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Sohaibs Leben als syrischer Flüchtling in Frankreich

Sie fliehen vor dem Krieg und wenn sie in Frankreich ankommen, sind die Asylbewerber mit vielen Hindernissen konfrontiert. Sohaib, ein syrischer Flüchtling in Lyon erzählt uns seine Geschichte.

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Sohaibs Leben als syrischer Flüchtling in Frankreich

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Sohaib Al Raies ist aus Syrien. Er ist vor dem Krieg geflohen. Er hat von der libyschen Küste aus die Fahrt über das Mittelmeer gewagt. Die italienische Küstenwache hat ihn gerettet. Er erzählt: “Wasser ist ins Boot gelaufen. Denn es war ein altes Schiff und es waren so viele Menschen darauf. Wir waren ungefähr 1400 Menschen, vor allem Frauen, Kinder und junge Menschen. Das Boot begann langsam zu sinken. Und ich habe die Küstenwache mit meinem Satellitentelefon angerufen. Wie waren 36 Stunden an Bord dieses maroden Schiffes. Es stank und immer wieder wurde mir schwindelig, ich musste spucken. Ich habe mich mehrmals übergeben. Ständig war mir schwindelig.”

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Die Syrer wollen nicht von Staatshilfen leben

Das war vor eineinhalb Jahren. Mittlerweile hat er in Frankreich Asyl erhalten. Er zeigt uns ein Foto, dass kurz nach seiner Rettung aufgenommen wurde: “Nach dieser harten Reise, konnten wir auf dem italienischen Schiff schlafen. Ich war so erschöpft und erleichtert. Ich war endlich in Sicherheit!”

Seine Heimatstadt Harasta ist im Nordosten von Damaskus. Es ist eine Hochburg der Opposition und komplett zerstört von den Kämpfen. Sohaib ist im November 2013 mit seinen Eltern vor den Bombardierungen geflohen.

Er ist als erstes nach Beirut gefahren, dann nach Ägypten geflogen, wo er mehrere Monate geblieben ist. Sein erster Versuch über das Mittelmeer zu kommen, scheitert. Er wird von der ägyptischen Polizei verhaftet und in die Türkei geschickt. Von dort fliegt er nach Algerien, bevor er illegal nach Libyen reist und sich dort in die Hände von Schleusern begibt. In Italien lassen ihn die Behörden nach Frankreich weiterreisen.

Im Juni 2014 kommt er mit dem Zug nach Lyon. Er hat kein Geld mehr, also bleibt er. Aber er spricht nicht französisch. Frankreich hat bei den Syrern keinen guten Ruf. “Alle Syrer wissen, dass Frankreich bei der Bearbeitung der Anträge langsam ist und, dass man, wenn man hier ankommt, nicht beherbergt wird. Man ist hier in Frankreich auf sich alleine gestellt. Wenn du niemanden kennt, schläfst du auf der Straße,” so Sohaib.

In Lyon haben alleinstehende Flüchtlinge wie er so gut wie keine Chance auf eine Unterkunft. Maison des réfugiés, das Haus der Flüchtlinge, ist für alle Asylbewerber der Region die erste Anlaufstelle. Sohaib begleitet uns. Am Anfang konnte er die Adresse des Hauses angeben und sie halfen ihm mit seinen Behördengängen.

Laut Jean-François Ploquin, dem Direktor der Organisation, ist die Betreuung der Flüchtlinge sehr wichtig: “Es geht nicht darum sie ihr Leben lang zu bemuttern, aber man muss ihnen helfen. Ihr Haus wird bombardiert, dann landen sie in einem Flüchtlingslager, durchqueren eine Wüste, dann das Mittelmeer und plötzlich sind sie hier. Sie benötigen einen Zugang zum französischen Leben. Ein Beispiel: Die Menschen, die hierher kommen sind manchmal sehr qualifiziert, aber ihre Diplome werden nicht anerkannt. Wie baut man sich ein neues Leben auf, wenn das, was man in den vergangenen zwanzig Jahren gemacht hat, nicht anerkannt wird und man kleine Jobs verrichten muss, um seine Miete zu zahlen?”

Sohaib hat Anglistik studiert und als Informatiker gearbeitet. In Lyon hat er noch keinen Job gefunden. Er lebt in einer Sozialwohnung und bekommt Hilfen, mit denen er gerade so über die Runden kommt. Er zeigt uns, wo er wohnt: “Das ist mein Stock, hier gibt es zwei Toiletten. Alle auf diesem Stock teilen sich diese Küche und jeder hat hier einen Schrank. Hier sind meine Sachen. Brot in der Bäckerei zu kaufen ist sehr teuer, also backe ich mein eigenes Brot. Das kostet mich rund zwei Euro und es reicht für 15 Tage.”

Da er Syrer ist, hat er relativ schnell, nach nur drei Monaten Asyl bekommen. Er hat heute eine Krankenversicherung, eine Karte für die öffentlichen Verkehrsmittel und vor allem eine Aufenthaltsgenehmigung für zehn Jahre. Für Sohaid ist sie ungeheuer kostbar. Er sagt: “Das ist die wichtigste Karte auf der ganzen Welt: Die Aufenthaltsgenehmigung. Die Behörden helfen uns, sie geben uns diese Karten. Das sind offizielle Karten, ganz legal. Wir können arbeiten, wir können reisen, wie können wie ein Mensch leben.”

Seine Eltern sind in Ägypten geblieben. Momentan hat er nicht die Möglichkeit sie nach Frankreich zu holen. Er ruft sie regelmäßig an. Am Telefon sagt er seiner Mutter: “Ich hoffe, dass ich in zwei Wochen eine Reisepass bekommen werde. Und ich werde versuchen ein Visum bei der ägyptischen Botschaft zu beantragen. Wenn sie mir eins geben, dann kann ich euch besuchen kommen.” Uns vertraut er später an: “Meine Eltern tun mir leid und ich hoffe, dass ich sie hierher holen kann. Aber es ist schwierig, die Flüchtlinge haben nur das Recht, ihre Frau und ihre Kinder nachkommen zu lassen.”

Er ist in Sicherheit, aber er hat nichts zu tun. Das Schlimmste an seinem Exil ist die Langeweile: “Die ganze Zeit sitze ich hier rum. Und ich verfolge was in Syrien passiert und warte auf Nachrichten aus Syrien. Ein Freund hat mir ein Foto geschickt, das hier ist in der Nähe unserer Wohnung in Harasta. Alles ist zerstört, alles bei uns ist zerstört. Alles,” so Sohaib.

Vor kurzem hat Sohaib einen Bekannten, der aus der gleichen Stadt stammt wie er, wiedergetroffen. Hossam ist vor einem Monat legal mit einem Visum nach Lyon gekommen. Er hat einen Doktor in Informatik und zum Teil in Frankreich studiert. Er hat sich um Asyl beworben. Er spricht französich und das ist ein riesiger Vorteil.

Ein anderer syrischer Freund Raafat ist schon länger hier. Er hat in Frankreich studiert und vor einem Jahr die Staatsbürgerschaft erhalten. Raafat betont: “Die Syrer wollen nicht nur von Staatshilfen leben. Ich habe Arbeit und ich kenne viele Menschen, die arbeiten und, die Projekte haben. Das Wichtigste ist, die Behördengänge zu vereinfachen, denn damit verliert man viel Zeit. Das Zweite ist, dass man Ihnen ermöglichen sollte, schnell Französisch zu lernen, denn das ist sehr wichtig, um sich in die französische Gesellschaft zu integrieren.”

Sohaib hat nur einen drei Monate langen Französisch-Kurs gemacht, nicht genug, um die Sprache zu beherrschen und vor allem nicht genug, um eine Arbeit zu finden. Sohaib hofft immer noch eines Tages in seine Heimat zurückzukehren: “Ich hoffe, dass der Konflikt bald zu Ende ist und, dass wir zurück in unsere Heimat und dort leben können. Nicht hier. Denn hier müsste ich mir ein neues Leben aufbauen. Ich versuche das zu machen, aber es ist sehr schwierig ein neues Leben anzufangen.”