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Delpuech: "Die IS-Dschihadistenmiliz will dass die Gesellschaft auseinanderbricht"

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Delpuech: "Die IS-Dschihadistenmiliz will dass die Gesellschaft auseinanderbricht"

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Schock im Dauerzustand.
Nach dem Anschlag auf die Kirche in Saint-Etienne-du-Rouvray sind viele Franzosen stark verunsichert. Das Krisenmanagement des französischen Präsidenten François Hollande steht unter Beschuss. Fragen nach dem weiteren Vorgehen der Regierung werden laut. In Lyon rief der Präfekt der Region Rhone-Alpes Michel Delpuech die Menschen zur Ruhe auf.

Michel Delpuech, Präfekt:
“Ich habe Frankreich ein weiteres Mal zur Einheit und Brüderlichkeit aufgerufen. Die Feinde unserer Republik, unserer Werte und unserer Freiheit wollen erreichen, dass die französische Gesellschaft auseinanderbricht. Sie wollen, dass zwischen den Bevölkerungsgruppen und Gemeinden eine Feindschaft entsteht. Genau dagegen müssen wir angehen: als Einheit, mit Brüderlichkeit und republikanischen Werten, geschlossen und mit Entschlossenheit muss der Rechtsstaat angewandt werden.”

Fred Ponsard, euronews:
“Ist der Staat in Gefahr?”

Delpuech:
“Nicht der Staat oder die Gesetzesmacht sind in Gefahr. Bedroht ist unser republikanisches Zusammenleben. Man muss sehr aufmerksam und wachsam sein und alles daran setzen, das republikanische Zusammenleben zu verteidigen. Das heißt, man muss die nationale Einheit stärken, den Zusammenhalt predigen und Parallelgesellschaften vermeiden, man muss gegen Nationalismus kämpfen, denn die vielen Anschläge bedrohen unsere Republik und ihre Werte.”

euronews:
“In Frankreich gilt der Ausnahmezustand. Wie geht es weiter? Gibt es noch verschärftere Sicherheitsmaßnahmen? Geht der Staat nun gegen religiöse Stätten vor?”

Delpuech:
“Die Notstandsgesetze sehen die Möglichkeit vor, religiöse Orte zu schließen, sollte es weitere Zwischenfälle geben. Das haben wir bereits getan. Hier in Lyon habe ich eine so genannte Moschee schließen lassen. Wir müssen wachsam sein. Aber vor allem müssen wir wissen, wer der Prediger ist, welche Rolle er spielt und was genau dort vor sich geht. Ich habe diesen Aufruf an die muslimischen Verantwortlichen gerichtet und an ihr Verantwortungsgefühl appelliert. Die muslimische Gemeinde muss uns helfen, unsere republikanischen Werte zu verbreiten und zu verteidigen. Ich strecke ihr die Hand entgegen und vertraue ihr. Die Zukunft liegt vor uns.”

Strategiewechsel bei der IS-Miliz?
Die Terroranschläge gerade der letzten Zeit unterscheiden sich wesentlich von früheren Anschlägen, vor allem darin, dass die Täter Alltagsgegenstände als Waffen nutzen. Das sei ein Paradigmenwechsel, meint Hasni Abidi, der Direktor des Forschungszentrums für die Arabische Welt und den Mittelmeerraum (CERMAM) in Genf.

Hasni Abidi, CERMAM
“Der sogenannte Islamische Staat ändert seine Aktivitäten. Da gibt es einen Wendepunkt in der Strategie. Was wir jetzt sehen, sind die sogenannten “lone wolfs”, also einsame Wölfe. Diese führen Angriffe aus, wo sie gerade sind und wann immer sie können, sie nutzen einfach jede Gelegenheit. Wir sehen hier eine Strategie des Opportunismus, sowohl politisch wie auch sicherheitspolitisch. Die “lone wolfs” nutzen Lücken im Sicherheitsnetz um ihre Angriffe auszuführen. Gleichzeitig zeigt uns dieser Strategiewechsel auch, dass die IS-Miliz geschwächt ist durch die Bombardierungen der Koalitionskräfte in Syrien und Irak. Die Miliz verliert an Boden und sie verliert an Einfluss. Deswegen versucht sie, so viel Chaos und Unsicherheit wie möglich zu erzeugen, in den Staaten, die an der Koalition beteiligt sind, und da vor allem in den Gegenden, die sie treffen kann.”

euronews
“Die Strategie ist wirksam. Wir sehen Chaos und Panik, und zunehmend sehen wir auch Verdächtigungen. Wird diese Terrorserie unsere europäischen Gesellschaften ändern?”

Abidi
“Ich hoffe nicht. Das Ziel der IS-Miliz ist Angst und Panik zu verbreiten. Das ist sogar wichtiger als das wirkliche Ergebnis einer Attacke, also, wie viele Menschen dabei umkommen. Sie versuchen, die öffentliche Meinung zu ändern. ISIS will erreichen, dass die am Krieg gegen sie teilnehmenden Länder sich zurückziehen. Außerdem wollen sie die Gesellschaft spalten. Sie wissen, dass pluralistische und demokratische Gesellschaften gefährlich für sie sind, dass sie der Gegner sind.”

euronews
“Wir wissen, dass all das nichts mit dem Islam an sich zu tun hat. Das sagen islamische Geistliche und Behörden in muslimischen Ländern. Die Djihadisten berufen sich aber auf den Islam. Wie können wir verhindern, dass da Dinge vermischt werden und Hass geschürt wird, was ja das ist, was die IS-Miliz will?”

Abidi
“Es stimmt, dass diejenigen, die solche Taten planen und ausführen, nicht die muslimische Gesellschaft und nicht den Islam verkörpern. Trotzdem muss Verantwortung übernommen werden. Muslime müssen aufhören sich zu verstecken und anerkennen, dass die Terroristen auch ein Teil der muslimischen Gemeinschaft sind. Außerdem, das Leben von Terroristen zeigt regelmäßig ein chaotisches Muster. Da gibt es früh Schwierigkeiten in der Familie, der Schule, in der Ausbildung, Schwierigkeiten bei der Integration in die Gemeinschaft. Das zu bemerken und gegenzusteuern ist auch eine Verantwortung der lokalen Behörden.”

euronews
“Beunruhigend ist, dass wir immer mehr Menschen sehen, die sich gegen Muslime wenden. Gleichzeitig fühlen Menschen sich nicht ausreichend durch den Staat geschützt und sind wütend auf die Behörden. Ist es das, was Djihadisten erreichen wollen?”

Abidi
“Ja. Und wir müssen diese Falle der sogenannten religiösen Kriege vermeiden. Es geht hier nicht um Religion. ISIL repräsentiert nicht Religion, denn Terror ist keine Religion. Aber es gibt die Gefahr, dass die Gesellschaft hier zerbricht, dass die Menschen gegeneinander aufgebracht werden. Ein Angriff auf eine Kirche, auf einen Priester, das sind Angriffe auf fundamentale Elemente der sozialen Identität. Die Gesellschaft muss unbedingt anfangen darüber nachzudenken, wie sie diesen Terror aufhalten kann, und wie wir der Panik und dem Chaos Herr werden können, was die IS-Miliz in unserer Gesellschaft kreieren will.”

Kaum ein anderes Land in Europa wurde so stark von Terroranschlägen der IS-Dschihadisten getroffen wie Frankreich. Es beteiligt sich mit Luftangriffen in Syrien und dem Irak an der US-geführten internationalen Koalition gegen den so genannten Islamischen Staat.

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