

Shahin Fatemi:

Meiner Ansicht nach gibt es eine sehr negative Entwicklung. Das internationale Umfeld und die Situation im Land haben dazu geführt, dass alle Faktoren minimiert oder ausgelöscht wurden, die für ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum notwendig sind. Ahmadinedschads Präsidentschaft ist wirtschaftlich betrachtet eine der verheerendsten seit dem ersten Golfkrieg und der Revolution, wenn wir berücksichtigen, dass er mehr als 700 Milliarden Dollar Einnahmen aus dem Ölgeschäft zur Verfügung hatte.

euronews:

Die Sanktionen haben zu einem Anstieg der Inflation geführt. Die Maßnahmen richteten sich erstmals auch gegen die Landeswährung Rial. Im letzten Jahr verlor der Rial die Hälfte seines Werts. Wie sehen sie die Zukunft der Währung?

Shahin Fatemi:

Der Wert einer Währung und die Inflation beeinflussen sich gegenseitig. Die Inflation wächst, also nimmt der Wert einer Währung ab. Wir haben in diesem Fall auch noch einen starken Einfluss internationaler Faktoren: Man muss daher mit einem weiteren Verfall der Währung in den nächsten Jahren rechnen, denn die Wirtschaft des Landes hängt vom Öl ab und das wird derzeit boykottiert. Das Geld wird also weiter entwertet werden, auch deshalb, weil sich die Sanktionen gegen die iranische Währung richten. Solche Probleme können nicht einfach durch Lippenbekenntnisse gelöst werden.

euronews

Wirtschaftsexperten bewerten die letzten acht Jahre als Zeit der Armut und der Arbeitslosigkeit. Was denken Sie, wie lange wird die iranische Gesellschaft diesem wirtschaftlichen Druck noch standhalten können?

Shahin Fatemi:

All das wäre nicht passiert, wenn es im Iran eine freie Gesellschaft gäbe. Die Bürger können in einer freien Gesellschaft die Politik eines Landes beeinflussen, indem sie wählen gehen. Sie können sich für eine neue Regierung entscheiden, wenn sich die Politik nicht ändert. Die Menschen im Iran sind aber durch die Unfreiheit nicht an der Macht beteiligt. Die Situation wird sich so lange nicht ändern, so lange die Macht der Regierung größer ist, als die des Volkes. Die Wirtschaft ist die Achilles-Ferse des Regimes, das kann man generell so sagen. Und durch sie wird sich auch eventuell etwas ändern.

euronews:

Die Präsidentschaftskandidaten wollen Stimmen holen und machen Versprechen, wie sie die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Wie beurteilen Sie die Wahlprogramme? Gibt es eine wirksamen Plan gegen die Wirtschaftskrise?

Shahin Fatemi:

Alle Programme sind sehr allgemein gehalten. Die iranische Wirtschaft ist momentan sehr stark dem internationalen Druck ausgesetzt, das beeinflusst sie mehr als irgendetwas anderes. Die Kandidaten haben darauf keinen Einfluss. Wir sollten von keinem Kandidaten erwarten, dass er irgendetwas ändern kann, so lange das Land seine internationalen Beziehungen nicht normalisiert. Die Kandidaten machen Versprechen, doch sie haben keine wirkliche Lösung für die Probleme, sie wissen ganz genau, dass sie die große Politik nicht beeinflussen können. Sie wissen auch, dass die Wirtschaftsprobleme des Landes einen politischen Ursprung haben. Die Lösung kann nur so aussehen, dass das Land seine Beziehungen zur der internationalen Gemeinschaft wieder normalisiert.