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Wahl in der Türkei: Die armenischen Kandidaten

In der Türkei leben zwischen 40- und 70.000 Armenier, genau weiß es keiner. Die meisten von ihnen in Istanbul. Vor den Massakern im Jahr 1915 waren

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Wahl in der Türkei: Die armenischen Kandidaten

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In der Türkei leben zwischen 40- und 70.000 Armenier, genau weiß es keiner. Die meisten von ihnen in Istanbul. Vor den Massakern im Jahr 1915 waren es weitaus mehr, bis zu 1,5 Millionen sollen seinerzeit getötet worden sein. Jahrzehntelang blieben die Armenier in der Türkei unsichtbar, jahrzehntelang wurden sie vom Gesetz diskriminiert. Doch langsam ändern sich die Dinge. Die regierende Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP) hat die Gesetzeslage geändert, viele Minderheiten haben jetzt ihr Eigentum zurückerhalten.

Auch bei der AKP sind die Wahllisten für Armenier offen. Markar Esayan ist ein großer Anhänger von Präsident Recep Tayyip Erdogan. “Ich denke nicht, dass ich Kandidat wurde, weil ich Armenier bin. Natürlich ist das ein bedeutender Teil meiner Identität. Ich bin glücklich, Armenier zu sein. Das ist ein schöner Zufall und ein bedeutender Beweis dafür, dass die Türkei sich demokratisiert. Nach 55 Jahren als Armenier bin ich nun Kandidat der regierenden Partei, ich werde also Teil der Exekutive”, sagt er.

Die sozialdemokratische CHP von Republikgründer Mustafa Kemal “Atatürk” hat Özuzun Dogan aufgestellt, auch sie ist Armenierin. Sie steht an der Spitze der Liste in Istanbul, und auch sie wird zweifellos am 7. Juni ins Parlament gewählt. “Ich will mich mit jeder Art von Diskriminierung befassen und gegen Verbrechen aus Hass vorgehen”, sagt sie, “grundlegende Menschenrechte verteidigen. Natürlich wird auch die Präsenz von Armeniern stärker werden. Das Selbstbewusstsein der Armenier wird größer werden. Wir werden nicht mehr ignoriert.”

Garo Paylan ist ein anderer junger, armenischer Politiker. Er tritt für die pro-kurdische HDP an und steht auf Platz zwei der Istanbuler Liste. Auch die HDP hat sich Armeniern gegenüber geöffnet. Paylan: “Es geht nicht so sehr darum, Armenier zu sein. Wir setzen uns für die Ansichten von Kurden und Türken ein, also wird auch etwas für die Armenier geschehen. Das ist ein Normalisierungsprozess. Manche Identitäten wurden vom türkischen System ignoriert.,” Eine Normalisierung scheint auch dringend nötig zu sein: Während der 92 Jahre des Bestehens der türkischen Republik sind lediglich fünf Armenier ins Parlament eingezogen.