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Frankreich: Mutter eines autistischen Kindes kämpft gegen die Behörden


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Frankreich: Mutter eines autistischen Kindes kämpft gegen die Behörden

Frankreich steht weiter in der Kritik betroffener Eltern, was die Behandlung autistischer Kinder betrifft. Nur eines von fünf unter Autismus leidenden Kinder bekommt die Behandlung, die es braucht, berichten Patientenvereine.

“Autisme France” glaubt, dass es eine “obskurantistische Vision” der Krankheit gibt, weil Autismus lange Jahre und zum Teil noch heute als eine Art Psychose angesehen wird und zum Teil mit Psychoanalyse behandelt – anders als in den anderen Ländern Europas.

Die WHO definiert Autismus als komplexe Entwicklungsstörung des Gehirns. Autismus Deutschland gibt eine ähnliche Definition.

Die Vorsitzende von “Autisme France” Danièle Langloys spricht von katastrophalen Konsequenzen für die Kinder in Frankreich, die nicht rechtzeitig diagnostiziert und oft vom Schulsystem ausgeschlossen werden. Oft werden autistische Kinder in Frankreich noch permanent in psychiatrischen Kliniken untergebracht und mit zu vielen Medikamenten behandelt.
In einem Interview mit euronews sagt Danièle Langloys, “niemand wagt, die Diktatur der Psychoanalyse wirklich in Frage zu stellen.”

Deshalb liegt Frankreich europaweit zurück, was die Behandlung von Autismus betrifft. Viele Familien wenden sich an nicht staatliche Einrichtungen, um kompetente Beratung und Behandlung zu erhalten und um die Einweisung in psychiatrische Krankenhäuser zu umgehen. Nur etwa 20 Prozent der entstehenden Kosten werden erstattet.

Einige Psychoanalytiker sagen aber in einem BBC-Interview, sie würden nur als Sündenböcke benutzt.

Der Europarat hat Frankreich schon mehrfach wegen Diskriminierung von Autismus-Patienten verurteilt .

Immerhin – so erklärt die Vorsitzende von “Autisme France” – werden die Patienten nicht mehr nach Belgien verfrachtet. Doch noch immer sind nur etwa 20 Prozent der Kinder im Schulsystem integriert.


Der Kampf einer Mutter für ihren Sohn

euronews-Journalistin Isabelle Kumar erzählt uns ihren Kampf mit den französischen Behörden für ihren 15-jährigen Sohn Elias, der an Autismus leidet. Da Elias auch eine seltene Form von Epilepsie hat, wurden seine Entwicklungsstörungen allein mit der Epilepsie begründet. Erst als Elias 12 Jahre alt war, wurde sein Autismus diagnostiziert.

“Ich war zugleich wütend und erleichtert, denn es gab vielleicht endlich den Schlüssel, um ihm zu helfen, Fortschritte zu machen. Aber wir haben uns getäuscht, denn eine frühzeitige Behandlung ist notwendig, damit autistische Kinder wirklich lernen. Wir haben viel verpasst.

Elias musste die Schule wechseln, weil wir endlich informiert waren, um ihm die Bildung zu bieten, die er verdient. Aber wir haben nur festgestellt, dass es nichts Passendes gibt.

In anderen Ländern gibt es empirische Studien, die zweigen was autistische Kinder oder Erwachsene zur Förderung brauchen. Aber Frankreich hat davor die Augen verschlossen und geht weiter davon aus, dass es sich um ein psychiatrisches Problem handelt. Langsam beginnt Frankreich seine Fehler zuzugeben, aber die Gründe des Übels liegen tief, und es gibt bisher keine grundlegenden Verbesserungen. In unserer Region gibt es nur zwei oder drei Einrichtungen für Menschen mit autistischen Störungen mit Wartelisten, auf denen die Patienten jahrelang stehen.

Es gibt viel Misstrauen gegenüber den Eltern. So durften wir beispielsweise die Einrichtungen, die mein Sohn hätte besuchen können, noch nicht einmal anschauen. Und die, die ich gesehen haben, waren schrecklich. Kinder, die an verschiedenen geistigen Störungen leiden werden zusammengewürfelt und irren in den Anstalten ziellos umher. In einer Schule, die ich besucht habe, roch es nach Exkrementen, andere waren völlig heruntergekommen.
Als ich die Direktoren nach ihren Bildungsprogrammen fragte, sagten sie, ich sei aggressiv, naiv und schlecht informiert.”

Isabelle Kumar macht jetzt beim Verein “Autisme Ambition Avenir” mit, der im September 2015 gegründet wurde. Jedes Kind bekommt ein auf seine Probleme zugeschnittenes Programm.

“Nach all den Jahren macht unser Sohn endlich Fortschritte. Ich glaube, dass er eines Tages sprechen lernt und eine gewisse Form von Autonomie erreichen und sogar glücklich sein könnte. Wir würden mit unserem Projekt gerne anderen Kindern und Eltern helfen, aber wir wissen nicht, wie lange wir weitermachen können. Wir arbeiten gegen ein System die Änderungen und Innovationen mit Misstrauen betrachtet und statt uns zu unterstützen, jede andere pragmatische und positive Vorgehensweise ablehnt. Es ist ein System, das seine Fehler nicht eingesteht, obwohl es sich jahrelang geirrt und so zehntausende Leben zerstört hat, die sich hätten entwickeln können.”


Jede Geschichte kann aus vielen Perspektiven erzählt werden. euronews Journalisten berichten in ihren Sprachen, mit ihrer Sicht der Dinge.

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