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Veraltete AKWs: Kälte in Frankreich macht Stromanbietern auch in Europa Sorgen

Die für Frankreich ungewöhnliche Kältewelle macht sich nicht nur in den Energiekosten der Verbraucher bemerkbar.

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Veraltete AKWs: Kälte in Frankreich macht Stromanbietern auch in Europa Sorgen

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Die für Frankreich ungewöhnliche Kältewelle macht sich nicht nur in den Energiekosten der Verbraucher bemerkbar. Seit Tagen fordert die Regierung in Radiospots zum Stromsparen auf, denn trotz Atomenergie wird in Frankreich vor Engpässen und möglichen Stromausfällen gewarnt.

Die deutsche Bundesnetzagentur sprach am Wochenende zwar von einer “herausfordernden” Situation – aber diese sei gut beherrschbar. Eine Gefährdung der Stromversorgung in Deutschland hielt ein Sprecher für “sehr unwahrscheinlich”. Inzwischen würde sich mit nachlassender Kälte die Situation auch langsam wieder entspannen. Durch die tiefen Temperaturen in den vergangenen Tagen, die unter dem langjährigen Mittel lagen, stand das europäische Verbundnetz in weiten Teilen unter einer sehr hohen Last. Das galt vor allem für Frankreich, wo sehr viele Elektroheizungen installiert sind. Fällt die Temperatur um ein Grad, entsteht landesweit im Schnitt eine zusätzliche Last von 2400 Megawatt. Das entspricht in etwa der Leistung eines großen Braunkohle-Kraftwerks.

Verschärfend kam hinzu, dass in Frankreich mehrere Atommeiler derzeit keinen Strom liefern. Um den Engpass zu beheben, wurde im hohen Maße Strom aus dem Ausland importiert. Dabei kamen erhebliche Mengen aus Deutschland. Hierdurch habe es hohe Lastflüsse im deutschen Netz gegeben. Um Überlastungen besonders an den “Flaschenhälsen” der Netze zu vermeiden, mussten die Betreiber mit Noteingriffen die Einspeisung von Strom kurzfristig anpassen.

Ein Grund für die angespannte Lage in diesem Winter war, dass eine Reihe von französischen Atomreaktoren zeitweise stillstanden. Zum Teil aufgrund geplanter Wartungen, zum Teil aber auch infolge von Kontrollen, die die Atomaufsicht dem Betreiber EDF aufgedrückt hatte. Es ging um Materialfehler in Dampferzeugern, die von der japanischen Firma JCFC stammen, insgesamt zwölf Reaktoren ließ die ASN überprüfen. Die meisten haben inzwischen wieder grünes Licht bekommen, und kurz vor der Kältewelle wurden zwei noch ausstehende Kontrollen schnell verschoben.

Richtig aufatmen kann Frankreichs Atombranche damit aber noch lange nicht. In einem Skandal um mögliche Fälschungen von Unterlagen zu AKW-Bauteilen in einer Areva-Schmiede werden derzeit alle Herstellungsdokumente überprüft. «Die (Atomaufsicht) ASN schließt nicht aus, dass bei dieser Gelegenheit neue schwerwiegende Unregelmäßigkeiten entdeckt werden», sagte ihr Chef Pierre-Franck Chevet vergangene Woche.

Der Reaktor 2 des Kraftwerks Fessenheim an der deutschen Grenze ist wegen eines Bauteils aus dem Werk Le Creusot bereits seit vergangenen Sommer stillgelegt. Außerdem ist die Branche auch wirtschaftlich in schwerem Fahrwasser. Um den schwer angeschlagenen Atomkonzern Areva zu retten, baut der Staat die Industrie um und schießt Milliarden zu. Der Stromkonzern EDF übernimmt das Reaktorgeschäft Arevas. Auf EDF kommen zudem hohe Kosten zu, um seinen alternden Atompark auf Vordermann zu bringen.
Die Reaktoren sind um die 30 Jahre alt, das Land will die Laufzeit aber über 40 Jahre hinaus ausdehnen.

EDF will im Zuge seiner “großen Überholung” des Kraftwerksparks von 2014 bis 2025 rund 51 Milliarden Euro investieren. Ein Bericht des französischen Rechnungshofs bezifferte die Kosten, um die Reaktoren auf dem Stand zu halten und an die nach Fukushima verschärften
Sicherheitsanforderungen anzupassen, aber sogar auf 100 Milliarden Euro bis 2030. Die Atomaufsicht ASN schlägt deshalb bereits Alarm und spricht von einer großen Herausforderung. Die Großwetterlage hält Chefaufseher Chevet auch mit Blick auf die Atomsicherheit für “besorgniserregend”, wie er vergangene Woche noch mal betonte.

Eigentlich hat Frankreich in seinem Energiewende-Gesetz das Ziel ausgegeben, den Anteil der Atomkraft am Strommix bis 2025 auf 50 Prozent zu reduzieren. Doch wie das passieren soll, ist völlig unklar.

Gleichzeitig haben nämlich einige Hundert Mitarbeiter des Atomkraftwerks Fessenheim mit einem Streik gegen dessen Schließung protestiert. Nach Angaben des Gewerkschaftsbunds versammelten sich am Montagmorgen etwa 400 Mitarbeiter. Die Gewerkschaften hatten zu einem “unbegrenzten Streik” ab Montag 0600 Uhr aufgerufen.

Medienberichten zufolge sollte die Arbeitsniederlegung 48 Stunden dauern. In dem
französischen Atomkraftwerk an der deutschen Grenze arbeiten etwa 850 Angestellte des Energiekonzerns EDF und 250 Leiharbeiter.

In einem offenen Brief an den Verwaltungsrat des Unternehmens hatten die Gewerkschaften zuvor die Schließung als «unverantwortlich» bezeichnet. Die mit der französischen Regierung im Sommer ausgehandelte Entschädigung von rund 400 Millionen Euro decke in keinem Fall den Schaden des Unternehmens. Der Verwaltungsrat soll am Dienstag über die Schließungspläne abstimmen. Wie die Entscheidung des Gremiums, in dem auch die Gewerkschaften vertreten sind, ausfallen wird, ist unklar.

Die Stilllegung war ein Wahlkampfversprechen von Präsident François Hollande, der im Frühjahr aus dem Amt scheidet. Der Termin hatte sich immer weiter verschoben, obwohl es über die Sicherheit von Frankreichs ältestem noch laufenden Atomkraftwerk seit langem Streit gibt. Zuletzt war 2018 als Datum im Gespräch.

Unter Atomkraftgegnern gelten alte AKWs wie Fessenheim schon lange als Gefahr.