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Erdogan droht Standard & Poor's mit Verachtung - deutsche Exporteure besorgt

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Erdogan droht Standard & Poor's mit Verachtung - deutsche Exporteure besorgt

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Größter Kursrutsch der Geschichte an den türkischen Aktienmärkten (minus 13 Prozent seit Freitag vergangener Woche), die Lira fällt auf Rekordtief (bis zu 3,0970 Lira/pro US-Dollar), die Anleiherenditen steigen (bis zu 10,13 Prozent für zehnjährige Anleihen) und Absicherungen für Zahlungsausfälle sind extrem teuer – die Finanzmärkte mögen Putschversuch und Ausnahmezustand in der Türkei nicht. Und Präsident Recep Tayyip Erdogan droht der US-Ratingagentur Standard & Poor’s mit Verachtung. Sie hatte das türkische Rating nach dem gescheiterten Putschversuch von «BB+» auf «BB» heruntergestuft – spekulativ.

Präsident Recep Tayyip Erdogan:

“Die nationalen und internationalen Akteure unserer Wirtschaft sollten nicht die geringste Besorgnis haben, was die Umsetzung des Ausnahmezustandes angeht.” Zu Standard & Poor’s: “Was haben Sie mit der Türkei zu tun. Die Türkei ist kein Mitglied bei Ihnen. Das ist nicht das erste Mal, dass diese Institution sowas macht. Wir haben zu ihnen gesagt – wir verzichten auf eine Zusammenarbeit.”

Nach dem Putschversuch blicken die wichtigsten deutschen Export-Branchen wie Automobilindustrie und des Maschinenbau mit Sorge auf die Türkei. “Politisch unruhige Zeiten sind grundsätzlich kein gutes Umfeld für Investitionen”, so der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Mögliche Investitionen in der Türkei würden jetzt sicherlich “besonders kritisch geprüft”.

Selva Demiralp, außerordentliche Wirtschafts-Professorin, Koç-Universität, Istanbul:

“Die Türkei hat ein Leistungsbilanzdefizit und die Stimmung der Anleger ist wichtig, aber dieses schreckliche Ereignis fiel in eine Zeit, in der globale Liquidität zum Glück reichlich vorhanden ist. Die EZB dürfte mit ihrer quantitativen Lockerung weitermachen, genauso die Bank of Japan. Je mehr Liquidität im System ist, desto geringer das Problem für die Türkei, ihre Auslandsschulden zu finanzieren.”

Das Land verbraucht wesentlich mehr Waren und Dienstleistungen als es exportiert – und baut somit Auslandsschulden auf. Das Leistungsbilanzdefizit des Landes lag im vergangenen Jahr bei 4,5 Prozent. Hauptursache für das Ungleichgewicht im Außenhandel ist nach Angaben des Auswärtigen Amts die hohe Abhängigkeit von importierten Energie- und Rohstoffen und Vorerzeugnissen für die Industrie.

Im gesamten deutschen Außenhandel spielt die Türkei in den Top 20: Laut Statistischem Bundesamts war die Türkei im vergangenen Jahr auf Rang 14 der größten Abnehmer deutscher Waren (22,4 Milliarden Euro). Damit lag die Türkei noch vor Russland, Japan oder Südkorea.

Die türkische Notenbank hatte am Dienstag zum fünften Mal in Folge den Satz für Overnight-Ausleihungen gesenkt, diesmal von 9,0 auf 8,75 Prozent. Ob sie diesen von Erdogan geforderten Kurs „unerschrockener“ Zinssenkungen weiter fortsetzen kann, ist zweifelhaft. Denn angesichts der volatilen Währung bleibt die Gefahr von abwertungsbedingten Inflationsschüben besonders hoch. Die Inflation hatte sich schon vor dem Putsch von 6,6 Prozent im Mai auf 7,6 Prozent im Juni beschleunigt.

Das Wirtschaftswachstum dürfte sich 2016 von den erwarteten 3,5 Prozent soweit abschwächen, “dass für das Gesamtjahr 2016 bestenfalls eine Wachstumsrate von rund drei Prozent erreichbar erscheint”, so Stefan Bielmeier vom Research der DZ Bank, Frankfurt.

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Sigrid Ulrich mit dpa

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