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Schwerstes Erdbeben seit Jahrzehnten in Italien löscht ganze Orte aus

Bisher keine Berichte über Todesopfer. Renzi verspricht Wiederaufbau

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Schwerstes Erdbeben seit Jahrzehnten in Italien löscht ganze Orte aus

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Am Sonntagmorgen hat erneut ein starkes Erdbeben Mittelitalien erschüttert. Nach Angaben des Helmholtz-Zentrums in Potsdam hatte das Beben eine Stärke von 6,5 und war damit stärker als die vorhergehenden Beben in diesem Jahr.

Das Epizentrum lag in Umbrien, südöstlich der Stadt Perugia, aber auch in anderen Regionen war es deutlich zu spüren, es gab bereits mehrere schwächere Nachbeben. In den betroffenen Gegenden liefen die Menschen in Panik auf die Straße. Telefonleitungen wurden unterbrochen oder waren überlastet. Über mögliche Todesopfer ist bisher nichts bekannt, der Chef des Zivilschutzes sprach jedoch von mehreren Verletzten. Ein Behördensprecher sagte im italienischen Fernsehsender RAI, bis zu 100.000 Menschen könnten betroffen sein und eine Unterkunft benötigen.

Ein Grund dafür, dass es diesmal nicht wieder Hunderte Tote gab, ist, dass viele Menschen nach dem letzten Beben nicht in ihren Häusern übernachtet haben. “Ein Ingenieur sagte uns, wir könnten wieder zurück ins Haus”, erzählt eine Frau aus Norcia. “Zum Glück hat ein anderer Ingenieur gesagt, wir sollen das Haus verlassen. Er hat uns das Leben gerettet.”


Die ungefähre Lage des Epizentrums

Norcia liegt ganz nahe dem Epizentrum, dem Ort, wo das Erdbeben seinen Ursprung hatte. In der mittelalterlichen Kleinstadt sind zwei Kirchen eingestürzt, eine davon ist teilweise aus dem 14. Jahrhundert. Die Ortschaften Arquata del Tronto und Castelluccio di Norcia wurden Berichten italienischer Medien zufolge komplett ausgelöscht. “Wir werden alles wieder aufbauen”, sagte Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi. “Häuser, Kirchen, Geschäfte. Ihre Schönheit und Gastfreundschaft macht diese wundervolle Region zu dem, was sie ist.”

Ziehen Sie den Regler über das Bild und sehen Sie das Kloster San Antonio vor dem Erdbeben und danach

Noch im mehr als hundert Kilometer entfernten Rom war das Beben zu spüren. Dort wurden sicherheitshalber öffentliche Gebäude geschlossen und Straßen gesperrt, auch der U-Bahnbetrieb wurde eingestellt. Ein Foto zeigte einen Riss in der Fassade der Papstbasilika Sankt Paul.

Schwere Erdbeben kommen in Italien immer wieder vor. 1980 gab es ein noch stärkeres Beben in Süditalien, fast 3.000 Menschen kamen ums Leben. Damals gab es einen Skandal, nachdem die Mafia Spendengelder veruntreut hatte, die den Erdbebenopfern zugute kommen sollten.

Was steckt hinter dem gehäuften Auftreten von Erdbeben?

Italien ist ein geologisch sehr komplexes Gebiet. Mehrere Erdplatten treffen hier aufeinander: Hauptsächlich sind das die Afrikanische Platte im Süden sowie die Eurasische Platte im Norden. Ganz so einfach ist es aber nicht, denn auch andere, kleinere Einheiten wie die Adriatische Platte im Osten spielen eine Rolle. Da sich die Erdplatten bewegen, gibt es immer wieder Spannungen. Platten schieben sich übereinander und formen Gebirge (die Alpen), sie schmelzen auf und bilden Vulkane (z.B. Stromboli) oder die Erdkruste verhakt sich, etwa so, wie wenn ein Auto an einer Leitplanke entlangschrammt. Manchmal wird die Erdkruste bei diesen Vorgängen auch auseinandergezogen, was dazu führt, dass Teile abrutschen. All diese Prozesse finden in Italien statt und sie können Erdbeben auslösen.

Besonders betroffen ist der Gebirgszug der Apenninen in Mittelitalien. Immer wieder kam es dort in der Vergangenheit zu Erdbeben. Dass diese in den vergangenen Monaten gehäuft auftreten, ist vermutlich kein Zufall. Starke Erdbeben ziehen immer wieder spürbare Nachbeben nach sich. Wissenschaftler vermuten, dass die Beben dieses Jahres miteinander in Verbindung stehen. Für das aktuelle Beben ist es aber noch zu früh, um verlässliche Rückschlüsse zu ziehen.

Erdbebengefährdete Regionen gibt es auch in Deutschland. So ist der Oberrheingraben immer noch ein geologisch aktives Gebiet. Unter anderem wegen der Erdbebengefahr wurde das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich bei Koblenz schon nach kurzem Betrieb abgeschaltet. Das Rheintal ist auch Grund für die Erdbebengefahr in der Schweiz. Die höchste Gefahr sieht der Schweizerische Erdbebendienst aber im Wallis sowie in Basel und Graubünden. In Österreich entstehen Erdbeben entlang der Alpen sowie im südlichen Wiener Becken.

Was ist aus der Richterskala geworden?
Die "nach oben offene Richterskala" kennen viele noch von früher aus dem Radio. Bei Erdbebenmeldungen war sie allgegenwärtig. Heute liest man nur noch manchmal davon, und oft ist das eine journalistische Nachlässigkeit. Die Richterskala wird im Allgemeinen nicht mehr verwendet, sie ist der sogenannten Momenten-Magnituden-Skala gewichen. Wenn wir also heute einen Wert von 6,5 lesen, handelt es sich im Normalfall um einen Wert, der in der Einheit Mw angegeben ist.

pha mit GFZ/ZAMG/SED/FR