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Ein Loblied auf den Sechs-Stunden-Tag

Sechs Stunden Arbeitszeit statt acht: In Schweden wird damit experimentiert. Teuer, aber die Zufriedenheit der Mitarbeiter steigt, und die Krankenstände sinken.

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Ein Loblied auf den Sechs-Stunden-Tag

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Arturo Perez ist einer der Glücklichen, die gern zur Arbeit gehen. Er ist Pfleger in einem städtischen Altenheim in der Nähe von Göteborg und kümmert sich um Alzheimer-Patienten. Seit über zwanzig Jahren macht er das und war oft ziemlich ausgelaugt. Doch im vergangenen Jahr änderte sich sein Leben: Das Heim nimmt an einem Modellversuch zur Arbeitszeitverkürzung teil, Arturo und seine rund achtzig Kolleginnen arbeiten jetzt nur noch sechs statt acht Stunden pro Tag – bei vollem Lohn.

Meinung

Wir schaffen mehr Arbeitsplätze, haben geringere Krankenstände und eine bessere Qualität in der Pflege. Es ist naheliegend, zu schauen, wie wir einen nachhaltigeren Arbeitsmarkt erzielen, in dem die Menschen länger bleiben und sich besser fühlen als heute.

Daniel Bernmar Vize-Bürgermeister von Göteborg, Links-Partei

“Ich bin nicht mehr so gestresst wie früher”, freut er sich. “Ich habe neue Kollegen kennengelernt. Wir helfen uns gegenseitig, um unsere Aufgaben besser zu planen, und wir haben mehr Freude bei der Arbeit. Ich muss mich auch um meine Kinder kümmern, ich bin alleinerziehender Vater. Jetzt muss ich sie nicht mehr morgens zur Schule scheuchen – alles ist viel entspannter. Ich habe den Eindruck, dass ich ein besserer Papa geworden bin – und auch ein besserer Pfleger.”

Bessere Pflege durch ausgeruhtere Mitarbeiter

Der Versuch unter Regie der Stadtverwaltung läuft über zwei Jahre und wird von Forschern evaluiert. Ziel ist, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und Krankenstände zu verringern, und dadurch auch die Qualität in der Pflege zu steigern. Ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz. Die Bilanz der Heimleiterin Monica Axhede nach eineinhalb Jahren: “Die Atmosphäre ist viel entspannter. Wir haben hier viele Demenz-Kranke. Vorher, wenn es viel Stress gab, wurden sie unruhig. Jetzt sind sie merkbar ruhiger. Außerdem haben wir mehr Personal einstellen können, wir haben Stellen geschaffen. Und wir haben viel weniger Krankschreibungen.”

Göteborg ist die zweitgrößte Stadt Schwedens. Und eine der Städte, in der die meisten Arbeitsausfälle und Burnouts verzeichnet werden. Der Sechs-Stunden-Tag ist auch ein Versuch, dem abzuhelfen. Aber die Frage wird politisch sehr kontrovers diskutiert. ie Initiative ging ursprünglich von der linken Mehrheit im Göteborger Stadtrat aus. Doch die Verhältnisse haben sich geändert, jetzt sind auch rechte Politiker an der Macht. Die konservative stellvertretende Bürgermeisterin Maria Ryden ist dagegen, den Modellversuch zu verlängern, und will ihn schon gar nicht auf andere kommunale Bereiche ausweiten: “Wir sind für 53.000 Beschäftigte in Göteborg verantwortlich. Wenn wir alle diese 53.000 Angestellten sechs Stunden arbeiten ließen und sie für acht Stunden bezahlten – das ist eine einfache Rechnung! Und es wird in Zukunft eine große Herausforderung, mehr Personal zu rekrutieren. Wenn man also nur Personal dafür bezahlt, nicht zu arbeiten, wird weniger Geld zur Verfügung stehen, um neues Personal einzustellen. Wir brauchen mehr Leute, und die Leute müssten sogar noch länger arbeiten!”

Dass das Experiment Geld kostet, räumt auch Daniel Bernmar ein, der stellvertretende Bürgermeister von der Linkspartei. Diese stieß die Initiative an. Von 20 Prozent Mehrkosten spricht er – doch die Vorteile seien auf lange Sicht zu sehen: “Betrachtet man die öffentliche Wirtschaft als Ganzes, schaffen wir mehr Arbeitsplätze, haben geringere Krankenstände und eine bessere Qualität in der Pflege. Auf der Ausgabenseite halbieren sich also die Kosten. Für mich ist es naheliegend, zu schauen, wie wir die Arbeitsbedingungen verbessern und einen nachhaltigeren Arbeitsmarkt erzielen können, in dem die Menschen länger bleiben und sich besser fühlen, als sie das heute tun.”

Toyota Göteborg praktiziert Sechs-Stunden-Tag schon seit langem

Eine Arbeitszeitverkürzung kann auch auf kurze Sicht rentabel sein. Das hat man bei der Toyota-Werkstatt in Göteborg gesehen. Denn die Initiative des Stadtrats ist nicht neu. Toyota Göteborg führte schon vor fast fünfzehn Jahren den Sechs-Stunden-Tag ein. Die Mechaniker hier arbeiten auch sechs statt acht Stunden bei vollem Lohn – in zwei Schichten. So kann die Werkstatt länger geöffnet sein. Geschäftsführer Martin Banck hat die Umstellung nie bereut: “Wir haben das 2002 eingeführt, denn wir hatten lange Wartezeiten für unsere Kunden und wollten diese verkürzen. Wir haben das Personal in unseren Werkstätten verdoppelt, aber wir haben auch unsere Verkäufe gesteigert und unseren Profit. Die Öffnungszeiten wurden verlängert, und dadurch haben wir mehr Kunden. Es ist eine Win-win-Situation für unsere Firma und für die Kunden.”

Die Verkäufe stiegen anfangs um 25 Prozent. Die Kosten für das zusätzliche Personal konnten amortisiert werden und es gibt sogar Prämien für gute Leistung. Die Angestellten sind zufrieden: “Ich denke, wir sind effizienter, wenn wir sechs Stunden arbeiten statt acht”, meint Kfz-Mechaniker Magnus Wikström. “Wir schaffen im Grunde dieselbe Arbeit, wenn wir nur sechs Stunden arbeiten. Ich kann daneben noch etwas anderes machen, ich kann nach der Arbeit einkaufen gehen. Und bin immer noch um drei zu Hause. Und habe meine Arbeit an dem Tag getan. Das tut mir gut. Ich möchte nicht wieder auf acht Stunden zurück, selbst mit mehr Lohn nicht. Wenn es geht, möchte ich bei sechs Stunden bleiben.”

Sechs-Stunden-Tag als Anreiz für neue Mitarbeiter

Auch die Universitätsklinik Göteborg setzt auf Arbeitszeitverkürzung: In der orthopädischen Abteilung war es schwer, Personal zu finden, die Burnout-Zahlen waren hoch – daraufhin steuerte man vor eineinhalb Jahren gegen. In sieben Operationssälen arbeiten etwa hundert Beschäftigte in zwei Schichten à sechs Stunden. Das Personal wurde aufgestockt. Eine Erleichterung nicht nur für Marina Henriksson, die die Abteilung managt: “Mein Leben ist einfacher geworden, denn ich habe eine Abteilung mit ausreichend Personal. Früher hatten wir viel Leihpersonal, und wir mussten oft Operationssäle schließen. Wir haben pro Operationsabteilung jetzt gut zweieinhalb Stunden mehr zur Verfügung, das sind also eine Menge Stunden mehr, die wir nutzen können.”

Die Zahl der Operationen sei um zwanzig Prozent gestiegen, und die zusätzlichen Personalkosten sollen im nächsten Jahr amortisiert sein, sagen die Verantwortlichen. Auch hier singen die Mitarbeiter ein Loblied auf den Sechs-Stunden-Tag: “Ich habe jetzt Zeit, mich zu erholen und Sport zu treiben, und das brauche ich, um gute Arbeit zu machen und nicht selbst schlappzumachen. Und wir müssen nicht unzählige Übergabe-Berichte an die Kollegen schreiben, wir müssen nicht zur Mittagspause raus. Man kommt einfach rein für sechs Stunden Arbeit non-stop, und dann hat man es erledigt”, freut sich Krankenschwester Karin Bengtsson.

Noch ist der Sechs-Stunden-Tag für viele Arbeitgeber zu teuer. Ist er dennoch ein Modell für die Zukunft? Anästesie-Schwester Matilda Palenius ist überzeugt: “Die jungen Leute von heute haben nicht mehr dieselbe Einstellung zur Arbeit wie früher unsere Eltern. Heute ist die Arbeit doch meistens nicht das Wichtigste für uns im Leben. Man will auch was in seiner Freizeit machen. Du bist doch mehr als deine Arbeit.”