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Shitstorm: Russischer Schüler zeigt Mitleid mit Wehrmacht-Soldaten

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Shitstorm: Russischer Schüler zeigt Mitleid mit Wehrmacht-Soldaten

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Zum Volkstrauertag sprach der russische Schüler Nikolai Desjatnitschenko im Bundestag. In seiner Rede warb der 17-Jährige für die Versöhnnung der Völker, doch jetzt schlägt ihm in den sozialen Netzwerken der blanke Hass entgegen. Was war passiert?

In seinem knapp zweieinhalbminütigen Auftritt erzählte Desjatnitschenko über den Wehrmachtssoldaten georfg Johann Rau, der bei Stalingrad in Gefangenschaft geraten und später in einem Lager gestorben war. Das Schicksal des Deutschen und die Arbeit am Projekt hätten ihn gerührt, sagte der russische Schüler. Daraufhin habe er einen deutschen Soldatenfriedhof besucht und sei “sehr traurig” gewesen: “Ich habe Gräber von unschuldig gestorbenen Menschen gesehen, unter denen viele friedlich leben und keinen Krieg führen wollten.”

Mit diesem Satz löste der Schüler aus dem westsibirischen Nowo Urengoi einen Sturm der Entrüstung aus. Rund 200000 Menschen meldeten sich allein im Forum der Internet-Zeitung “gazeta.ru” zu Wort. Der Vorwurf: Er tue Buße vor den “unschuldigen Wehrmachtsoldaten” und begehe Verrat an den Großvätern, hieß es. “Dieser umprogrammierte Schuljunge stellt sich hin und rammt der Heimat das Messer in den Rücken”, wütet das Massenblatt “Komsomolskaja Prawda”. In weniger als 24 Stunden wurden mehr als 10.000 Tweets zu dem Fall veröffentlicht. Der Junge bekam Morddrohungen. Manche gingen soagr so weit, ihn zu Hause anzurufen und ihm Gewalt anzudrohen.

Jelena Kukuschkina, Abgeordnete in der Heimatregion des Schülers, schaltete die Staatsanwaltschaft ein: Sie möge Ermittlungen wegen „Rehabilitierung des Nazismus“ aufnehmen. Nach Artikel 354.1 des Strafgesetzbuches kann das mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden.

Die Mutter des Schülers veröffentlichte einen “Erklärungsbrief” in den russische Medien, in dem sie von einer aus Zeitgründen gekürzten Rede im Bundestag spricht. Ursprünglich habe ihr Sohn mehr über seinen Urgroßvater, einen Kriegsveteranen, erzählen wollen. Seine Hauptbotschaft sei jedenfalls der Wunsch nach Frieden in der Welt gewesen. Auch das Gymnasium stellte sich hinter seinem Schüler. Es handele sich um ein “kommunikatives Missverständnis”, da die Rede gekürzt worden sei.


Am Ende schaltete sich sogar der Kreml in die Debatte ein. “Wir glauben, es ist falsch, dem Gymnasiasten böse Absichten oder gar Nazismus-Propaganda vorzuwerfen”, sagte Dmitrij Peskow, Pressesprecher des Präsidenten Wladimir Putin.