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Holodomor gleich Völkermord an Ukrainern?

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Holodomor gleich Völkermord an Ukrainern?

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Im November wird in der Ukraine des Holodomor gedacht. Das Wort bedeutet “Töten durch Hunger.
Erinnert wird an die Hungersnot von 1932/33, bei der Millionen Menschen starben. In der Ukraine, die eigentlich die Kornkammer Russlands war, aber auch an der Wolga, in Kasachstan, im Südural und in Westsibirien.
Oleksandra Owdijuk aus dem Dorf Targan hat den Hunger überlebt. Sie berichtet, wie “Spezialkommissionen” über die Dörfer zogen. Immer 7 Leute mit einem Pferdewagen. Die schleppten alles Eßbare weg, was sie bei den Bauern noch finden konnten. Nach einer Missernte hatte die Bauern das Ablieferungssoll nicht erfüllt. Und sie wehrten sich gegen die von Stalin verordnete Kollektivisierung.
So wurde von der Kremlführung die ländliche Mittelklasse – russisch “Kulak” – zum Volksfeind erklärt, den es auszurotten gelte. Mit Methoden, die den Menschen alles Menschliche rauben mussten. Olena Gonscharuk erzählt von kaum fassbaren Fällen von Kanibalismus. Die Leute hatten Angst um ihre Kinder. Als einmal die Tochter einer Nachbarin verschwand, fand man nur noch Reste der Leiche.
Den Kopf angetrennt. Den Körper im Ofen gebacken.
Auf das Verstecken von Lebensmitteln,von Korn vor allem, stand die Todesstrafe. Während Millionen verhungerten, verkaufte Stalin das den Hungernden gestohlene Getreibe in den Westen. Um dafür Maschinen für seine gigantischen Industrialisierungsprojekte zu kaufen.
Leichenkommandos zogen über die Dörfer, um die Toten einsammelten. Olena erzählt von einer schon sehr geschwächten Frau, die aber noch lebte. Als das Kommando sie auf den Leichenwagen laden wollte, sagte sie: “Ich lebe doch noch”. Die Männer antworteten: “Aber nicht mehr lange und wir können nicht deinetwegen morgen nochmal kommen.”
Dies ist einer der Friedhöfe, auf denen heute in würdiger Form der Verhungerten gedacht wird.
Der ukrainische Historiker Volodimir Serhijschuk erklärt: “Die Hungersnot herrschte auch in anderen Gegenden der UdSSR. In Kasachstan zum Beispiel. Aber dort blieb den Menschen noch der Ausweg, in benachbarte russische Regionen zu ziehen, oder nach Kirgistan oder Usbekistan. Die Ukrainer aber konnten weder nach Weißrussland noch nach Russland ausweichen. Für sie war die Grenze zu, sie bekamen keine Zugfahrkarten. Die ukrainischen Bauern wollten nicht in die Kolchosen, die Kollektivwirtschaftlen, die von den im Kreml herrschenden Bolschewiki verordnet wurden, um auf dem Lande die Macht ausüben zu können. So taten sie nichts anderes, als die unwilligen bauern durch Hunger zu töten.”
Nach staatlich verordnetem ukrainischem Geschichtsverständnis wird der Hungerterror als gezielte Aktion zur Auslöschung des ukrainischen Volkes betrachtet.

Iryna Gibert, euronews:
Professor André Liebich arbeitet in Genf am Institut für internationale Studien. Sein Spezielgebiet sind die Nachfolgestaaten der UdSSR. Das ukrainische Gesetz definiert Holodomor als Völkermord am ukrainischen Volk. Das wird in mehr als 20 Staaten so anerkannt. Andere aber halten diesen Begriff nicht für angemessen, nicht für wissenschaftlich korrekt.

André Liebich:
Dieser Begriff ist tatsächlich schlecht gewählt.
Völkermord in den 1930er Jahren – das suggeriert sofort einen Vergleich mit dem Holocaust. Da gibt es aber einen Unterschied. Holodomor – die große Hungersnot – traf nicht nur die Bevölkerung der Ukraine sondern auch Menschen in Kasachstan und in Russland. Außerdem steckte hinter der Aktion, die
Holodomor genannt wird, nicht die Absicht, Menschen auszulöschen, wie es beim Holocaust der Fall war. Auch wenn es unzweifelhaft Millionen Opfer gab. Die waren aber das Ergebnis der brutalen, unmenschlichen Politik von Stalin, der für die Durchsetzung seiner Ziele nicht vor Opfern zurückschreckte. Sein Ziel war aber nicht die Vernichtung des ukrainischen Volkes – sondern die Umsetzung seines Programms zur Umgestaltung der Landwirtschaft. Koste es was es wolle! Auch um den Preis von Millionen Opfern unter der Landbevölkerung, und viele dieser Bauern waren Ukrainer.

euronews:
In der Ukraine existiert ein Zusatz zum Strafrecht, der jede öffentliche Leugnung des Holodomor in der staatlich verordneten Interpretation unter Strafe stellt. Schadet das denn nicht der Debatte über das Thema?

André Liebich:
Absolut ! Der Staat kann weder seine historische Wahrheit verordnen noch die Diskussion beenden.
Die Tatsache, dass beim Holodomor einiges umstritten ist, zeigt, dass die Debatte um so aktueller und notwendiger ist. Man beginnt sich gerade der Wahrheit zu nähern was die Fakten und die Zahl der Opfer anbelangt. Es ist nicht Sache des Staates, zu entscheiden, was wahr ist und was nicht und einfach die Diskussion abzuwürgen.

euronews:
Fakt ist, Millionen Menschen sind verhungert. Aber es ist doch wohl nicht angemessen, diese Tragödie auf eine Stufe zu stellen mit einem solchen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie die Shoah?

André Liebich:
Genau! Es handelt sich um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Aber nicht um ein Verbrechen gegen ein bestimmtes Volk. Wenn man Holodomor begreift als ein Verbrechen gegen Millionen von Menschen quer durch die damalige Sowjetunion, dann findet man eine Basis für eine gemeinsame Erinnerung, für eine Versöhnung zwischen Russen, Ukrainern und anderen Völkern. Wenn man Holodomor als exklusiv ukrainische Tragödie sieht, wie es in der Ukraine geschieht, dann schafft man damit Konflikte mit jenen, die ebenfalls Opfer dieser Tragödie waren.

euronews:
Der Ukraine wird auch vorgeworfen, eine Art Wettbewerb um die höchste Opferzahl zu betreiben. Wie sehen Sie das?

André Liebich:
So eine Konkurrenz um Opferzahlen nützt niemandem. Die niedrigste Zahl spricht von zwei Millionen verhungerten Menschen. Wenn man dann aber jene hinzuzählt, die an Mangelkrankheiten starben, dann noch die nochfolgend niedrigere Geburtenrate, dann ist man schnell bei mehreren Millionen – aber man kommt immer noch nicht auf 10 Millionen, wie zuweilen zu hören ist, auch nicht auf die Opferzahl des Holocaust von 6 Millionen, mit der manche Leute Holodomor vergleichen wollen.