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König Abdullah II.: "Flüchtlinge bleiben im Schnitt 17 Jahre"

Mehrere hunderttausend syrische Flüchtlinge haben in Jordanien Zuflucht gefunden. Das Land ächzt unter dieser Last und klagt über mangelnde

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König Abdullah II.: "Flüchtlinge bleiben im Schnitt 17 Jahre"

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Mehrere hunderttausend syrische Flüchtlinge haben in Jordanien Zuflucht gefunden. Das Land ächzt unter dieser Last und klagt über mangelnde internationale Unterstützung. euronews “The Global Conversation” hatte die Gelegenheit in Amman mit König Abdullah II. zu sprechen.

Meinung

Die Europäer spüren jetzt ein klein wenig von der Last, die wir in den vergangenen Jahren zu tragen hatten, und wir sehen die Reaktion in Europa, nachdem ein kleiner Teil dieser Flüchtlinge dort ankommt

  • König Abdullah II. wurde am 30. Januar 1962 geboren
  • König Abdullah beruft sich auf seine direkte Abstammung vom Propheten Mohammed
  • Er bestieg den Thron im Februar 1999
  • Er ist verheiratet mit Königin Rania. Das Paar hat vier Kinder
  • König Abdullah wurde in Großbritannien und den USA ausgebildet
  • Der König ist Oberbefehlshaber der Jordanischen Spezialeinheiten

Isabelle Kumar, euronews: Majestät, Danke, dass Sie bei “The Global Conversation” zu Gast sind. Jordanien ist ein kleines Land, das traditionell Flüchtlingen Asyl gewährt. Viele Syrer fliehen über die Grenze nach Jordanien. Das belastet ihre Wirtschaft, ihre Ressourcen. Wie lange können Sie das noch durchhalten.

König Abdullah II.: Wir müssen schon seit mehreren Jahren damit zurechtkommen. Wir sind ziemlich an der Grenze der Belastbarkeit. Gut 1,4 Millionen Syrer, das sind etwa 20 Prozent unserer Bevölkerung. Viel mehr geht nicht.

Natürlich, mit den Russen jetzt in Syrien, gibt es die Befürchtung, dass noch mehr Syrer fliehen. Das hängt aber vom Ausgang der Kampfhandlungen ab.

Das ist ein Problem, mir dem wir täglich konfrontiert sind, besonders weil nur 10 Prozent der Flüchtlinge sich tatsächlich in den Lagern aufhält. Der Rest ist auf das ganze Land verteilt, auf die Städte und Dörfer.

euronews: Sie haben Anfang des Jahres um 3 Milliarden Dollar gebeten. Wieviel ist bislang angekommen?

König Abdullah II.: Nun, wir brauchen etwa 3 Milliarden Dollar jährlich. Unglücklicherweise haben wir im vergangenen Jahr nur etwa 28 Prozent davon erhalten, dieses Jahr sind es 35 Prozent. Den Rest begleicht die jordanische Regierung. Jedes Jahr geben wir ein Viertel des Staatshaushaltes für Flüchtlinge aus, nicht nur für ihre Versorgung sondern auch für Infrastruktur.

Wie gesagt, wenn 90 Prozent der Flüchtlinge außerhalb der Lager leben, dann hat das Auswirkungen auf unsere Schulen, unsere Infrastruktur, unser Gesundheitswesen. Syrer und Jordanier konkurrieren um Arbeitsplätze.

Wir erhalten zwar große Unterstützung, aber wenn wir – wie in diesem Jahr – nur 35 Prozent erhalten, dann ist das für ein kleines Land wie das unsere, das mit dem IWF zusammenarbeitet, eine große Herausforderung. Und die Völkergemeinschaft lässt uns im Stich.

euronews: Sie sagen also, dass sie sich im Stich gelassen fühlen. Aber gleichzeitig gehen sie von Nothilfe zu einem langfristigen Ansatz über, um Menschen zu helfen, die für viele Jahre in ihrem Land bleiben werden.

König Abdullah II.: Es gibt keine Alternative. Die meisten Untersuchungen zeigen, Flüchtlinge bleiben im Schnitt 17 Jahre. Wir müssen das langfristig angehen. Wie erreichen wir, dass viele dieser Flüchtlinge langfristig Teil unserer Gesellschaft werden? Wie kommt unsere Wirtschaft damit zurecht? Wir versuchen jetzt, auf unsere europäischen Freunde zuzugehen und sie zu bitten, bei einem langfristigen Ansatz zu helfen. Wie schaffen wir Jobs für Syrer und Jordanier?

Die Herausforderung liegt darin, dass die Arbeitslosigkeit in Jordanien zunimmt. Jordanien ist ein sehr stabiles Land in der Region. Unser Militär ist schlagkräftig, unsere Schwachstelle ist die Wirtschaft. Wir haben Europa ungeheuer entlastet, indem wir die Flüchtlinge aufgenommen haben.

Die Europäer spüren jetzt ein klein wenig von der Last, die wir in den vergangenen Jahren zu tragen hatten, und wir sehen die Reaktion in Europa, nachdem ein kleiner Teil dieser Flüchtlinge dort ankommt.

Nun, wir leben damit seit fünf oder sechs Jahren und – ehrlich gesagt – das wird in gewissen Maße als selbstverständlich angesehen.

euronews: Wenn man davon ausgeht, dass das als selbstverständlich angesehen wird, in Europa hat die Flüchtlingskrise zu chaotischen Zuständen geführt. Die EU-Staaten können oder wollen diesen Flüchtlingen nicht helfen. Wie kommen Sie also auf den Gedanken, die EU wird ihnen noch stärker beistehen?

König Abdullah II.: Viele Staaten wollen uns helfen, weil wir die Herausforderung angenommen haben. Andere wollen helfen, weil es für sie einfacher ist, in Jordanien zu investieren, denn wir nehmen Europa eine Bürde ab.

Wir stellen fest, dass einige Flüchtlinge Jordanien verlassen und zurückkehren oder nach Europa gehen, weil sie erkennen, dass Jordanien das nur für einige Zeit ertragen kann.

Wir versuchen gemeinsam mit unseren europäischen Freunden zu investieren und Arbeitsplätze in Jordanien zu schaffen. Wir gelten als Land mit mittlerem Einkommen. Deshalb haben wir Probleme, Geld von der internationalen Gemeinschaft geliehen zu bekommen. Wir sind verschuldet. Wir müssen sehr hohe Zinsen zahlen, weil wir für etwas verantwortlich gemacht werden, das tatsächlich nicht in unserer Macht steht.

Wir arbeiten mit einigen europäischen Staaten zusammen, aber wir müssen mal sehen, wie die Geberkonferenz im kommenden Februar in Großbritannien verläuft.

euronews: Sie sagten, die Syrer gehen nach Europa, weil sich die Lage hier verschlechtert. Wir hören auch, dass Syrer nach Syrien zurückkehren, weil sie die Hoffnung verlieren. Sorgen Sie sich manchmal, dass sie trotz allem, was sie unternehmen, auf der falschen Seite der Geschichte enden könnten?

König Abdullah II.: Für mich ist ein Glas immer halb voll. Wenn ich über die Herausforderungen spreche, denen wir uns nun gegenübersehen, dann glaube ich, dass die Ankunft der Flüchtlinge in Europa ein Alarmsignal für uns alle ist, damit wir besser zusammenarbeiten.

Wenn wir etwas zurückblicken. Bislang haben wir über den globalen Krieg gegen den Terror gesprochen. Europa leidet unter fremden Kämpfern. Das haben wir in den vergangenen zwei Jahren angesprochen.

Meines Erachtens ist das ein globaler Krieg, ein Dritter Weltkrieg. Wenn wir in Syrien die Kurve kriegen, dann können wir einen Block bilden, der das Problem gesamtheitlich angeht. Wir müssen uns zusammenreißen und uns gegenseitig helfen. Das ist ein Alarmsignal. Wir müssen unser Vorgehen synchronisieren. Was den russischen Beitrag angeht, das ist eine Chance.

euronews: Bislang hatte die USA in der Region enormes Gewicht. Sie haben Russland erwähnt. Sehen sie Russland jetzt als einen größeren Akteur in der Region?

König Abdullah II.: In den vergangenen fünf, sechs Jahren habe ich immer wieder gesagt, dass der Schlüssel für eine politische Lösung in Syrien in Moskau liegt. Sie sind diejenigen, die dem Regime garantieren können, dass es auch in der Zukunft mitspielen kann. Dass die Russen in Syrien vor Ort sind, ist eine Tatsache, mit der wir fertig werden müssen.

Wie gesagt, wenn die Europäer sich wegen ausländischer Kämpfer sorgen, dann ist das für Russland doppelt so schlimm. Auch sie müssen mit der Bedrohung durch die IS-Miliz fertig werden.

Ich sehe darin eine Möglichkeit für uns alle, in Syrien zusammenzufinden und dann dieser globalen Bedrohung einen gemeinsamen Schlag zu versetzen.

Das Misstrauen zwischen dem Osten und Westen ist groß. Unglücklicherweise leben noch immer viele mental in der Zeit des Kalten Krieges. Wir müssen darüber hinwegkommen und uns der Herausforderung dieses globalen Dritten Weltkriegs stellen.

Als vertrauensbildende Maßnahme könnten wir unsere Meinungsverschiedenheiten beiseite legen und diese neue kollektive Beziehung zustandebringen.

euronews: Was ist für Sie wichtiger, Präsident Assad zu besiegen oder die IS-Kämpfer?

König Abdullah II.: Nach den Gesprächen in Wien hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass wir die IS-Kämpfer besiegen müssen, gleichzeitig aber einen politischen Prozess beginnen müssen, der in Syrien ein neues Kapitel aufschlägt.

Wie aus diesen Worten Taten werden, darüber rangeln die verschiedenen Staaten im Moment. Aber ich glaube es ist Allgemeingut, dass der IS ein Problem ist, mit dem wir fertig werden müssen. Verschiedene Staaten haben verschiedene Perspektiven, aber am Ende des Tages müssen wir die IS-Kämpfer und ihre Ableger in aller Welt bezwingen und wir dürfen das große Ganze nicht aus dem Auge verlieren.

euronews: Diese Gruppierung hat weltweit zu Anschlägen inspiriert. Wie sehen sie das? Als erfahrener Akteur auf dem internationalen Parkett, wie bezwingt man so eine Gruppe?

König Abdullah II.: Sie haben Ableger, weltweit. Es gibt keinen Unterschied zwischen all diesen Ablegern. Die sind alle gleich. Die haben die gleiche Ideologie. Das müssen wir verstehen und auf die gleiche Art und Weise vorgehen.

Deswegen sage ich ja, wenn wir in Syrien zusammenkommen, der andere Elefant im Raum – unglücklicherweise kapieren das die Europäer und zuweilen auch die Amerikaner nicht – der andere Elefant ist – Libyen.

Sie müssen verstehen, es geht nicht allein um Syrien, wir müssen auch schleunigst mit Libyen klar kommen und was passiert mit Boko Haram oder Al-Schabab? Und dann Asien.

Jetzt besteht meines Erachtens mit dem Eingreifen Russlands in Syrien eine Möglichkeit, frühere historische Probleme hinter uns zu lassen, und diese globale Beziehung zu schaffen, die es uns ermöglicht, mit denen, die ich die Alliierten dieses neuen Dritten Weltkriegs nenne, fertig zu werden.

euronews: Bashar al-Assad ist ein essentieller Bestandteil davon. Sie sprechen von einer politischen Lösung, einer Übergangsperiode, das ist offenbar das Hindernis. Aber wer kann verhindern, dass die IS-Dschihadisten Assads Platz einnehmen?

König Abdullah II: Wir müssen sehr vorsichtig sein, weil die verschiedenen Staaten, die in dieses Puzzle involviert sind, verschiedene Auffassungen haben. Von oben herab starke Auffassungen zu vertreten ist glaube ich wenig hilfreich. Wir verstehen, dass es einen politischen Prozess in Syrien geben muss. Ich glaube, es geht jetzt darum, diesen Prozess voranzubringen. Die Russen verstehen das, das Regime versteht das und jene, auf der Seite der Koalition verstehen das – unterschiedlich zwar – auch.

Lassen wir uns also auf eine Art und Weise feilschen, dass eine gemäßigte Opposition zu einem bestimmten Zeitpunkt an den Verhandlungstisch kommen kann, und die Dinge voranbringt. Es gibt keine rasche Lösung, denn das Ziel ist es, einen politischen Prozess in Gang zu bringen, aber wir müssen den IS weiter bekämpfen.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Syrien und dem Irak, denn der IS ist grenzüberschreitend. Er kontrolliert große Teile Ostsyriens und des Westirak.

euronews: Was ist mit Jordanien? Sie sind von Instabilität umgeben, dem Terror des IS, aber auch ihre jungen Männer und auch einige Frauen haben sich diesen fremden Kämpfern angeschlossen. Wie lange können sie sich gegen diesen Extremismus wehren? Sie sagten Jordanien ist eines der stabilsten Länder de Region.

König Abdullah II.: Nun, innerhalb des Islam sind wir uns einig, dass es „khawarej“ gibt, Gesetzlose. Als Muslime verstehen wir sie als Bedrohung des Kerns unserer Religion. Das ist die Herausforderung, vor der wir standen, als viele im Westen uns oft fragten, sind sie ein gemäßigter oder extremistischer Muslim. Nun. Ich bin Muslim. Diese Leute sind „khawarej“. Dies war eine Entwicklung, für die wir einige Zeit gebraucht haben.

Ich glaube, die westliche Interpretation beruht darauf, welche Schrecken diese Leute im Westen verbreiteten können. Was sie ihren muslimischen Glaubensbrüdern antun, das schockiert uns alle. Deshalb, wenn sie auf die Geschichte des Islam blicken, „khawarej“ haben nie lange bestanden. In dem Augenblick, in dem die Menschen verstehen, was sie sind, ist es vorbei mit ihnen.

Unser Problem ist, die globalen Unterschiede zu beseitigen. Der Rest der Welt muss mit uns zusammenarbeiten. Deshalb sage ich, Muslime, Christen, Juden, Angehörige anderer Religionen, wir alle müssen uns zusammen an diesem Kampf beteiligen. Es ist ein Krieg innerhalb des Islam. Es ist unser Bürgerkrieg, aber wir können ihn nicht allein beenden.

euronews: Wenn wir den Blick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt lenken, an ihrer Westgrenze. Frieden scheint da momentan ziemlich unmöglich. Glauben Sie, dass dort das Führungspersonal wechseln muss, um den Friedensprozess wieder zu starten und welche Rolle kann Jordanien dabei spielen?

König Abdullah II.: Nun, es steht mir nicht zu, mich zum Führungspersonal anderer zu äußern. Dies sind Vertreter ihrer Völker. Aber ich will sagen, wir brauchen eine Fähigkeit, die israelisch-palästinensische Frage zu lösen, besonders angesichts dessen, worüber ich hier spreche.

Wenn ein Extremist ein Problem in der heiligen Stadt Jerusalem schafft, während wir den globalen Extremismus bekämpfen, dann macht das keinen Sinn. Wir versuchen, ein Problem zu lösen, und erlauben es gewissen Extremisten, einen religiösen Konflikt in Jerusalem anzuheizen. Das scheint mir unsinnig.

Jedesmal, wenn die Verhandlungen ausgesetzt werden, schwillt die Gewalt an. Die Israelis hassen es, wenn wir sagen, dass die Palästinafrage Teil des Problems ist, dass Extremisten das Leid der Palästinenser und Jerusalems als Schlachtruf nutzen. Das ist Teil des Problems. Wir brauchen eine Lösung für die Zukunft der Palästinenser und Jerusalems. Wie können wir dieses globale Problem beilegen, wenn Israel sich weigert, einzusehen, dass es etwas damit zu tuen hat?

euronews: Wir sehen so viele Krisen an so vielen Fronten: die Flüchtlingskrise, IS, die Wirtschaftskrise, Stellvertreterkriege. Finden Sie nicht, dass die Dinge außer Kontrolle geraten?

König Abdullah II: Nun, mir hat mal jemand gesagt, es ist nur ein Mittwoch, das heißt, in unserem Teil der Welt ist das ein gewöhnlicher Arbeitstag.

Das sind harte Zeiten, kein Zweifel, aber seit geraumer Zeit sehe ich, dass man sich mehr um das große Ganze kümmert, die Dinge strategisch, nicht taktisch angeht, denn, ehrlich gesagt, wir haben uns die vergangene Jahre nur um Taktik gekümmert.

Es gibt einiges, was ich in diesem Interview wirklich nicht ansprechen kann, aber es gibt Treffen auf dieser Welt, auf denen man einen strategischer Ansatz versucht.

Zum Beispiel, das russische Eingreifen in Syrien ist eine Chance, die Dinge in die richtige Richtung zu bewegen, wenn wir reif dafür sind, wenn wir alle aufeinander zugehen und versuchen, eine Lösung für die Syrische Frage zu finden und diesen fürchterlichen Konflikt beenden, zum Wohle der Syrer. Wenn wir versuchen, die Meinungsverschiedenheiten zwischen Russland und dem Westen zu überbrücken, werden wir in der Lage sein, überall Bündnisse zu schmieden.

All das sind Chancen. Es liegt an uns. Ergreifen wir diese Chancen oder stecken wir unseren Kopf in den Sand und lassen diese Chancen verstreichen? Das liegt allein an uns.

euronews: Majestät, Danke, dass Sie bei “The Global Conversation” zu Gast waren.

König Abdullah II.: Ich danke Ihnen.

Das Gespräch führte Isabelle Kumar, die englische Originalfassung übertrug Christoph Debets ins Deutsche.