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Ich fühle mich wie in einem schlechten Traum


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Ich fühle mich wie in einem schlechten Traum

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Euronews-Reporter Hans von der Brelie begleitete den zyprischen Filmemacher Michael Georgiades nach Morphou, in den türkisch besetzten Norden der Insel. Zusammen mit Tausenden anderer griechischsprachiger Zyprioten flohen Georgiades und seine Familie 1974, beim Einmarsch türkischer Truppen, Richtung Süden. – Hat Zypern eine Chance auf Wiedervereinigung? Sind die Erlebnisse der Heimatvertriebenen ein Hindernis auf dem Weg zu einer Vehandlungslösung? Oder gibt es mittlerweile Kompromiss- und Verständigungsbereitschaft? – Zusammen mit Kameramann Ivan Charalambous und Tontechnikerin Gabriele Klakauskaite durchstreifte unser Reporter mehrere Tage lang die geteilte Insel.

euronews:
Bis zur Flucht Ihrer Familie aus Morphou 1974 war dies Ihr Stadtviertel, hier wuchsen Sie auf. An was können Sie sich noch erinnern?

Michael Georgiades:
Dies war der Hauptplatz des Viertels, gleich neben der Kirche. Ich erinnere mich an das große Osterfeuer, die vielen Menschen hier, die Ostern feierten, meine Großmutter, wie sie in aller Hergottsfrühe aufstand und in diese Kirche ging…

euronews:
…die immer noch hier steht, nur dient sie jetzt als Moschee, so wie es aussieht?

Michael Georgiades:
Ja, heute ist das eine Moschee. Es gab einige bauliche Veränderungen, so wurde zum Beispiel an einer Seite einer der Eingänge zugemauert. All das macht mich traurig und wirklich wütend.

euronews:
Werfen wir doch einmal einen Blick hinein, wenn Sie einverstanden sind.

Wir gehen durch das angelehnte Eisengitter auf den Vorhof des alten Kirchengebäudes. An der Frontseite hängen große türkische und nordzypriotische Fahnen. Es stellt sich heraus, dass der Haupteingang zur heutigen Moschee verschlossen ist, allerdings können wir durch die alten Glasfenster einen Blick in das Innere werfen: ein Gebetsteppich ist auf dem Kirchenboden ausgerollt. Michael Georgiades presst sein Gesicht gegen die Scheibe, um besser sehen zu können.

euronews:
Ist das das erste Mal seit Ihrer Flucht 1974, dass Sie hierher zurückkehren?

Michael Georgiades:
Kurz nach Öffnung der Checkpoints zwischen dem Norden und dem Süden Zyperns war ich erstmals wieder hier, das muss 2003 gewesen sein, wenn ich mich richtig erinnere. Damals war der Haupteingang unverschlossen, ich ging hinein. Im ersten Stock des Kirchengebäudes fand ich in einer Art Abstellkammer das ganze Kirchenmobiliar und die Kirchenglocken.

euronews:
Die Kirchenglocken? Das müssen Sie genauer erklären.

Michael Georgiades:
Nun ja, die Kirche wurde ja entweiht, zur Moschee umgewidmet. Die Kirchenglocken wurden aus dem Glockenturm entfernt und dort im ersten Stock abgestellt. Und die Kirchenbänke und das andere Kirchenmobiliar, das dort herumlag, waren größtenteils zerstört oder beschädigt. Von den Ikonen war keine Spur mehr zu sehen. Allerdings lagen dort auch noch einige Priestergewänder und Altartücher herum. Nur der alte Kronleuchter hängt noch dort, wo er schon immer hing.

Wir gehen um die Kirche herum, setzen uns auf eine Bank in den Schatten. Für Michael Georgiades ist der Besuch des Ortes eine Reise durch die Zeit.

euronews:
Wenn Sie sich erinnern an damals, die Zeit vor 1974, was sehen Sie?

Michael Georgiades:
Meine Eltern haben hier geheiratet. Ich wurde in dieser Kirche – die heute eine Moschee ist – getauft. Als Kind habe ich mit meinen Freunden hier gespielt, dort auf dem Platz haben wir uns immer getroffen, Fussball gespielt. Ich wohnte ja nur eine Minute entfernt von hier. Diese Kirche ist Teil meines Lebens, Teil meiner Lebenserinnerung.

euronews:
Stören Sie die türkischen und nordzyprischen Fahnen an der Gebäudefront?

Michael Georgiades:
Ich fühle mich wie in einem schlechten Traum. Die Fahnen… es erscheint fast unwirklich. Auch heute, über 40 Jahre später, habe ich Probleme damit, diese Fahnen an dieser Kirche hier als Realität anzuerkennen, zu glauben, dass das alles Teil der Wirklichkeit ist…

euronews:
Warum ist Zypern immer noch nicht wiedervereint?

Michael Georgiades:
Die einflussreichen Mächte wollen kein vereintes Zypern. Die Türkei will das nicht. Vermutlich auch Großbritannien, die USA und Russland nicht. Die wollen, dass Zypern geteilt bleibt, damit sie auch weiterhin die Kontrolle ausüben können über diesen Teil des Mittelmeers. Ich glaube nicht, dass dies ein Konflikt zwischen türkischsprachigen und griechischsprachigen Zyprioten ist.

Michael Georgiades steht auf und macht mich auf einige Details der Fassade aufmerksam.

euronews:
Was ist das?

Michael Georgiades:
Das ist der frühere Seiteneingang, der ist jetzt zugemauert, und hier, sehen Sie, dort oben im Stein eingemeißelt steht ein Datum, 1882, das Entstehungsjahr der Kirche.

euronews:
Und dort oben im Glockenturm, sind das Lautsprecher?

Michael Georgiades:
Ja, sehen Sie? Die Glocken hängen nicht mehr am Glockenstuhl. Auch das Kreuz wurde abmontiert. Ein Glockenturm ohne Glocken und ohne Kreuz.

Wir überqueren den Platz, biegen in eine ruhige Straße ein. Michael Georgiades will mir das Haus seiner Kindheit zeigen. Die heutigen Bewohner, eine türkischsprachige Familie, kennt er gut, trotz Sprachbarriere hat er so etwas wie eine fragile Freundschaft aufgebaut, gelegentlich schaut er auf einen Tee vorbei. Michael Georgiades klopft an die Tür, doch niemand öffnet. Ein freundlicher Nachbar klärt uns auf, die Familie ist mit den Kindern im Krankenhaus, kommt vermutlich erst sehr viel später zurück. Man spürt, in dieser Straße von Morphou spielt es im Alltag der Begegnung keine Rolle, ob die Muttersprache Griechisch oder Türkisch ist, die Menschen gehen freundlich miteinander um. Ein freundliches Lächeln überbrückt die historischen Gräben. Wir setzen uns auf die Steinstufen vor der Haustüre, Michael Georgiades will mir aus seiner Vergangenheit, seiner Kindheit und Jugendzeit erzählen, aus der Zeit vor der türkischen Invasion 1974.

euronews:
Wie fühlen Sie sich?

Michael Georgiades:
Seltsam. Die ganzen Erinnerungen, die auf einmal auf mich einstürmen…

euronews:
Ihre Kindheit und Jugend haben Sie hier, in Morphou, verbracht. Doch nach der Flucht haben Sie sich anderswo, im Süden der Insel, ein anderes, ein eigenes Leben, eine berufliche Existenz aufgebaut. Sie hatten Erfolg und ein gutes Leben. Nach vorne gedacht, wollen Sie zurück nach Morphou?

Michael Georgiades:
Nun, ganz ehrlich, einfach wäre das nicht, einfach so meine ganze Familie mit drei Kindern und einem Enkel an einen Ort zu verpflanzen, den sie nicht kennen und mit dem sie keine persönlichen Erinnerungen verknüpfen. Ich selber hingegen hänge sehr an Morphou und möchte, dass Morphou – und nicht nur Morphou, sondern ganz Zypern – blüht, gedeiht, wächst. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass meine Kinder mit meinem Grund und Boden, den ich hier noch habe, nach einer eventuellen Wiedervereinigung etwas Vernünftiges anstellen. Die Gegend hier braucht Investoren, damit eine neue, moderne Stadt entsteht. Morphou soll eine Zukunft haben.

euronews:
Es geht also nicht darum, dass Sie persönlich in das Haus zurückkehren möchten, aus dem ihre Familie vertrieben wurde, sondern darum, etwas Neues aufzubauen?

Michael Georgiades:
Ja, etwas Neues aufzubauen, genau darum geht es. Es wäre unfair gegenüber unseren Kindern, denen abzuverlangen, dass sie umziehen, hier leben sollen, nur deshalb, weil ich selber Morphou liebe. Doch es wäre fair, den Grundbesitz meines Vaters zu nutzen, um Morphou einen Neustart zu ermöglichen. Das sehe ich übrigens auch umgekehrt so: Türkischsprachige Zyprioten könnten doch (nach einer Wiedervereinigung und einvernehmlichen Eigentumsregelung) nach Süden kommen, nach Paphos oder Limassol, und dort ebenfalls ihre alten Eigentumsrechte geltend machen, dort investieren. Ich kenne einige türkischsprachige Zyprioten, die haben einige sehr, sehr wertvolle Grundstücke in Ufernähe.

euronews:
Was ist Ihre ganz persönliche Sicht auf das Zypernproblem? Wie sollte eine Lösung aussehen?

Michael Georgiades:
Einerseits sollte man von gewissen Grundprinzipien nicht abweichen: Menschenrechte, Demokratie… Andererseits sind sowohl die türkischsprachigen wie auch die griechischsprachigen Zyprioten bereit, Kompromisse einzugehen. Wir müssen wechselseitig anerkennen, dass wir tief in uns drin immer noch ein Gefühl der Unsicherheit haben, weshalb es Zeit braucht, wieder gemeinsam zu arbeiten, gemeinsam zu leben. 42 Jahre Trennung sind eine lange Zeit und wir brauchen Zeit, um die Menschen miteinander zu versöhnen.

euronews:
Haben Sie als Staatsbürger die eine oder andere “rote Linie”, die bei den Verhandlungen nicht überschritten werden sollte?

Michael Georgiades:
Ich kann nicht akzeptieren, dass das Recht auf Eigentum in Frage gestellt wird. Egal, wo sich das Grundeigentum befindet. Wir sollten die Niederlassungsfreiheit haben, also das Recht, überall auf der Insel zu arbeiten. Zypern ist einfach zu klein für zwei getrennte Staaten, einen türkischen und einen griechischen.

euronews:
Und was ist mit der Anwesenheit türkischer Truppen hier auf der Insel?

Michael Georgiades:
Ich will überhaupt gar keine Präsenz ausländischer Truppen hier in Zypern und insbesondere keine türkischen Soldaten. Wir brauchen auch keine “Garantiemächte”. Wir sind Mitglied der Europäischen Union, warum sollte unsere Sicherheit durch einen anderen Staat garantiert werden, durch einen Staat zudem, der seinerseits kein EU-Mitglied ist (die Türkei). Das ist unannehmbar.

euronews:
Das Recht auf Eigentum; keine fremden Truppen… was noch?

Michael Georgiades:
Freiheit: Religionsfreiheit. Bildungsfreiheit. Niederlassungsfreiheit. Schutz der Minderheitenrechte.

euronews:
Was halten Sie von der Idee einer rotierenden Präsidentschaft?

Michael Georgiades:
ich habe kein Problem damit, eines Tages einen türkischsprachigen Zyprer als Präsidenten eines vereinten Zyperns zu haben. Doch ich hätte ein Problem damit, wenn per Gesetz vorgeschrieben würde, dass hier beispielsweise alle fünf Jahre ein turnusmäßiger Wechsel stattfinden sollte, ein griechischsprachiger, dann ein türkischsprachiger, dann wieder ein griechischsprachiger Präsident… Wenn das ein guter Präsident ist, dann kann ich einen türkischsprachigen Präsidenten akzeptieren, auch über mehrere Amtsperioden hinweg, von mir aus ein ganzes Leben lang – solange der seinen Job gut macht, die Leute ihn mögen, er fair gegenüber allen ist.

euronews:
Wir sitzen hier auf den Stufen des Hauses, aus dem Sie und Ihre Familie 1974 vertrieben wurden. An was erinnern Sie diese Steine hier?

Michael Georgiades:
Diese Stufen ging ich hinab, als ich eingeschult wurde. Ich kann mich noch an meinen ersten Schultag erinnern, ich fühlte mich auf einmal den Kleinkinderschuhen entwachsen. – Ich kann mich auch noch an den Tag erinnern, an dem ich meine Uniform für die Schulband bekam, ich war der Trommler und ich kam mir vor wie der König höchstpersönlich, mit dieser tollen Uniform. – Ich erinnere mich an die ersten Verabredungen mit Freundinnen…

euronews:
Nur glückliche Erinnerungen?

Michael Georgiades:
Ich erinnere mich auch an das Weinen der Frauen hier in der Nachbarschaft, die bei den Kämpfen Mitte der sechziger Jahre und dann 1974 ihre Söhne verloren hatten.

euronews:
Was geschah 1974?

Michael Georgiades:
An 1974 werde ich mich jede einzelne Sekunde meines Lebens erinnern. Ich konnte das einfach nicht verstehen, nicht glauben. Da kommt eine fremde Armee in unser Land. Und diese Armee ist immer noch da, jetzt, am Anfang des 21.Jahrhunderts. Wir türkischsprachigen und griechischsprachigen Zyprioten wollen endlich frei sein, echte Freiheit leben.

euronews:
Was genau geschah an dem Tag, an dem Sie mit Ihrer Familie dieses Haus hier verließen, 1974?

Michael Georgiades:
Da stand das Auto meines Vaters, wir haben uns da hinein gedrängt, ich, mein Vater, die Frau meines Bruders, meine Großmutter, meine Mutter. Dann stieg meine Mutter wieder aus, sagte meinem Vater, dass sie noch zwei Minuten bräuchte, etwas vergessen habe. Sie rannte in das Haus und kam mit dem Silberbesteck zurück. Ich verstand das damals gar nicht, erst später, als wir Geld brauchten, das Besteck verkauften.

euronews:
War die Flucht denn nicht vorbereitet?

Michael Georgiades:
An diesem Tag verließen wir das Haus Hals über Kopf, ohne vorher Geld organisiert zu haben, nur mit unseren Kleidern am Leib. Ich kann mich noch daran erinnern, wie unser Auto die Straße hinunterfuhr und ich mich umdrehte und fragte: Ist das der letzte Tag, den wir hier gelebt haben?

euronews:
Und später, nach der Jahrtausendwende, als die ersten Checkpoints erstmals wieder passiert werden durften?

Michael Georgiades:
Nach 2003 kam ich dann doch wieder nach Morphou, auf Besuch, und habe wundervolle Menschen hier kennengelernt.

euronews:
Die Menschen, die heute hier in diesem Haus leben, sind ihre Freunde geworden?

Michael Georgiades:
Ja, und das war gar nicht schwierig. Mit der ganzen Familie verstehe ich mich wirklich gut, vorallem mit dem Sohn. Auch mit den Nachbarn übrigens. Wir sind uns alle einig: Die Großmächte sollten uns endlich in Ruhe lassen und unser Land in die Freiheit entlassen.

Wer mit Michael Georgiades Kontakt aufnehmen möchte, kann dies hier tun: www.mikego.com .

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