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Folgen von Glyphosat? "Landwirtschaft der Gifte" - Ausstellung in Berlin

Fotos aus Argentinien, mit denen Pablo Ernesto Piovano auf die Folgen von Glyphosat aufmerksam machen will.

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Folgen von Glyphosat? "Landwirtschaft der Gifte" - Ausstellung in Berlin

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«Fast 100 wissenschaftiche Untersuchungen haben ergeben, dass Unkrautvernichter wie Glyphosat schädlich sind – ohne Konsequenzen» sagt Fotoreporter Pablo Ernesto Piovano aus Argentinien, «aber wir werden weiter fest und aufrecht stehen.»
1996 genehmigte die argentinische Regierung den Anbau transgener Sojabohnen und den Einsatz von Glyphosat-Herbiziden auf genetisch modifizierten Nutzpflanzen, wobei sie sich nach Aussagen der Kritiker ausschließlich auf Studien der US-Herstellerfirma Monsanto verließ. Dabei werden Ackerflächen systematisch entlaubt, etwa vor der Aussaat von Soja für Tierfutter. Die (Glyphosat–resistenten) Monokulturen werden dann weiter von Kleinflugzeugen oder Traktoren aus mit dem Herbizid eingenebelt, nur die resistenten Sojapflanzen überstehen das. Über Futtermittelexporte gelangt der Stoff weltweit in die Nahrungskette. Monsanto setzt mit Glyphosat-Produkten – Handelsname «Roundup» – jährlich rund 4 Milliarden Euro um.
Nach fast zwei Jahrzehnten, in denen ein Drittel der Bevölkerung Argentiniens direkt oder indirekt von Glyphosat- Spritzmitteln betroffen war, ist das Land zu einer Feldstudie für Giftkatastrophen geworden, meinen die Kritiker. Hunderte wissenschaftlicher Studien und medizinischer Untersuchungen bestätigen die tödlichen Wirkungen des Unkrautvernichtungsmittels: Die Krebsrate bei Kindern hat sich mehren Studien zufolge verdreifacht, die Häufigkeit von Fehlgeburten und Geburtsschäden mit ungeklärter Ursache ist dramatisch angestiegen. Atemwegs- und Hautkrankheiten, geistige Behinderungen sind nur einige der nachgewiesenen gesundheitlichen Auswirkungen auf die Menschen, die im Bereich der Spritzmittel leben.
Piovano hat mutmaßliche Opfer auf mehreren Reportagereisen in den Nordosten des Landes portraitiert: Menschen mit Muskelschwund, Krebs, Leberzirrhose, Wasserköpfen, Kinder mit Beinen, die sie nicht tragen. Menschen wie Fabián Tomasi (49) aus Basavilbaso, der zweieinhalb Jahre lang Kleinflugzeuge mit Pestiziden belud, ohne jeglichen Schutz. Heute ist er ein Pflegefall mit der Nervenkrankheit Polyneuropathie und Muskelschwund. Piovano Fotos sind ausgestellt im Willy-Brandt-Haus, Berlin, bis zum 21. Januar 2018 : Landwirtschaft der Gifte. Ihr Preis für den Menschen.

Glyphosat ist das weltweit am häufigsten eingesetzte Pestizid. Eine Schlüsselstellung bei der Zulassung von Glyphosat in Europa hat das Deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin. Das BfR ist Berichterstatter für das europäische Genehmigungsverfahren. Bis Ende des Jahres muss die EU entscheiden, ob der Einsatz des umstrittenen Pflanzengifts in Europa noch weiter erlaubt wird. Am 19.10. lehnte der Umweltausschuss des EU-Parlaments mit großer Mehrheit (39 Ja-Stimmen, 9 Gegenstimmen) eine Verlängerung der Zulassung des Herbizids Glyphosat ab, in der kommenden Woche entscheidet das Europaparlament.

Sigrid Ulrich

BIOGRAFIE

Pablo Piovano wird am 7. September 1981 in Buenos Aires, Argentinien, geboren.

Seit seinem 18. Lebensjahr ist er als Fotograf Mitarbeiter der argentinischen Tageszeitung Página/12.

Zu Beginn seiner Karriere wird er von Adriana Lestido ausgebildet.

2005 sowie 2014 verleiht die Fundación Gabriel García Márquez ihm Stipendien.

2001 dokumentiert er die gesellschaftliche und politische Krise in Argentinien, worüber er 2002 gemeinsam mit anderen Fotojournalisten das Buch „Episodios Argentinos, Diciembre y después“ mit Texten des Autors Tomas Eloy Martinez veröffentlicht.

Von 2004 bis 2008 koordiniert er einen Workshop für sozial gefährdete Kinder und Jugendliche in Isla Maciel in der Provinz Buenos Aires, woraus das Buch „Ojos y voces de la Isla“ entsteht.

2015 wird er für seine Arbeit „Der menschliche Preis von Agrargiften“ mit dem Fotografie-Stipendium der Manuel Rivera-Ortiz Foundation ausgezeichnet und gewinnt den ersten Preis beim Festival Internacional de la Imagen in Mexiko sowie beim 2. Concurso Fotorevista Internacional. Des Weiteren erlangt er den zweiten Platz bei den International Photography Awards (Kategorie: redaktionell, Umwelt) und den dritten Platz des Carolina-Hidalgo-Vivar-Preises für Umwelt bei POY Latam. Er kommt in die enge Auswahl des Fonds für aufstrebende Fotografen von Burn Magazine sowie des Stipendiums der Lucie Foundation und wird Finalist für die Auszeichnung PhotoEspaña OjodePez de Valores Humanos und den Nera di Verzasca Award 2015.

2016 erhält er den Sonderpreis der Jury des internationalen Fotojournalismus-Preises von Days Japan, den Nachhaltigkeitspreis beim LUMIX Festival für jungen Fotojournalismus in Hannover, den INCAA TV Award beim dritten Festival Internacional de Cine Ambiental in Buenos Aires und wird von der Magnum Foundation eingeladen, an deren Stipendium für aufstrebende Fotografen teilzuhaben.

Ausstellungen 2015
Festival Internacional de la Imagen (FINI) – Pachuca, Mexiko
Festival della Fotografia Etica – Lodi, Italien
Photolux – Lucca, Italien
Manuel Rivera-Ortiz Foundation – Arles, Frankreich
Fnac (OjodePez) – Spanien und Frankreich
What’s up photo doc – Paris, Frankreich
Moores Building Contemporary Art Gallery – Fremantle, Australien

Ausstellungen 2016
Einzelausstellung „Der menschliche Preis von Agrargiften“ im Palais de Glace – Buenos Aires, Argentinien
PhotOn Festival – Valencia, Spanien
LASA Film Festival – New York, USA
Festival Internacional de Cine Ambiental (FINCA) – Buenos Aires, Argentinien
LUMIX Festival für jungen Fotojournalismus – Hannover, Deutschland
Rencontres d’Arles – Arles, Frankreich
Biennal de fotografia Xavier Miserachs – Palafrugell, Katalonien, Spanien
China International Photographic Art Festival – Zhengzhou, China
Third Documentary Photography Days – Istanbul, Türkei

Sigrid Ulrich