Eilmeldung

360° Videos - Menschen zur Bundestagswahl: Armut und Ungleichheit in Bremen

Ein Gespräch über Armut, Ungleichheit und Alleinerziehende

Sie lesen gerade:

360° Videos - Menschen zur Bundestagswahl: Armut und Ungleichheit in Bremen

Schriftgrösse Aa Aa

Was beschäftigt die Menschen in Deutschland? Was wünschen sie sich von der Politik? In den Wochen vor der Bundestagswahl reisen wir mit einer 360°-Kamera durch die Republik und befragen sie. Bei allen neun Folgen arbeiten wir mit Regionalmedien zusammen, die für uns vor der Kamera die Interviews geführt haben. Die Protagonistinnen und Protagonisten erzählen uns, was ihre Sorgen, Hoffnungen und Wünsche sind.

In Bremen haben wir zusammen mit dem Weser-Kurier Katharina Haucap getroffen. Die 29-Jährige war langzeitarbeitslos, bevor sie Ende Juli anfing, im Familienzentrum Mobile im Stadtteil Hemelingen als Kinderbetreuerin zu arbeiten. Sie spielt mit den Kindern, betreut sie beim Mittagessen oder hilft bei den Hausaufgaben. “Mir gefällt, dass hier Multikulti ist”, so Haucap.“Hier sind Menschen und Kinder aus allen Nationen. Das macht mir am meisten Spaß, dass hier viele verschiedene Menschen sind.”

Ausbildung wegen Problemen mit Kinderbetreuung abgebrochen

Die Arbeit beim Familienzentrum Mobile ist eine sogenannte In-Job-Maßnahme, mit der Langzeitarbeitslose zurück in den Beruf geführt werden sollen. Haucap hat lange nach einer Aufgabe gesucht, die ihr gefällt. Nach ihrem Hauptschulabschluss fing sie zwei Ausbildungen an, die sie abbrach, auch, weil sie als Alleinerziehende Probleme mit der Betreuung ihres Kinds gehabt habe, wie sie sagt und auch nicht ausreichend von ihrer Familie unterstützt worden sei. Die 29-Jährige hat inzwischen zwei Kinder, die seit einiger Zeit bei ihren Vätern leben. Eine Ausbildung als Bürokauffrau habe sie abgebrochen, weil diese ihr nicht gefallen habe, sagt sie. Haucap hätte sich in dieser Zeit mehr individuelle Betreuung gewünscht: “Ich kam mir damals abgestempelt vor.” Es wäre schön, wenn junge Mütter auch als Menschen mit bestimmten Vorlieben gesehen und nicht nur einfach in irgendeinen Beruf vermittelt werden würden. Für sie selbst sei nun klar, dass sie etwas Soziales machen wolle, so Haucap. Sie will die In-Job-Maßnahme im Familienzentrum verlängern, ihre Mittlere Reife nachholen, Fachabitur machen und später Psychologie studieren.

Sara Sundermann, Weser-Kurier: “Was motiviert Sie, warum stehen Sie morgens auf und kommen hier her?”

Katharina Haucap: “Mich motiviert, die Tatsache, dass ich eine Tagesstruktur habe. Das war vorher nicht so. Ich war Langzeitarbeitslose. Jetzt stehe ich jeden Morgen auf und denke mir, cool, heute kann ich wieder mit den Kindern irgendwas Cooles machen.”

Weser-Kurier: “Sie haben Ihr erstes Kind mit 18 Jahren bekommen. Können Sie erzählen, wie das für Sie war. Sie sagten, Sie waren zwischendurch auch auf sich allein gestellt? Wie war das, wenn man so jung Mutter wird?”

Haucap: “Das war sehr kompliziert und nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Es war sehr anstrengend. Ich komme aus recht zerrütteten Familienverhältnissen.”

Weser-Kurier: “Was waren denn so Probleme im Alltag?”

Haucap: “Hauptsächlich war das Problem, alles unter einen Hut zu bekommen: das Berufliche, die Ausbildung und zu wissen, wohin mit den Kindern.”

Bremen: Jedes dritte Kind lebt in Armut

Das Familienzentrum, in dem Katharina Haucap arbeitet, soll bei genau solchen Problemen Abhilfe schaffen. Eltern können ihre Kinder hier abgeben, wenn sie zum Beispiel noch keinen Krippenplatz haben oder ganz kurzfristig eine Betreuung brauchen. Die Mitarbeiter holen die Kinder auch von zu Hause oder im Hort ab. Ein Angebot, das laut Betreibern in Deutschland einzigartig ist und gerade in Bremen gebraucht wird. Hier gibt es besonders viele Alleinerziehende. Mehr als 40 Prozent von ihnen sind im kleinsten deutschen Bundesland arbeitslos. Rund jedes dritte Kind lebt in Armut.

Weser-Kurier: “Gibt es genügend Angebote, um auch Alleinerziehenden eine Betreuung zu ermöglichen?”

Haucap: “Ich glaube, dass es so etwas Flexibles, wie das, was wir anbieten, nicht woanders gibt und dass da deutlich etwas fehlt, damit Mütter und Väter die Möglichkeit bekommen, alles irgendwie zu organisieren. Das Handling ist schwer. Wenn man zur Schule geht oder eine Ausbildung anfängt und dann nicht weiß, wohin mit dem Kind, sagt man sich, dann kann ich das halt nicht machen. Wenn es mehr Angebote gäbe, würden vielleicht viel mehr Leute eine Ausbildung machen oder überhaupt arbeiten.”

Weser-Kurier: “Hoffen Sie, dass sich mit der Bundestagswahl etwas verändert an der Situation? Zum Beispiel auch in ihrem Stadtteil, in Bremen?”

Haucap: “Definitiv. Ich wünsche mir auf jeden Fall, dass mehr Politiker auch mal in die Stadtteile gehen und sagen, alles klar, so sieht das hier wirklich aus und da brauchen die Menschen Hilfe. Im Moment wirkt das eher so, dass Politiker sagen, ja klar, Soziales, das ist wichtig, aber man hat das Gefühl, dass das nicht so umgesetzt wird. Es wird meiner Meinung nach zu wenig getan.”

"Gehalt aller Menschen in sozialen Berufen verdoppeln"

Weser-Kurier: “Wenn Sie Kanzlerin wären, was würden Sie als Erstes ändern?”

Haucap: “Ich würde das Gehalt aller Menschen in sozialen Berufen verdoppeln, vielleicht sogar verdreifachen. Denn sie leisten die Arbeit, die wir alle brauchen. Alte Menschen gibt es immer und es sollte auch mehr Kinder geben. Da würde ich auf jeden Fall etwas verändern und die Arbeit für die Menschen angenehm machen, sodass sie gerne und motiviert zur Arbeit gehen. Ich glaube, viele sind einfach demotiviert. Die leisten Schwerstarbeit und das wird meiner Meinung nach überhaupt nicht gewürdigt.”

Weser-Kurier: “Einerseits ist Bremen bei diesen Themen oft Schlusslicht in den Rankings. Andererseits ist Bremen ja auch nicht nur ein armes Land, sondern es gibt auch gute Jobs hier und viele Leute, denen es gut geht. Was sagen Sie zum Thema Ungleichheit in Bremen?”

Haucap: “Die Ungleichheit ist sehr groß. Ich merke das immer wieder, wenn ich in die Innenstadt fahre. Dort gibt es alles. Große Kaufhäuser, überall Cafés. Das ist alles für Menschen ausgelegt, die wirklich Geld in der Tasche haben. Wenn man dann wieder in die Stadtrandgebiete fährt, gibt es wenig. Es gibt keine Möglichkeiten für Menschen mit wenig Geld. Es muss geguckt werden, dass es für alle Möglichkeiten gibt und dass das nicht davon abhängt, wie das Portemonnaie gefüllt ist.”

Katharina Haucap bezeichnet sich selbst als “wirtschaftsschwach”. Sie lebt laut eigenen Angaben von etwa 470 Euro im Monat. Miete und Heizkosten werden von der Agentur für Arbeit bezahlt, Strom nicht.

Artikel des Weser-Kurier zum Thema: Bremen – Kinderbetreuung als Mittel gegen Armut

Produziert von: Carolin Küter
in Zusammenarbeit mit Sara Sundermann, Weser-Kurier
Schnitt: Alexis Caraco

Euronews powered by Google News Lab

Hier finden Sie alle bisher produzierten Folgen unserer 360°-Serie zur Bundestagwahl.