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Wem nützen Hamas-Raketen und israelische Bomben?

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Wem nützen Hamas-Raketen und israelische Bomben?

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Seit Tagen fallen Bomben auf Gaza. Die Hamas lehnt den von Ägypten vorgeschlagenen Waffenstillstand ab.
In der Sprache der Hamas klingt das so: “Zuerst muss Israel seine Aggression gegen das palästinensische Volk beenden”. Dazu wird ein Ende der Blockade des Gazastreifens gefordert, die Öffnung des Grenzübergangs nach Ägypten bei Rafah und die Freilassung der palästinensischen Gefangenen aus israelischen Gefängnissen.

In den Schulen der UN-Organisation für das palästinensische Volk herrscht die blanke Not. Wieweit da noch die Mehrheit der Zivilbevölkerung den kämpferischen Parolen der Hamas folgt, ist nicht klar. Deren Sprecher Sami Zuhri verkündet in gewohnt scharfem Ton: “Die Ankündigung der israelischen Okkupanten, die Kämpfe einstellen zu wollen hat für die Hamas nicht den geringsten Wert. Wir fordern nicht nur eine Ende der Kämpfe, wir fordern ein Ende der Ungerechtigkeit gegenüber dem palästinensischen Volk in Gaza.”

Diese Forderung ist so schön unkonkret, dass sich jeder herauslesen kann, was er möchte. Ob die Männer, die nächtens für die Hamas demonstrieren, damit auch für die Frauen und Kinder sprechen, die bei jedem israelischen Gegenschlag zu leiden haben? Die eigene Bevölkerung schützen, indem man die gegnerische Bevölkerung mit Raketen beschießt – das ist die Strategie der Hamas, die seit dem Bruch mit der Fatah im Gazastreifen allein regiert.

Es kommen noch ab und zu Hilfslieferungen vom ägyptischen Roten Halbmond. Allerdings haben sich die Beziehungen merklich abgekühlt, seit in Kairo Ex-General al-Sisi regiert. Eine Öffnung dieses Überganges hat Ägypten nur für Hilfslieferungen gestattet.

Warum hat die Hamas eigentlich wieder angefangen, so massiv israelische Wohnorte mit Raketen zu beschießen? Da war doch eine winzige Hoffnung aufgeflattert, die verfeindeten palästinensischen Brüder könnten sich versöhnen. Und damit wäre dann eine Voraussetzung für die Schaffung eines Palästinenserstaates geschaffen worden. Oder sind diese Raketenangriffe ein Zeichen für Spannungen, vielleicht gar Spaltungstendenzen innerhalb der Hamas? Gibt es da eine Fraktion, die keine Versöhnung mit der Fatah und Abbas will und auch keine Friedenslösung mit Israel? Jedenfalls stehen auf der israelischen Seite die Panzer bereit. So groß war die Gefahr eines neuen blutigen Nahost-Krieges schon lange nicht mehr. Die radikalen Kräfte in der Hamas benehmen sich wie Kämpfer, die nichts mehr zu verlieren haben.

Wir sprechen mit dem Nahost-Experten Hasni Abidi vom Study and Research Center for the Arab and Mediterranean World (Zentrum für Studien und Forschung über die arabischen Länder und die Mittelmeerländer) in Genf.

Laurence Alexandrowicz, euronews: “Will die Hamas wirklich immer weiter Krieg? Was motiviert die Hamas?”

Hasni Abidi: “Die Hamas glaubt, politisch von einer Eskalation profitieren zu können. Wir sprechen hier natürlich von einer Eskalation auf beiden Seiten, auch auf der Seite der islamischen Extremisten. Die Waffenruhe nicht zu akzeptieren, das hat in den Augen der Hamas mehr Vorteile als Nachteile. Sie glaubt, dadurch auf politischer Ebene stärker dazustehen. Sie will erreichen, dass die Blockade des Gazastreifens komplett aufgehoben wird und sie will stärker erscheinen als die Palästinenserbehörde im Westjordanland, der sie durch ihre Haltung natürlich schadet.”

Laurence Alexandrowicz, euronews: “Vergangene Nacht wurden die Häuser von Hamas-Führern von den Israelis getroffen. Seit einer Woche wird der Gazastreifen bombardiert, aber die Raketen auf Israel hören nicht auf. Woher nimmt die Hamas die Kraft zum Widerstand?”

Hasni Abidi: “Die Israelis sind militärisch gesehen natürlich stärker. Aber die Hamas hat die ganze Welt überrascht, die israelische Militärführung eingeschlossen. Ich glaube, die Hamas hat sich auf diesen Fall schon seit Jahren vorbereitet.
Seit zwei Jahren, vor allem seit dem Fall Mursis in Ägypten, sieht die Hamas, wie ihre internationale Position immer schwächer wird, wie sie international immer schlechter dasteht . Sie verliert ihre Verbündeten. Sie hat sich also auf eine mögliche Konfrontation mit Israel vorbereitet. Natürlich hat sie noch gute Verbindungen zu den früheren Freunden, wie zum Beispiel dem Iran.”

Laurence Alexandrowicz, euronews: “Angesichts der Lage in Syrien und dem Irak, kann man da sagen, dass die Extremisten der Hamas stärker sind als je zuvor?”

Hasni Abidi: “Die palästinensischen Extremisten konzentrieren sich hauptsächlich auf ihr eigenes Land. Ihr Kampf ist ein nationaler Kampf, kein internationaler. Verbindungen zum internationalen Dschihad zu unterhalten, ist da schwierig. Aber die Hamas lässt sich sicherlich von der Organisation ISIL inspirieren, was den Kampf angeht. Die Hamas sieht die arabische Welt als schwach an und daher kommt ihr Wille, sich zu mobilisieren.”

Laurence Alexandrowicz, euronews: “Ein Hamasmitglied hat in Bezug auf eine mögliche Invasion israelischer Bodentruppen gesagt: Davon träumen wir. Der Gazastreifen wird Israels Friedhof werden. Stehen die Einwohner von Gaza hinter solchen Worten?”

Hasni Abidi: “Die meisten Bewohner des Gazastreifens teilen die Ziele der Hamas, sie wollen eine Veränderung der Situation im Gazastreifen, eine Umsetzung der bekannten Forderungen: eine Öffnung der Grenzen, ein Ende der Blockade, Freiheit für die palästinensischen Gefangenen. Den Bewohnern des Gazastreifens sind außerdem die Hände gebunden. Die Hamas ist nicht nur eine politische Organisation, sondern auch eine militärische. Sie hat auch wirtschaftlich gesehen die Macht. Das tägliche Leben der Bewohner im Gazastreifen wird von der Hamas bestimmt. Daher kann man fast von einer Fusion zwischen der Hamas und den Bewohnern im Gazastreifen sprechen. Sie haben keine Perspektiven. Sie haben keine Wahl. Der einzige Grenzübergang mit Ägypten ist geschlossen. Wie sollen die Bewohner von Gaza da gegen die Hamas rebellieren?”

Laurence Alexandrowicz, euronews: “Danke für diese Erläuterungen, Hasni Abidi.”