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Zwangsrekrutierung von Kindern ist Alltag im "stillen" Krieg von Kolumbien

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Zwangsrekrutierung von Kindern ist Alltag im "stillen" Krieg von Kolumbien

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In Kolumbien gibt es immer noch einen “stillen” Konflikt, trotz des Friedensprozesses zwischen Regierung und der Guerillabewegung FARC. Kelly Jhoanna, die in der Tolima-Region lebt, erzählt:

“Vor meinem Haus knallen immer Schüsse. Eine verirrte Kugel könnte uns treffen, man fragt sich: Kann mir etwas passieren? Mein Großvater, viele von meiner Familie starben in diesem Konflikt.”

Das Mädchen erklärt weiter:

“Mein Bruder hatte Probleme mit “diesen Leuten” – der Guerilla – , weil die Armee ihn zwang, auf dem Markt zu arbeiten. Sie haben einen Stützpunkt in der Nähe, also arbeitete mein Bruder für sie. Er flüchtete auf die andere Seite zu den Guerillas, wo es härter zugeht. Dann wurde er gefangen, und jetzt wird er dafür verurteilt, dass er mit “diesen Leuten” zusammengearbeitet hat.”

Die Mutter Maria Graciela Paya sagt:

“Für mich ist es eine Entführung gewesen, wirklich eine Entführung. Denn sie lassen mich meinen Sohn nicht fragen: Warum hast du das gemacht? Warum bist du auf die andere Seite gegangen?”

Zwangsrekrutierung gehört zu den größten Gefahren für Kinder wie Kelly Jhoanna und ihre fünf Geschwister. Ihre Familie gehört zu dem indigenen Nasawe’sx-Volk. Sie leben in einem Reservat in der Nähe von Gaitania. Den Menschen hier ist es gelungen, ein Friedensabkommen mit den bewaffneten Gruppen auszuhandeln. Die Furcht vor ihnen ist so groß, dass niemand es wagt, ihren Namen auszusprechen. Auch die Landwirte auf der anderen Seite des Berges leiden unter dem Konflikt. Immer wieder werden Leute getötet.

Kelly Jhoanna:

“Die Kinder der Bauern kommen auch in die Schule. Sie erzählen oft: ‘Dieser Junge oder das Kind wurde verschleppt. Wenn “diese Leute” sehen, dass die Kinder zwölf Jahre alt sind, nehmen sie sie einfach mit. Sie lassen sie nicht in die Schule oder rausgehen. Die Kinder werden entweder von der Armee oder von ihnen eingesammelt.”

Jhoanna ist im letzten Jahr an der Nasawe’sx-Schule. Seit 2012 ist das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen dort tätig. Einige der Schüler stammen aus Familien, die vertrieben wurden. Dank der Unterstützung der EU-Initiative “Children of Peace” konnte sich die UNO-Flüchtlingshilfe dieses Jahr in dieser Region stärker engagieren.

An der Nasawe’sx-Schule gibt es 130 Schüler zwischen 11 und 21 Jahren. Die Aktivitäten gehen über den normalen Schulbetrieb hinaus: Zusammen mit der Gemeinde entwickelt die UNO-Flüchlingshilfe Strategien, um den Kindern eine Zukunft zu geben.

Gustavo Torres:

“Manchmal sind die Ergebnisse ein bisschen kontraproduktiv: Die Kinder studieren und kommen nicht mehr in ihre Gemeinschaft, in ihre Heimat zurück. Wir setzen also darauf, die Schulgebäude und die Waschräume hier zu renovieren. Wir bieten den Schülern ein gutes Umfeld, in dem sie aufwachsen und sich geschützt fühlen, aber auch lernen, diese Institution und ihre Gemeinschaft zu lieben.”

Um die Kinder vor Zwangrekrutierung und Traumata zu schützen, werden auch Freizeitaktivitäten und spezielle Schulprogramme angeboten, die das Zugehörigkeitsgefühl zur indigenen Kultur stärken sollen.

Kelly Jhoanna:

“Ich möchte weiter lernen, um meinem Volk zu helfen, um ihnen beizubringen, was ich gelernt habe. Ich will meine Gemeinde unterstützen.”

Im Durchschnitt schafft es derzeit nur ein Prozent der Schüler zu studieren. Die Gemeinde träumt von einer örtlichen Universität.

Kelly Jhoanna:

“Wir brauchen viel mehr Unterricht. Als Schüler und Kinder müssen wir unser Wissen und unseren Horizont erweitern.”