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"Keiner hat so viel Mut wie Scharon"

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"Keiner hat so viel Mut wie Scharon"

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Wir haben mit unserem Korrespondenten Luis Carballo in Jerusalem über die Stimmung gesprochen.

Euronews: In Israel wird über Ariel Scharon einstimmig gut gesprochen. Wie ist die Atmosphäre vor der Beerdigung?

Korrespondent Luis Carballo: “Die Sicherheitsmaßnahmen sind verstärkt worden, alle Straßen rund um das Parlament sind gesperrt. Wir sehen eine große Polizeipräsenz und mehr Staus als normalerweise. Viele Menschen sind auf dem Weg zur Knesset, um Ariel Scharon Tribut zu zollen. Aber es herrscht keine emotional aufgeladene Stimmung so wie nach Jitzchak Rabins Tod, zwei Jahre nach dem Oslo-Abkommen. Aber die Umstände sind auch anders. Scharon lag seit acht Jahren im Koma, die Menschen sprechen erst jetzt wieder über ihn. Er rückte wieder in den Mittelpunkt der Medien, als sich sein Gesundheitszustand am 1. Januar verschlechtert hatte. Aber er hat auch ein anderes Profil. Scharon war kein Mann der Zugeständnisse. Er durchlebte viele Höhen und Tiefen während seiner militärischen und politischen Karriere. Aber angesichts seines Todes sind viele frühere Kritiker verstummt.”

Euronews: Wird jemand das politische Erbe Scharons fortführen. Teilt ein Politiker oder eine Partei seine Vision von Israel und dem Nahen Osten?

Korrespondent Luis Carballo: “Wir haben mit Renan Gysin gesprochen, der mehr als 15 Jahre lang sein Sprecher und Berater war. Er kannte Scharon sehr gut und er sagte uns, dass es niemanden mit so viel Mut, wie Scharon ihn gehabt hat, gibt. Niemand wird sich trauen, das zu tun, was er getan hat. Erinnern wir uns an die mystische Botschaft, die er den Siedlern zurief: ‘Jetzt muss sich jeder in Bewegung setzen, rennen und sich so viele Hügel wie möglich schnappen, um die Siedlungen auszubauen.’ Paradoxerweise hat er dann aber seine Strategie 2005 komplett geändert und den Abzug aus dem Gazastreifen durchgesetzt – vier Jahre nach seinem Antritt als Regierungschef. Alle 21 Siedlungen mussten unter Widerstand geräumt werden. Dieser Schritt wurde von der Siedlungsbewegung, die er zuvor noch gefördert hatte, als Verrat betrachtet. Aber auch innerhalb seiner Partei wurde dieser Schritt als Verrat aufgenommen.”

Euronews: Wird Scharon einen Platz in den Ruhmeshallen israelischer Politiker bekommen?

Korrespondent Luis Carballo: “Das wird die Zeit klären, aber eine Sache ist klar in Israel: Das Sicherheitskonzept ist allgegenwärtig. Jede Regierung, die an der Macht bleiben will, hat Sicherheit zu garantieren und Scharon verkörperte dieses Gefühl von Sicherheit. Aber es könnte auch um andere Themen gehen. Bei der Siedlungspolitik könnten Zugeständnisse gemacht werden, aber die Sicherheit muss immer gewährleistet werden und Scharon hat wie gesagt, dieses Konzept verkörpert.”