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Hugh Herr: "Bionik ist ein tolles Wort"


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Hugh Herr: "Bionik ist ein tolles Wort"

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Hugh Herr ist Leiter des biomechanischen Labors des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Für seine Entwicklung bionischer Prothesen wurde er in diesem Jahr mit dem Prinzessin-von-Asturien-Preis für Forschung und Technik ausgezeichnet. euronews-Reporter Chris Cummins sprach mit Hugh Herr anlässlich der Verleihung im spanischen Oviedo.

Bereits mit acht Jahren war Hugh Herr ein begnadeter Kletterer, mit 17 galt er als der beste Bergsteiger in den USA. Ein tragisches Ereignis veränderte sein Leben schlagartig. Bei einer Klettertour auf dem Mount Washington geriet er in einen Schneesturm, verbrachte drei Nächte bei Minus 30 Grad und erlitt schwere Erfrierungen. Ihm mussten beide Beine unterhalb der Knie amputiert werden.

Als man ihm seine ersten Prothesen zeigte, setzte sich der Mann, der einst mühelos alle Gipfel bezwang, ein neues Ziel: ein Leben ohne Behinderung.

Hugh Herr, Leiter der Biomechatronik-Forschungsgruppe am MIT Media Lab: “Damals wurde ich mit konventioneller Technologie ausgestattet, das war 1982. Und ich war entsetzt. Ich sagte mir: ‘Das kann doch nicht alles sein!’ Sie waren aus Holz und Gummi, keine computergesteuerte Intelligenz, keine Sensoren, kein muskel-ähnlicher Antrieb. Und ich sagte mir: ‘Das ist unmöglich, es muss noch mehr geben!’ So kam ich zum Design. Meine erste Aufgabe bestand darin, meine eigenen Prothesen zu entwerfen und meinen Lieblingssport Bergsteigen wieder auszuüben.”

euronews: “Hatten Sie denn Kenntnisse in diesem Bereich?”

Hugh Herr: “Auf der Highschool belegte ich handwerkliche Fächer, um dem akademischen Unterricht zu entgehen. Ich wusste also, wie man Dinge aus Holz und Metall herstellt. Ich ging in die Werkstatt und begann, zu sägen und zu schleifen. Und war erfolgreich. Schon bald konnte ich wieder klettern und erreichte schnell ein noch höheres Niveau, als vor meinem Unfall.
Ich konnte mit den Prothesen besser klettern, als mit meinen eigenen Beinen. Zu diesem Zeitpunkt begann ich, mir eine künftige Welt ohne Behinderungen vorzustellen. Eine Vorstellung, die in mir und meinem Körper erwuchs und die ich auf die gesamte Menschheit übertragen wollte, mit hoch entwickelten Technologien Blindheit, schwere Depressionen und körperliche Behinderungen zu behandeln und allen Behinderungen ein Ende zu bereiten.”

euronews: “Mit Blick auf Ihre bionischen Prothesen, darf ich mir eine Anspielung an Steve Austin den “Sechs-Millionen-Dollar-Mann” erlauben?”

Hugh Herr: “Absolut, Bionik ist ein tolles Wort.”

euronews: “Wie kam es so weit, und können Sie uns erklären, wie sie funktionieren?”

Hugh Herr: “Was ich trage, sind bionische Prothesen. Sie sind fantastisch. Jede von ihnen ist mit drei Computern ausgestattet, keine großen Rechner, sondern kleine Chips. Zwölf Sensoren messen Position, Beschleunigung, Geschwindigkeit, Temperatur und Druck.
Die Entscheidungen werden von Algorithmen getroffen, die einen muskel-ähnlichen Antrieb steuern. Sie kontrollieren und bewegen jeden meiner Schritte. Sie werden mit Strom betrieben. Deswegen gibt es hier eine Batterie, die am Abend neu aufgeladen wird. Sie sind wunderbar. Sie normalisieren meine Laufgeschwindigkeit, meine Energetik, dehnen Bewegungsapparat. Sie sind bemerkenswert.

Die Prothese hat eine Art eigene Intelligenz. Sie erkennt, was ich will, je nachdem, welchen Druck ich ausübe.
Im Labor kümmern wir uns um die neuronale Kontrolle. Wir verknüpfen Muskeln und Nerven, die mit den vorhandenen Mikroprozessoren und Computern sprechen. Jemand wie ich kann tatsächlich bewusst seine bionischen Gliedmaßen bewegen. Und eines Tages wird es auch ein sensorielles Feedback von der Prothese an mein Nervensystem geben, damit ich sie tatsächlich spüren kann.”

euronews: “Spüren?”

Hugh Herr: “Ja, in der Forschung geschieht all das, im kommerziellen Sektor hoffentlich auch bald.

euronews: “Sprechen wir über den kommerziellen Aspekt. Es ist eine Milliarden Dollar schwere Industrie, es geht um extrem teure Produkte. Was ist mit ärmeren Leuten? Beispielsweise Opfer von Landminen Wie kommen sie zu dem, was sie dringend brauchen?”

Hugh Herr: “In meinem Forschungszentrum am MIT beschäftigen wir uns auch damit, wie sich hochkarätige medizinische Versorgung mit stark reduzierten Kosten vereinbaren und besser zugänglich machen lässt.
Dazu gehört die Möglichkeit der lokalen Anfertigung von Hightech-Anwendungen direkt vor Ort. Dazu gehört auch, wissenschaftlich zu verstehen, wie das Design funktioniert, damit man es in der Massenproduktion anfertigen kann, es aber noch individuell auf die Person zugeschnitten ist.

Woran wir am MIT tatsächlich arbeiten, ist die Schaffung eines digitalen Menschen. Jedes Individuum erhält sein digitales Selbst. Und wann immer jemand einen BH, ein paar Beine, eine Brille oder neuronale Implantate braucht, wird das digitale Abbild benutzt, eine äußerst akkurate Darstellung des Individuums. Und diese höchst anspruchsvolle Rechengrundlage versteht den Menschen zutiefst, versteht, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und was es bedeutet, sich mit einem Menschen zu verknüpfen.”

euronews: “Haben Sie in dieser Hinsicht keine Angst, das man Ihnen unethisches Handeln vorwirft?”

Hugh Herr: “Das ist eine beliebte Frage. Es gibt ethische Bedenken. Aber hören Sie, wir haben die Möglichkeit, Behinderungen und Krankheiten zu beenden. Das Niveau des menschlichen Leidens wegen unserer mangelhaften Körper, unserer fehlerhaften Denkweisen und unserer fehlerhaften Umwelt ist unbegreiflich.

Wir haben die enorme Chance. Ja, es gibt ethische Bedenken und Risiken, denen wir uns stellen müssen. Aber wir müssen Krankheiten und Behinderungen ein Ende setzen. Wir müssen es tun. Es ist das Richtige. Parallel zu dieser Bemühung, Krankheiten und Behinderungen zu beenden, müssen wir eine verantwortungsvolle Politik und Gesetze entwickeln, um eine unbeabsichtigte oder unsachgemäße Nutzung dieser verstärkenden Technologieen zu verhindern.

Wir arbeiten an vielen spannenden Themen: der Schnittstelle zwischen peripheren Nerven, Muskeln und zentralem Nervensystem, an der Verbesserung der Mechatronik, der Anpassung synthetischer Prothesen an den menschlichen Körper. Wir arbeiten an den Grundlagen der Bionik, der Interaktion zwischen angeborener menschlicher Physiologie und einer erschaffenen Welt.”

euronews: “Während mich immer mehr der Miniskus plagt, werden Sie weiter entspannt zum Supermarkt federn. Herzlichen Glückwunsch zum Prinzessin-von-Asturien-Preis. Sie leisten eine großartige Arbeit!

Hugh Herr: “Vielen Dank!”

euronews: “Wir danken Ihnen!”

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