Eilmeldung

Sie lesen gerade:

Das Rennen um das Amt des US-Vizepräsidenten

welt

Das Rennen um das Amt des US-Vizepräsidenten

Werbung

Während die Vorwahlen in den USA fast vorbei und die Nominierungsparteitage von Republikanern und Demokraten nur noch zwei Monate entfernt sind, wachsen die Spekulationen, wen Hillary Clinton und Donald Trump als mögliche Vizepräsidenten auswählen.

Beide Lager haben bereits mit der Suche nach potenziellen Anwärtern begonnen, doch ist bisher nichts durchgesickert.
Das hält US-Kommentatoren nicht davon ab, täglich neue mögliche Kombinationen durchzuspielen.

Die hier vorgestellte Liste enthält die am häufigsten genannten Namen, ist aber alles andere als vollständig.

Demokraten


BERNIE SANDERS

Der sozialistische Senator aus Vermont wäre mit Hillary Clinton am Steuer ein perfekter Co-Pilot, falls Sanders und Clinton ihr Kriegsbeil begraben und ihre Rivalitäten und Sticheleien hinter sich ließen, die während der Vorwahlen hervorgetreten sind.

Eine solches Einlenken erscheint Beobachtern als höchst unwahrscheinlich, obwohl es politisch Sinn haben würde.

Das Letzte, was Clinton derzeit braucht, wäre ein tiefer Bruch mit den glühenden Sanders-Anhängern, die vor allem aus Jungählern wie College-Studenten bestehen, und die seiner Kampagne erst den richtigen Antrieb gaben.

Sollten sie Clinton ihre Unterstützung verweigern, läuft die frühere First Lady Gefahr, die Präsidentschaftswahlen im November an Trump zu verlieren. Deshalb muss sie die Basis mobilisieren, einen Teil von Sanders politischem Programm übernehmen, die ihrem ohnehin ähnelt, und die Reihen zum linken Flügel der Partei und dessen 74-jährigem Anführer schließen.

Ob Sanders sich mit dem zweiten Platz zufrieden geben und seine unerwarteten Starqualitäten für Clinton einsetzen würde, steht in den Sternen. Ausgeschlossen hat er es nicht. Es wäre seine einzige Möglichkeit, das Clinton-Programm zu beeinflussen. Die Alternative wäre, in den Senat zurückzukehren, in dem erfolglose Präsidentschaftskandidaten schnell in Vergessenheit geraten sind. Wie zuvor bereits John McCain.

ELIZABETH WARREN

Falls Sanders nicht zur Verfügung steht, ist die liberale Senatorin aus Massachusetts eine naheliegende Alternative. Warren war der Liebling des linken Flügels, bevor Sanders auf die politische Bühne trat. Vielen Demokraten ist sie sogar lieber als der Senator aus Vermont, der bis vor kurzem nicht mal Mitglied der Partei war.

Warren, eine frühere Harvard-Professorin, die sich in der Finanzkrise einen Ruf machte, indem sie Mittelklasse-Familien finanzielle Unterstützung erkämpfte, würde die Parteibasis begeistern. Doch besteht immer eine gewisse Gefahr, sich von einer Mitkandidaten die Schau stehlen zu lassen, die viele lieber im Präsidentenamt sähen.

Geographisch betrachtet könnte Warren wahrscheinlich keine zusätzliche Stärke entfalten, da Massachusetts und Neuengland ohnehin traditionell demokratisch wählen. Letzten Endes steht die Frauenfrage im Raum: Die Zeit in den USA ist sicher reif für EINE Frau an der Spitze, aber ist sie es auch für ZWEI Frauen?

SHERROD BROWN

Der Politiker aus Ohio, einer der liberalsten im Senat, würde viele Sanders-Wähler ins Boot holen, denen Clinton zu moderat ist. Seine Nominierung könnte ein starkes Signal sein, dass es Clinton ernst meint mit der Unterstützung für Arbeiter- und Mittelstandsfamilien. Darüber hinaus könnte Brown Clinton helfen, den strategisch äußert wichtigen Staat Ohio zu gewinnen, der bei Präsidentwahlen oft das Zünglein an der Waage ist.

Brown hat enge Verbindungen zur Gewerkschaftskreisen und ist sehr beliebt in seinem Heimatstaat. In der Vergangenheit zeigte der 63-Jährige, dass er wirksam arbeitet und austeilen kann. Er weiß, wie er Gegner angreifen muss, ohne Wähler zu verschrecken – vielleicht ein wertvoller Trumpf für Clinton im Kampf gegen Trump, der schon ankündigte, dass das Rennen um das Präsidentenamt hart und gnadenlos wird. Allerdings wäre Browns Nominierung nicht gerade ein Zeichen für größere Aufgeschlossenheit gegenüber Frauen und Minderheiten. Beide Gruppen werden jedoch durch Hillary Clinton selbst abgedeckt, sie hat eine große Anhängerschaft unter Afroamerikanern und Latinos. Stattdessen braucht sie eine Nummer zwei, die unter Arbeitern populär ist, die sonst mehrheitlich Trump wählen würden. Brown könnte bei ihnen punkten.

TIM KAINE

Ein anderer strategisch wichtiger Staat, den Clinton dringend braucht, ist Virginia. Wer ihr dort zum Sieg verhelfen könnte, ist Senator Tim Kaine. Er ist sehr erfahren, er war früher Gouvernör von Virginia und Vorsitzender der Demokratischen Partei. Er kennt die Fallstricke von Wahlkämpfen und politischen Deals. Außerdem genießt der 58-Jährige einen guten Ruf im Senat, wo er sich auf nationale Sicherheit und Außenpolitik spezialisiert hat. Kaine spricht fließend Spanisch, das er in Honduras lernte, wo er ein Jahr lang bei Jesuiten arbeitete. Mit anderen Worten – er hat alles, was ein Präsident braucht, und könnte das Amt von heute auf morgen übernehmen.
“Keine Eigenschaft ist wichtiger,” sagte Clinton kürzlich in einem Interview.

Die Kehrseite: Kaine ist ein allzu sicherer Kandidat, er ist niemand, der inspiriert oder der das Lager der Sanders-Aktivisten mobilisieren könnte, die zudem enttäuscht sein würden, weil “ihr Mann” nicht weiter kam. Hinzu kommt, dass Kaines Ansichten zu Handel und Abtreibung vielen Demokraten zu konservativ sind.

JULIAN CASTRO

Falls Clinton einen spannenderen Partner sucht, würde ihre Wahl sicher auf Obamas Minister für Wohnungsbau- und Stadtentwicklung fallen. Castro ist jung, gut aussehend und – noch besser – Latino. Womöglich gelingt es ihm nicht, für Clinton Texas an Land zu holen – traditionell eine Hochburg der Konservativen. Aber der 41-Jährige könnte Florida, Nevada, Arizona und Colorado sichern, wo Latinos einen Bevölkerungsanteil zwischen 14 und 18 Prozent ausmachen.

Castros Alter könnte junge Wählern mobilisieren, die bei den Vorwahlen größtenteils für Sanders stimmten. Castro sicherte sich erstmals große Aufmerksamkeit, als er 2012 eine vielbeachtete Rede auf dem Parteitag der Demokraten hielt, die ihm zum aufsteigenden Star in seiner Partei machte. Sein Posten im Kabinett verschaffte ihm zwar keine großen Schlagzeilen, aber Clinton beobachtete trotzdem. So sagte sie angeblich, “er ist so gut,” dass er jedes Amt ausfüllen könnte. Der frühere Bürgermeister von San Antonio wies indes jedes Interesse am Amt des Vizepräsidenten zurück, doch das kann als Standard-Bemerkung eines jeden möglichen Kandidaten gewertet werden.

Republikaner


NEWT GINGRICH

Der frühere Präsident des Repräsentantenhauses und Langzeit-Erzfeind von Bill Clinton ist einer der Favoriten der Washingtoner Orakel. Gingrich, der 20 Jahre im Kongress verbrachte und die so genannte „Republikanische Revolution“ von 1994 anführte, würde dem in Parteikreisen bisweilen skeptisch betrachteten Trump zu konservativer Glaubwürdigkeit verhelfen.

Gingrich könnte helfen, das Trump-kritische Establishment der Partei zu besänftigen. Er könnte die Unterstützung im Süden sichern, wo derzeit eine steigende Zahl an Afro-Amerikanern und Latinos droht, manche zuvor traditionell republikanische Staaten ins Lager der Demokraten zu ziehen, darunter North Carolina und Georgia.

Gingrich, der 2012 die Nominierung gegen Mitt Romney verlor, will unbedingt eine politische Rolle spielen und war einer der ersten Trump-Unterstützer. Der Kandidat soll den 72-Jährigen Gingrich trotz seines bombastischen Egos schätzen. Bleibt die Frage, ob für beide Egos Platz wäre.

CHRIS CHRISTIE

Der Gouverneur von New Jersey und Trumps Ex-Rivalen um die republikanische Nominierung hat sich in einen überzeugten Trump-Anhänger verwandelt. Trump machte ihn sogar zum Chef seines Übergangsteams. Christie sei fantastisch, sagte Trump über den Mann, der einmal spottete, man brauche „kein Reality-TV im Oval Office“.

Trump sagte auch, Christie würde einen großartigen Justizminister hergeben. Der Name Christie wird aber auch hoch gehandelt, sobald von einem möglichen Vizepräsidenten die Rede ist. Trump und Christie scheinen gut zueinander zu passen. Und Trump sagte bereits, er brauche einen Politiker an seiner Seite, der ihm beim Regieren hilft.

Wahltaktisch gesehen, würde Christie ihm nicht unbedingt helfen, sondern könnte ihn sogar belasten. Der Gouverneur ist wegen politischer Skandale und der schwächelnden Wirtschaft in seinem Staat sehr unbeliebt. Außerdem wählt New Jersey üblicherweise demokratisch. Aber wahrscheinlich ist das Trump egal.

JEFF SESSIONS

Der 69-jährige Senator war einer der ersten republikanischen Mitglieder im Kongress, der Trump unterstützte. Er gilt als einer der konservativsten Republikaner im Senat. Sessions bringt nicht nur den politischen Background für das Amt eines Vizepräsidenten mit, er scheint “Donald” auch wirklich zu mögen.

Als Trump zu einem möglichen Vizekandidaten namens Sessions befragt wurde, meinte Trump CNBC zufolge, der würde überall eine gute Figur machen. Ein Hinweis, dass Trump hohe Stücke auf ihn hält. Doch Sessions meinte erst im April, man solle im Hinblick auf das Amt des Vizepräsidenten kein Geld auf ihn wetten.

Er wäre indes eine gute Wahl. Der Liebling der Tea Party gilt den Konservativen als vertrauenswürdige Stimme in der Einwanderungspolitik. Aber Sessions selbst erklärte in einem Interview, Trump brauche einen Partner, der ihm zum Wahlsieg verhelfen würde – diese Person sei er sicherlich nicht.

BOB CORKER

Der Senator aus Tennessee würde dringend notwendiges straatstragendes Gewicht und Erfahrung mitbringen. Corker ist Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses im Senat und wäre für Trump von unschätzbarem Wert, denn dessen eigene Positionen zur Außenpolitik gelten den meisten Beobachtern als halb-gar. Corker ist einer der wenigen im republikanischen Establishment, die “Donald” Unterstützung signalisierten.

Der 63-Jährige ist ein politischer Insider und yudem Immobilien-Millionär, der wohl gut zu Trump passen würde. Der Kandidat empfing Corker am 23. Mai im Trump Tower, was Gerüchte verstärkte, Corker stehe ganz oben auf Trumps Liste. Doch Corker erteilte den Spekulationen umgehend eine Absage: Es gebe keinen Grund zu glauben, er werde für eine solche Position in Betracht gezogen.

JONI ERNST

Die Ernennung der Senatorin aus Iowa und ersten weiblichen Armee-Veteranin im Senat liegt vielleicht nicht auf der Hand. Allerdings genießt sie bei den vielen Parteioberen große Unterstützung, unter ihnen John McCain, der sie eine “ausgezeichnete Wahl” nannte. Allerdings bewies McCain selbst, der 2008 Sarah Palin auswählte, nicht gerade ein glückliches Händchen.

Ernst könnte aus zwei Gründen trotzdem eine intelligente Entscheidung sein: Zum einen wäre die Nominerung einer starken konservativen Frau ein Zeichen and die größte Wählerschaft im Land, und Trump hat bei republikanischen Politikerinnen nicht gerade eine Riesenauswahl.

Außerdem ist Ernst sehr beliebt in Iowa, einem Schlüsselstaat im Mittleren Westen, den sie mithelfen könnte, für Trump zu gewinnen. 2008 und 2012 war Barack Obama für die Demokraten in Iowa erfolgreich. Ernst selbst sagte dem Magazin Politico, sie konzentriere sich derzeit auf ihren Heimatsstaat, schloss eine Kandidatur als Vize jedoch nicht aus.

Jede Geschichte kann aus vielen Perspektiven erzählt werden.euronews Journalisten berichten in ihren Sprachen, mit ihrer Sicht der Dinge.

Nächster Artikel