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Tunesien wartet immer noch auf den Frühling der Bildung

Zwei Jahre nach unserem Besuch in Tunesien kehren wir zurück, um zu sehen, wie sich die Dinge entwickelt haben. Welche Probleme gibt es noch und welche Reformen sind geplant?

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Tunesien wartet immer noch auf den Frühling der Bildung

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Zwei Jahre nach unserem Besuch in Tunesien kehren wir zurück, um zu sehen, wie sich die Dinge entwickelt haben. Welche Probleme gibt es noch und welche Reformen sind geplant?

Meinung

Das tunesische Bildungssystem ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Alles ist veraltet: Die Infrastruktur, der Lehrplan und die Bücher.

Besserer Unterricht: Qualität statt Quantität

Ghaith und zwei seiner Brüder gehen wieder in die Schule. Eine Zeitlang war das nicht möglich, da ihre Eltern es sich nicht leisten konnten. Dank einer Kampagne der UNICEF und der tunesischen Regierung können die drei Jungen wieder etwas lernen. Die bedürftigen Schüler bekommen Kleidung, einen Ranzen und Schulmaterial.

2012 haben mehr als 100.000 Schüler die Schule abgebrochen. Die Armut, ein langer Schulweg und soziale Probleme erklären nur zum Teil diese hohe Abbrecherquote. Ein anderer Grund ist der oft schlechte Unterricht. Die UNICEF-Mitarbeiterin Lilia Pieters erklärt: “Es gibt dafür mehrere Gründe. Die hohe Abbrecherquote hängt mit der schlechten Qualität des Unterrichts zusammen. Es kommt auf die Lehrer an. Wir müssen uns fragen, warum viele Lehrer nicht zur Arbeit kommen und nicht unterrichten. Manchmal kommen sie nicht, weil sie nicht ausreichend ausgebildet wurden, manchmal fehlt es ihnen an Unterrichtsmaterial. Vielleicht sind sie nicht für ist den Unterricht oder das Fach geeignet, vielleicht liegt es an der Umgebung oder der Schule.”

Aufgrund des schlechten Schulunterrichts engagieren die Eltern, die es sich leisten können, Privatlehrer für ihre Kinder. Einer offiziellen Studie zufolge geben die Tunesier jedes Jahr fast eine halbe Milliarde Euro für Privatunterricht aus. Die Regierung will, dass Nachhilfeunterricht in Zukunft von den Schulen angeboten wird, damit alle davon profitieren können.

Der Bildungsminister Neji Jalloul will einen radikalen Wandel: “Das tunesische Bildungssystem ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Alles ist veraltet: Die Infrastruktur, der Lehrplan, die Bücher, die Qualität des Papiers und die Bilder. Die Schule muss sich weiterentwickeln und die tunesischen Kinder beim Heranwachsen begleiten und fördern.”

Bessere Bildung, weniger Arbeitslosigkeit

Hayet Omri ist in Rekab im Distrikt Sidi Bouzid geboren. Als Studentin führte sie manche ihrer Chemieexperimente zu Hause durch, denn der Universität fehlte es an Mitteln und die Labors waren nicht gut ausgerüstet. Heute hat sich daran leider nur wenig geändert.
Sie erzählt: “Beim jüngsten Haushalt, der vom Parlament 2015 beschlossen wurde, gingen nur fünf Prozent des Gesamtbudgets an die Universitäten. Die wissenschaftliche Forschung bekam davon rund 0,3 Prozent. Das ist natürlich nicht genug und ich bin nicht damit zufrieden.”

Die tunesischen Universitäten schneiden im internationalen Vergleich nicht gut ab. Die Leistungen der Studenten sind mittelmäßig und die Jugendarbeitslosigkeit beträgt bis zu 25 Prozent. “Nicht alle, die an der Universität lehren, sind dafür qualifiziert. Manche haben gewisse Fähigkeiten, aber einige Lehrer werden nur aufgrund ihrer politischen Überzeugungen eingestellt. Zudem werden die Lehrer im Laufe des Jahres nicht kontrolliert, es gibt keine Bewertung. In Tunesien haben wir bis jetzt immer Bildungssysteme importiert. Das hat meistens nicht geklappt, da es nicht die richtigen Bedingungen gab, um diese Systeme auch wirklich umzusetzen. Das, was an der Universität gelehrt wird, stimmt nicht mit dem überein, was in der Wirtschaft gebraucht wird. Heute ist die Arbeitslosigkeit das größte Problem Tunesiens. Es könnte zu vielen weiteren Problemen wie Kriminalität, illegale Migration und Terrorismus führen," so Hayet Omri.

Mehrere Reformen sind geplant. Die Universitäten sollen unabhängiger werden und ihr Budget eigenständig verwalten. Die Forschung soll gefördert werden. Mithilfe von internationalen Partnerschaften sollen die Studenten motiviert und die Qualität des Unterrichts verbessert werden. Hayet Omri zufolge wird es jedoch nicht von heute auf morgen geschehen: “Diese nationale Reform lässt sich nicht in ein oder zwei Jahren umsetzen. Es dauert Jahre um das gesamte Bildungssystem radikal zu ändern und umzustrukturieren. Wir können die Bildung nicht reformieren, wenn es keinen klaren Entwicklungsplan gibt. Wir müssen die Gesamtsituation betrachten. Die Universitäten und die Forschung müssen der Wirtschaft des Landes dienen. Die Universitäten müssen die Studenten auf den Arbeitsmarkt vorbereiten.”