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Romano Prodi: Mein Euro war etwas anderes als das, was letztlich herauskam


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Romano Prodi: Mein Euro war etwas anderes als das, was letztlich herauskam

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Er war Regierungschef in Italien und Präsident der Europäischen Kommission in einem historischen Moment für Europa. Doch waren die Entscheidungen, die in seiner Amtszeit gefällt wurden, auch mit die Saat für die heutige Unzufriedenheit und Uneinigkeit in Europa? Darüber reden wir mit Romano Prodi in seiner Heimatstadt Bologna.


Keiner ist allein groß genug für die Globalisierung


Isabelle Kumar, euronews:
“Sie haben gesagt, Ihr Europa sei tot – das Europa, das Sie mitaufbauen halfen. Was mich zu der Frage führt: Welches Europa lebt denn dann heute?”

Englischer Artikel zum Zitat

Romano Prodi:
“Da sprechen Sie jetzt mein Gefühl an, ich antworte mit meinem Herzen, nicht mit dem Verstand. In der Renaissance waren die italienischen Staaten führend, das ist nicht nur Rhetorik: Bologna, Florenz, Mailand, Genua – im Bankwesen, in der Technologie, im Militärwesen, Venedig im Handel … Und damals gab es die erste Globalisierung. Die Entdeckung von Amerika… Aber wir haben nicht zusammengehalten. Kein einziger italienischer Staat war in der Lage, die neuen Schiffe zu bauen, die für die Neue Welt notwendig waren, und Italien verschwand für vier Jahrhundert von der Weltkarte. Jetzt sind wir in derselben Lage: Deutschland, Frankreich, Italien – keiner ist groß genug für die neue Globalisierung.”

euronews:
“Sie waren EU-Kommissionspräsident und haben die Erweiterung der Europäischen Union betreut, die größte Erweiterungsrunde in deren Geschichte, von 15 auf 25 Mitglieder. War Ihnen damals klar, dass dies die Probleme hervorrufen könnte, die wir heute haben?”



Romano Prodi:
“Es war ein Triumph! Als wir am 1. Mai 2004 in Dublin die Erweiterung feierten, war die allgemeine Auffassung, dass Europa ein Gewinner der Geschichte ist. Jeder hat das gesagt. Dann kamen die alten nationalistischen Gedanken wieder auf, als es Probleme mit den Minderheiten gab, mit den Grenzen – das kam auf mit der neuen Freiheit der osteuropäischen Staaten. Und dann, in der zweiten Phase, hatte man die populistischen Parteien.”

euronews:
“Sie haben also gewissermaßen den Geist aus der Flasche gelassen?”

Romano Prodi:
“Ja.”



Romano Prodi: Biografie

  • Ministerpräsident in Italien 1996-98 und 2006-08
  • Präsident der Europäischen Kommission 1999 – 2004 (Einführung des Euro 1999-2002)
  • Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler, Professor für Volkswirtschaft, Spitzname “il professore”


EU-Erweiterung weltweit der einzige friedliche Export von Demokratie

euronews:
“Wenn Sie die Uhr zurückdrehen könnten: Mit dem, was Sie heute wissen, was würden Sie anders machen bei der EU-Erweiterung?”

Romano Prodi:
“Ich würde dasselbe machen. Denn die Alternative wäre eine Tragödie. Ich denke, dass wir sonst heute eine unglaublich angespannte Lage in den baltischen Staaten haben könnten, in Polen, mit Sicherheit in Ex-Jugoslawien. Jetzt haben wir auch Probleme, aber wir haben Probleme in Freiheit! Die Erweiterung war der einzige Export von Demokratie – das hat es so nie auf der Welt gegeben! Wir haben jahrelang daran gearbeitet, die Regeln und Gesetze anzupassen, die Arbeit der Parlamente, die Garantie für Demokratie. DAS war die Erweiterung, nicht wie im Irak, wo man versucht hat, mit Waffengewalt Demokratie zu exportieren.”


Euro wurde allein im Regen stehen gelassen


euronews:
“Viele Länder wenden sich heute gegen den Euro. Den Euro, bei dessen Einführung in Europa Sie behilflich waren.”

Romano Prodi:
“Er wurde ganz eindeutig als ein Schritt hin zu einem vereinteren Europa angesehen. Aber dann kam die Angst auf. Europa ist in den vergangenen zehn Jahren von Angst beherrscht worden.”

euronews:
“Aber beim Euro gab es doch auch nicht genügend Vorbereitung…”

Romano Prodi:
“Es war der erste Schritt hin zu einem gemeinsamen Ziel, einem gemeinsamen Unternehmen. Aber dann haben wir gestoppt, und der Euro hatte keinen Verteidiger. Der Gedanke, den wirtschaftlichen Zusammenschluss voranzutreiben, hat einmal alle Länder geleitet, die den Euro einführten.”


Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten


euronews:
“Deutschland versucht jetzt, die Geschichte für Europa voranzubringen. Kanzlerin Angela Merkel hat die Idee eines Europas der verschiedenen Geschwindigkeiten ins Spiel gebracht, etwas, das Sie begrüßt haben. Aber wie, stellen Sie sich vor, wird ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten funktionieren? Werden wir da nicht eine Elite am Steuer haben?”

Romano Prodi:
“Ich gebe Ihnen ein ganz konkretes Beispiel. Die Amerikaner sagen einen Tag, die Nato ist toll, den nächsten Tag verteufeln sie sie wieder. In jedem Fall muss Europa mehr für seine eigene Verteidigung tun. So könnte eine erste verstärkte Zusammenarbeit zum Beispiel sein, dass zehn europäische Staaten anfangen, langsam ein gemeinsames Verteidigungssystem aufzubauen.”



euronews:
“Aber schafft man da nicht ein Europa, und in bestimmten Bereichen haben wir es ja schon so – mit einer Elite im Kern, höchstwahrscheinlich Deutschland und andere nordeuropäische Staaten, die dieses Projekt antreiben?”

Romano Prodi:
“Nun, das ist eine Entwicklung der Lage. Als die Macht von der supra-nationalen Behörde zu den Mitgliedsstaaten wechselte – von der Europäischen Kommission zum Europäischen Rat – da war doch klar, dass man zwischen Ländern Konkurrenz schafft. Und in dem Wettbewerb bekamen die starken Staaten die Verantwortung.”

euronews:
“Sind Sie zufrieden mit dieser Lage? Wird Europa Ihrer Meinung nach so vorankommen?”

Romano Prodi:
“Jetzt ist klar, dass Deutschland das führende Land ist. Bei der Krise in Griechenland gab es, sagen wir, nicht einen Dialog zwischen Brüssel und Athen, sondern zwischen Berlin und Athen – denn das ist die Realität! Ich bin aber der Meinung, wenn man eine Führungsrolle übernimmt wie Deutschland, dann muss man sich auch in die Lage aller Mitgliedsstaaten hineinversetzen.”

euronews:
“Was passiert mit den Ländern, die diese Idee des Europas der verschiedenen Geschwindigkeiten ablehnen, mit den nationalistischen Staaten – sollen die gehen?”

Romano Prodi:
“Nein. Zuerst einmal haben sie keine Alternative wie Großbritannien. Nicht nur, weil sie Geld von Europa bekommen. Polen hat nie so geblüht wie heute, und es blüht nicht aus eigener Kraft, sondern dank Europa.”


Nicht Euro-Krise, sondern politische Spaltung in Italien


euronews:
“Reden wir jetzt noch über Italien. In Italien herrscht ganz offensichtlich im Moment ziemliches Durcheinander. Die Demokratische Partei, die Sie mit aufgebaut haben, scheint sich selbst auseinanderzunehmen, wie viele Parteien der Linken in Europa.”

Romano Prodi:
“Die Spaltung der Demokratischen Partei ist ein lautstarkes Signal der Krise…”

euronews:
“Ist sie ein Geschenk für Beppe Grillos Fünf-Sterne-Bewegung?”

Romano Prodi:
“Natürlich…”

euronews:
“Was heißt das für die Euro-Mitgliedschaft Italiens? Denn jetzt sind drei der vier wichtigsten Parteien in Italien euroskeptisch und würden auch gern aus der Eurozone austreten.”

Romano Prodi:
“Ich hoffe immer noch, dass es in Italien weiter eine Mehrheit von Befürwortern des Euro gibt, wenn man die Teile der Demokratischen Partei zusammen nimmt und viele andere, sogar Parteien des rechten Flügels.”

euronews:
“Denken Sie, dass der Euro gut für Italien war – denn viele Italiener sind gegenteiliger Meinung?”



Romano Prodi:
“Mein Euro war etwas anderes, als das, was letztlich herauskam. Aber ich bin überzeugt, dass wir in jedem Fall nicht außen vor bleiben konnten. Wenn es heißt, dass der Euro der Wirtschaft schadet, dann muss man sich doch mal Italiens positive Handelsbilanz ansehen. Wir haben einen Handelsüberschuss, wir sind also kein ineffizientes Land. Das Problem ist die politische Situation. Aber das ist kein Problem des Euros. Es ist das Problem eines Landes, das bei grundlegenden Prinzipien uneins ist.”


Allein sind wir verloren


euronews:
“Noch einmal zu Europa: Wo sehen Sie Europa in zehn Jahren?”

Romano Prodi:
“Ich komme wieder auf das Beispiel der Renaissance zurück. Allein sind wir verloren – echt verloren. Zusammen gewinnen wir. Es liegt in unseren Händen.”

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