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"Think20" - wie der G20-Gipfel kein Reinfall werden soll


Deutschland

"Think20" - wie der G20-Gipfel kein Reinfall werden soll

Angela Merkel munitioniert sich für den G20-Gipfel Anfang Juli in Hamburg – mit Argumenten. Die deutsche Bundeskanzlerin lässt sich von Experten beliefern. Jüngster Anlauf: "Think20". Die Bundesregierung: “Think20 ist einer von insgesamt sieben Strängen des G20-Dialogs mit der Zivilgesellschaft (Civil20, Business20, Women20, Labour20, Science20 und Youth20), den die Bundesregierung im Rahmen der deutschen G20-Präsidentschaft initiiert hat.

Und die Experten haben auch diesmal geliefert: 20 Thesen zu Globalisierung, Finanzen, Umwelt – Hausaufgaben für den G20-Gipfel in Hamburg – wurden an den Chef des Bundeskanzleramts Peter Altmaier übergeben. Deutschland hat zur Zeit den G20-Vorsitz.


„Wissenschaftlich fundierte Fakten sind wichtig, wenn einige Politiker ihre eigenen Fakten kreieren“, sagte Dirk Messner vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Sein Publikum: 700 Wissenschaftler, Politiker, Verbandsvertreter auf der Konferenz “Think 20 Summit” mehrerer Denkfabriken in Berlin. Messner, sein Schwerpunkt sind die Klimaziele, leitete die Konferenz mit Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Die “T20” sind ein Netzwerk der führenden Forschungsinstitute und Think Tanks aus den G20-Ländern.


Unter dem Titel “A global vision for the G20” werden 20 dringende Projekte aufgeführt.

DIGITALISIERUNG

Hier sollte ein durchlässiger Arbeitsmarkt mit vergleichbaren Ausbildungen angepeilt werden. Dazu ein hohes Sicherheitsniveau mit einem Frühwarnsystem vor Viren und Cyberattacken – besonders das Finanzsystem müsse abgehärtet, die schädliche Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnik (ICT) im Zaum gehalten werden. Das Gleiche gelte für das Potential der Blockchain-Technologie im Finanzsektor – sie müsse in internationale Regelwerke wie die Welthandelsorganisation WTO oder das Klimaabkommen vor Paris eingearbeitet werden, auch mithilfe der Zentralbanken.

STABILE UND WIDERSTANDSFÄHIGE GLOBALE WIRTSCHAFT

Die globale Wirtschaft sollte demnach auf Integration ausgerichtet sein und auf die Vergrößerung der menschlichen Fähigkeiten durch den technischen Fortschritt – anstatt die Arbeitskraft des Menschen ersetzen zu wollen. Wirtschaft und Finanzsystem sollten krisenfester ausgebaut werden – und an die Ziele der Entwicklungs-“Agenda 2030” der UNO angepasst. Außerdem sollten die G20 stärker mit Afrika zusammenarbeiten.

KLIMAPOLITIK UND FINANZEN

Bis 2070, spätestens, müsse die globale Wirtschaft “dekarbonisiert” sein, mithilfe massiver finanzieller Anreize. Die Verteilungseffekte seien systematisch zu verfolgen, Nutzeffekte müssten auch denen zugutekommen, deren Arbeitsplätze durch den technologischen Umbau in Gefahr gerieten. “Grüne” Technologien sollten nicht durch Patentrechte geschützt, sondern systematisch weitergegeben werden.

HUNGER, UNGLEICHHEIT, MIGRATION

Nach zwei Jahrzehnten breiter Wohlstandsmehrung wachse häufig die Ungleichheit wieder. Nahrung und Wasser müssten möglichst allen Erdbewohnern zugänglich gemacht, mehr oder weniger Ungleichheit in Rankings festgehalten werden. Wer zur Migration gezwungen werde, müsse am Ziel durch spezielle Wirtschaftszonen integriert und im unternehmerischen Denken unterstützt werden, etwa durch “Arbeitsvisa”. Religionsvertreter sollten helfen, verstreute Gemeinden am neuen Wohnort zu integrieren. Die Jugend sollte im örtlichen Bildungssystem verankert werden. Außerdem seien weniger wohlhabende Aufnahmeländer und Klimamigranten zu unterstützen.

2030 AGENDA

Die G20 sollten sich der UNO-Agenda 2030 verpflichten.

FAZIT

Weithin gelte der Prozess von Globalisierung und Wirtschaftswachstum als “nicht nachhaltig, unfair und unstabil”. Sei erst mal das Überleben gesichert, biete mehr materieller Wohlstand nicht mehr Lebenszufriedenheit. Entscheidend seien Teilhabe und die Möglichkeit, etwas zu gestalten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte den jüngsten G7-Gipfel in Taormina als “sehr unzufriedenstellend” bezeichnet – die großen Industriestaaten hatten vor allem die Differenzen mit den USA im Klimaschutz nicht überbrücken können.

Von Sigrid Ulrich mit Reuters