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Immer mehr unbegleitete junge Migranten: Angst vor Menschenhandel steigt

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Immer mehr unbegleitete junge Migranten: Angst vor Menschenhandel steigt

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In Europa kommen immer mehr unbegleitete minderjährige Flüchtlinge an. Laut UN-Flüchtlingshilfwerk wurden weltweit im vergangenen Jahr fast 100.000 Asylanträge für Jugendliche gestellt. Das ist das Dreifache im Vergleich zum Vorjahr und die höchste Zahl seit 2006.

Mit den steigenden Zahlen, gibt es immer mehr Befürchtungen, dass die Kinder und Jugendlichen Opfer von Menschenhändlern werden könnten.

Schätzungen zufolge sind in Europa 2015 rund 10.000 Kinder verschwunden. Es wird befürchtet, dass sie als Sklaven gehalten oder zur Prostitution gezwungen werden.

Die Organsation Missing Children Europe (MCE) warnt: Europa muss mehr tun, um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu schützen. Sie lebten “im Schatten der Gesellschaft”, so die Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation, Delphine Moralis im euronews-Interview.

Warum sind es so viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge?

Rekordzahlen: Laut Global Trends Report der UNHCR mussten im letzten Jahr 65.3 Millionen Menschen weltweit ihre Heimat verlassen – 2014 waren es 59.5.

Gründe sind globale Krisen und Krieg, allen voran der syrische Bürgerkrieg. Und obwohl die Asylanträge überall zugenommen haben, ist die Zahl der minderjährigen Bewerber überproportional gestiegen.

Nach Angaben von MCE waren 42 Prozent der in Europa angekommenen minderjährigen Flüchtlinge unter 15 Jahren.

Mehr als 90 Prozent der 7567 Kinder, die Italien zwischen Januar und Mai per Boot erreicht haben, waren nicht in Begleitung eines Erwachsenen.

Wie Delphine Moralis, Vorsitzende von MCE, in einem Interview mit Euronews erklärte, verliert ein Teil der Flüchtlinge ihre Familie auf dem Fluchtweg aus den Augen, andere verlassen Kriegsgebiete wie etwa Syrien auf eigene Faust. Nicht selten bezahlen ihre Familien Schleppern hohe Summen.

In Europa angekommen, geben sich viele als Erwachsene aus – weil sie sich so eine bessere Chance auf Asyl erhoffen.

Mit welchen Probleme sind sie bei ihrer Ankunft konfrontiert?

Einer der Gründe, aus denen Jugendliche sich als Erwachsene ausgeben, ist die Angst vor langen Asylprozessen. In einigen Ländern kann die Bearbeitung bis zu zwei Jahren dauern. Viele Kinder würden von den “ausgelasteten, langsamen und ungerechten Systemen” viel zu lange vergessen, heißt es in einem UNICEF-Bericht.

Weil die nötige Infrastruktur fehlt, “sitzen viele Kinder hinter Gittern, sei es in Haftanstalten oder in Polizeigewahrsam”, so UNICEF.

Sind in Europa wirklich 10.000 Kinder verschwunden?

Moralis erklärte, die Europolangaben, wonach 10.000 minderjährige Migranten vom Radar verschwunden sind, sei nur eine vorsichtige Schätzung.

Die deutsche Bundespolizei habe allein 8.600 Flüchtlingskinder vermisst gemeldet. Von 1.800 Minderjährigen, die in einem schwedischen Küstenort untergebracht waren, sei die Hälfte abgehauen, so Moralis.

“Es ist ganz ehrlich egal, ob wir über 10.000 oder 12.000 Sprechen. Es ist ganz einfach ein Problem, das wir angehen müssen”, erklärte Moralis. “Ich denke, der Anstieg der Zahlen sollte den Diskurs über Migration generell ändern. Es wird mehr und mehr zu einer Krise für Kinder als eine Flüchtlingskrise. Darauf sollten wir uns konzentrieren.”

Warum fühlen sie sich gezwungen zu flüchten?

Nach einer Studie von Missing Children Europe sind viele Länder ganz einfach unvorbereitet auf das mögliche Verschwinden von Flüchlingskindern.

Moralis kritisierte, nicht ausreichend Menschen würden den Kindern und Jugendlichen helfen. In Italien und Griechenland gebe es kein funktionierendes System, um Pflegefamilien für Kinder zu finden. Human Rights Watch verzeichnete Probleme diesbezüglich in Schweden und Deutschland.

UNICEF sieht den Hauptgrund für das Verschwinden vor allem in den langen Asylprozessen.

Moralis zufolge gibt es zunehmend Verbindungen zwischen den Schleppern, die die Minderjährigen nach Europa bringen, und den Menschenhändlern, die sie nach ihrer Ankunft zur Arbeit oder gar zur Prostitution zwingen.

Was wird dagegen gemacht?

Im vergangenen Jahr wurden die EU-Mitgliedsländer dazu aufgerufen, 100.000 Flüchtlinge aus Italien und Griechenland aufzunehmen. Vorrang sollten dabei unbegleitete Minderjährige haben.

Doch nur eine verschwindend geringe Zahl – etwa zwei Prozent – darunter 23 junge Menschen, wurden bisher umverteilt.

Österreich, Kroatien, Ungarn, Polen und die Slowakei haben an der Umverteilaktion nicht teilgenommen.

Moralis erklärte: “Es ist frustrierend und auch besorgniserregend, dass Europa, welches auf gemeinsamen Werten aufgebaut ist, viele Kinder ganz einfach auf der Straße lässt.”

“Ich denke, wir betrachten das Problem falsch. Der Schutz von Kindern ist in den EU-Verträgen festgesetzt. Wir sollten uns daran erinnern, dass wir eine Verpflichtung haben, sie zu schützen und, dass alle Kinder die gleichen Rechte haben, ob Migranten oder nicht.”

“Das elf Monate alte Kleinkind, mit dem ich in der vergangenen Woche in einem griechischen Flüchlingslager gespielt habe, hat die gleichen Rechte, wie jedes Kind was in der EU aufwächst.

“Es fehlt das generelle Bewusstsein darüber, dass wir hier von sehr jungen Kindern sprechen, die sich in einer besonders verletzlichen Situation befinden.”

“Sie machen 40 Prozent des Problems aus aber scheinen im Diskurs, der über Flüchtlinge geführt wird, völlig ignoriert zu werden”, so Moralis.

Das Interview führte euronews-Reporter Chris Harris.

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