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Martin Schulz - Spitzenkandidat zur Europawahl

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Martin Schulz - Spitzenkandidat zur Europawahl

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Wie gut kennen die EU-Bürger die Kandidaten? Wir fragen in Paris und geraten zuesrt an portugiesische Touristen. Die schauen sich das Foto an – und sind spontan erst einmal hilflos.

Dann wird geraten: “Der Präsident eines Fussballclubs!… Nein?… Hm… Der Präsident von Armenien!” Nun beteiligt sich ein Franzose an der Raterunde:” Grieche?!” Auch eine Italiener kann nur raten. Ihr Tipp: “Americano”
Nochmal ein Franzose: “Der ist Priester…!? oder Bankdirektor…!?”

Also hier in Paris kennt fast niemand den Martin Schulz. Schau’n wir vorbei in Ostdeutschland. In Leipzig vor dem Alten Rathaus kommen die Antworten in schönstem Sächsisch sofort:“Der ist in der EU, alles klar, ja, und zwar von der SPD.”

Die nächste Passantin, eine ältere Dame muss auch nicht lange überlegen: “Der ist von der SPD, der ist SPD, ja, der Martin Schulz, der ist in Brüssel da…”

Nochmal im Klartext: Dieser Mann heisst Martin Schulz, er ist Präsident des Europaparlaments und er möchte Präsident der EU-Kommission werden. Er ist Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten. Werfen wir einen Blick auf seinen Lebenslauf.

Als eines von fünf Kindern wächst Martin, Sohn eines Polizisten, in bescheidenen Verhältnissen auf. In der Nähe von Aachen, ganz nah an der Grenze nach Belgien. Im Alter von 19 Jahren tritt er der Sozialdemokratischen Partei bei. Einige Jahre später wird er mit 31 Jahren der jüngste Bürgermeister im Bundesland Nordrhein-Westfalen.

1994 schicken ihn die Wähler ins Europaparlament, wo er 2004 Chef der sozialistischen Fraktion wird.

Sein Zusammenstoss mit mit dem Italiener Berlusconi sorgt nicht nur in Italien für Schlagzeilen. Schulz bietet auch Rechtspopulisten aus Ungarn und anderen EU-Ländern die Stirn.

2012 wählen ihn die Abgeordneten zum Parlamentspräsidenten. In zwanzig Jahren Europaparlament hat sich Schulz einen soliden Ruf als ehrlicher Makler erarbeitet, der über die Parteigrenzen hinweg Kompromisse erarbeitet.

Wir treffen Martin in Paris. Europas Herz ist die deutsch-französische Versöhnung, glaubt er. Als Jugendlicher nahm er an einem Austausch teil, lebte in einer französischen Familie, die im Widerstand gegen Nazi-Deutschland gekämpft hatte. Martin begriff: Europa bedeutet: Frieden.

Fragen wir ihn also hier in Paris: “Herr Schulz, wir sind hier in der Strasse des Heiligen Martin. Der Heilige Martin hat seinen Mantel geteilt. Er ist das Symbol aller, ja, gutgläubigen Menschen, die teilen möchten. Möchten Sie teilen? Und mit wem?”

Martin Schulz antwortet: “Ja. Ich glaube, dass wir den Reichtum unseres Kontinents nicht gerecht verteilt haben: es ist schon so, dass wir erleben, dass in Athen die Menschen in Mülltonnen wühlen, um zu überleben und in Berlin und in London kaufen Milliardäre aus Griechenland die teuersten Immobilien. Da muss man teilen. Und darum gehört ein gerechtes Steuersystem in Europa zu einer der zentralen Forderungen, die wir haben.”

Martin hat kein Problem mit seinem europaweiten Wahlkampf. Er wechselt mühelos zwischen Deutsch, Englisch und Französisch, lacht, hat im Nu eine persönliche Verbindung hergestellt. Man kann es spüren: Martin mag Menschen. Für unsere franco-phonen Leser hier seine französische Originalfassung, gefolgt von der deutschen Übersetzung für alle anderen: “Je suis à la recherche des gens qui votent pour moi, hehehe. Je crois que l’Europe a besoin de plus de égalité: plus des chances, surtout pour des jeunes! Nous vivons à une époque ou toute une generation en Europe avec ses chances pour le future est pris par une crise qui était crée par d’autres, hein… par les spéculateurs qui ne paient pas des taxes quand ils font des milliards des profits… et quand les spéculateurs font des milliards des pertes ce sont des contribuables qui paient pour eux… ce que je veux changer! – Reflechissez… et si vous trouvez un moment, le 25 mai, allez voter! Mais ne votez pas Barroso!”

“Ich suche Leute, die mir ihre Stimme geben… Europa braucht mehr Gerechtigkeit, mehr Chancengleichheit, vor allem für die Jungen. Wir leben in einer Zeit, in der die Zukunfts-Chancen einer ganzen Generation von einer Krise vernichtet werden, für die Andere verantwortlich sind nämlich die Spekulanten, die milliardenschwere Gewinne machen, aber keine Steuern zahlen und wenn sie milliardenschwere Verluste machen, dann sollen die Steuerzahler für sie blechen. Das will ich ändern! – Denkt mal nach! Und wenn ihr am 25. Mai Zeit habt, dann geht wählen. Aber wählt mir nicht diesen Barroso!”

Euronews konnte einen Blick hinter die Kulissen des Wahlkampfes werfen. Wie US-Präsident Obama setzt auch Schulz voll auf soziale Medien. Per Video-Tweet plädiert er für soziale Gerechtigkeit und schwingt die Peitsche gegen verantwortungslose Banken. Doch per Peitschenknall lassen sich die Bestien der Jugendarbeitslosigkeit wohl kaum bändigen. Was tun, Herr Schulz? Der antwortet diesmal im Pariser Winterzirkus: “Ich würde unmittelbar versuchen, über die Europäische Investitionsbank und auch über die Strukturfonds ein Kreditprogramm auch für mittlere und kleinere Unternehmen aufzulegen. Und wenn die dann auch investieren und auch junge Leute einstellen, bekommen sie auch eine Privilegierung bei den Kreditkonditionen.”

Würselen bei Aachen. Belgien und die Niederlande liegen gleich nebenan. Wir treffen Martins Jugendfreunde Franz-Josef, Arno und Kornel. Hier wuchsen sie auf, hörten Deep Purple und Uriah Heep, gingen gemeinsam durch dick und dünn. Die Jungs träumten den Traum von der großen Fußballkarriere, wollten Profis werden. Vier-, fünfmal pro Woche trainierten sie bis zum Umfallen. Martin lebte gleich nebenan, die Schule vernachlässigte er, Mathe, Chemie, Physik und Kirchgang waren ihm verhasst. Nur für Geschichte und Französisch brachte er Interesse auf… und für das runde Leder. Seine Rhenania-05-Kumpel sind sich einig: ein Filigrantechniker war er nicht, der Martin, aber er war der härteste Spieler auf dem Rasen, unglaublich zweikampfstark ,vom Gegner gefürchtet. O-Ton Jugendfreund aus der Mannschaft:
“Ja wenn der Martin die Aufgabe kriegte, einen Nationalspieler auszuschalten, dann hat er den auch ausgeschaltet.” Und Ex-Torhüter Arno ergänzt:
“Da hatte ich keine Angst, wenn der mitgespielt hat, der hat mein Tor verteidigt bis aufs Blut, der Junge.”
Franz-Josef Hansen setzt nach: “Wenn man so einige Charaktereigenschaften hat wie Durchhaltevermögen, Mut, Durchsetzungsvermögen, Vertrauen, auch Kameradschaft, damit war er immer vorneweg. Und wenn es gerade gegen die Großen ging, dann hat er uns den Mut gemacht.” Kornel Simons, damals im Mittelfeld, erinnert sich:
“Die Schule war für uns zweitrangig, Fußball war für uns das Erste. Wir waren immer auf dem Fußballplatz, wir sind über die Zäune geklettert, wenn die Tore zu waren.” Und noch einmal Franz-Josef Hansen: “Ja, wir mussten damals ja öfters über unsere Grenzen gehen und der Martin war jemand, der als Lokomotive vorneweg ging. Wir hatten eigentlich keine andere Wahl. es gab nur Fußball. es ist der Sport der Armen, war es auch früher, Du brauchtest nur ein paar Fußballschuhe und ‘nen Ball, und dann konntest Du das machen.”

Noch einmal Paris, “CIRQUEHIVER)”
Wahlkampfauftakt in Paris. 2000 Sozialisten aus ganz Europa fiebern Martin Schulz entgegen. Der redet wie ein Weltmeister, erinnert an seinen Lebensweg: vom Buchhändler zum Präsidenten des Europaparlaments. Der Mann weiß, was er will:Wachstumspolitik. – Arbeitsplätze. – Mindestlöhne. – Energiewende.

Frage: “Herr Schulz, warum kämpfen Sie für Europa?” Antwort: “Ich bin auch das Kind einer Familie, das die Schrecken der Grenze selbst bis in den privatesten Bereich hinein erlebt hat. Teile meiner Familie waren in drei verschiedenen Armeen. Also das Geschenk, das die Zusammenarbeit der Völker und Staaten über Grenzen hinweg für die Menschen darstellt, das habe ich immer auch als persönliches Geschenk empfunden.”

Doch nicht alle Sozialdemokraten auf dem Kontinent wollen MEHR Europa, erinnert die Leipziger Politikwissenschaftlerin Astrid Lorenz:
“Die Sozialdemokraten haben sich ja auf ein europäisches Wahlprogramm verständigt: die zehn Punkte sind unumstritten, aber sie sind eben auch sehr allgemein. Das ist immer das Problem, das die “europäischen Parteien” haben, dass sie im Grunde immer nur Verbünde nationaler Parteien sind, die auch immer noch ihre eigenen politischen Ziele durch die nationale Brille definieren.”)

Hier in Leipzig, wo die deutschen Sozialdemokraten ihre Wurzeln haben, warnt Schulz vor globalem Sozial-Dumping. Die SPD geht zurück auf die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) durch Ferdinand Lassalle am 23. Mai 1863. Und das war hier in Leipzig. Europa solle seine Grundwerte verteidigen, meint er im Gespräch mit Leipziger Studenten: wer nach Europa exportieren wolle, der müsse Europas Sozial- und Umweltschutzstandards akzeptieren…

Noch eine persönliche Frage: Sie haben früher Fußball gespielt: kann man vom Fußball was für’s Leben lernen – und für die Politik?”
Da muss Martin Schulz nicht groß überlegen: “Ganz sicher. Am Ende gewinnt die Mannschaft, nicht ein Einzelner… Das heißt: zusammenhalten, solidarisch miteinander sein, der eine muss für den Fehler des Anderen einstehen, aber alle sind gleichberechtigt… vom Torwart bis zum Linksaußen!”)