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Galizia-Söhne: 'Malta ist gekapert worden'

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Galizia-Söhne: 'Malta ist gekapert worden'

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Im Oktober 2017 wurde die maltesische Bloggerin und Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia ermordet. Zuvor hatte sie die Korruption in den höchsten politischen Kreisen ihres Landes aufgedeckt. Die einst als One-Woman-Wikileaks bezeichnete Caruana Galizia konzentrierte sich auf die Enthüllungen der Panama Papers, aber eben nicht nur. Sie stellte Maltas Praxis an den Pranger, Pässe an kaum überprüfte Ausländer und korrupte Geschäftsleute zu verkaufen. Sie recherchierte Dutzende Fälle von Geldwäsche, Korruption und Steuerhinterziehung, in die auch Diktaturen involviert waren, die Malta als Stützpunkt nutzten. Ihre beeindruckende Arbeit wird durch ein Medienkonsortium unter dem Namen 'Daphne Project' weiter geführt. Ihre beiden Söhne Matthew und Andrew Caruana Galizia haben mit Euronews in der Global Conversation über das Erbe ihrer Mutter gesprochen.

Euronews: Ihre Mutter erhielt vor ihrem Tod Morddrohungen. Unternahm man nichts zu ihrem Schutz?

Andrew Caruana Galizia: An wen hätte sie sich wenden können? Klar hätte die Polizei sie beschützen müssen. Aber was konnte sie von denen erwarten, nachdem sie sie an den Pranger gestellt hatte? Die Leute, die ihr drohten hatten ja das Gefühl, dass sie das machen können, weil sie gute Kontakte zur Regierung und unseren Sicherheitskräften haben. Als Journalist ist man da in der denkbar schwächsten Position. Ähnliche Bedingungen herrschen auch in anderen EU-Mitgliedsstaaten.

Euronews: In Malta wird der Mord an ihrer Mutter wie ein gewöhnliches Gewaltverbrechen behandelt. Aus den Recherchen und der Arbeit des Konsortiums geht aber hervor, dass es da zahlreiche politische Verwicklungen gibt.

Korruption auf den höchsten politischen Ebenen

Matthew Caruana Galizia: Tatsächlich war unsere Mutter Korruption auf den höchsten politischen Ebenen von Maltas Regierung auf der Spur. Gegen sie müsste man zu allererst ermitteln, gegen die Politiker, die Beamten. Denn keiner von denen, die verhaftet wurden, spielte in den Recherchen unserer Mutter eine Rolle.

Euronews: Drei Menschen wurden im Zusammenhang mit bewaffneten Raubüberfällen verhaftet.

Matthew Caruana Galizia: Sie hatte von ihnen gehört, aber nie über sie recherchiert.

Andrew Caruana Galizia: Wir wissen, vor wem unsere Mutter Angst hatte, und wir wissen, wer hinter den Drohungen steckte. Das haben wir den Behörden mitgeteilt. Wir können ja nicht selbst nach Beweisen suchen, aber wir erwarten, dass die Namen, die wir genannt haben bei den Ermittlungen als erstes berücksichtigt werden.

Euronews: Wie wurde auf die Bekanntgabe der Namen reagiert?

Matthew Caruana Galizia: Von der Polizei gab es nie irgendeine Reaktion.

Euronews: Das heißt, dass die Ermittlungen ziemlich hoffnungslos sind.

Matthew Caruana Galizia: Die Situation ist natürlich schlimm, aber wir werden weiterhin unsere Rechte und die unserer Mutter einfordern.

Euronews: Zurück zur Arbeit Ihrer Mutter. Ihr Erbe lebt durch das Konsortium und die internationalen Medien weiter. Das illegale Passgeschäft wurde öffentlich gemacht Werden wir demnächst noch von weiteren Geschichten hören, die Ihrer Mutter recherchiert hat?

Andrew Caruana Galizia: Wir wissen inzwischen, dass alle Fälle miteinander zu tun haben und dass dahinter immer dieselben Protagonisten stecken.

Euronews: Das heißt, da sind Verbindungen nach Russland, Aserbaidschan, zu einem iranischen Geschäftsmann, der in den USA einsitzt... Sie sagen, dass das alles zusammenhängt ?

Matthew Caruana Galizia: Ja, wenn man die Institutionen unter seine Kontrolle bringt und sie zerstört, um sein eigenes korruptes Netz zu spannen und alle Verbrecher der Welt reinlässt. Dann ist das wie eine umgekehrte Büchse der Pandora. Und so ist es passiert. So lange es Straffreiheit gibt und nichts getan wird, um die Sache in Ordnung zu bringen und in Malta und Europa wieder Normalität herzustellen, wird das so weiter gehen.

Euronews: Aber wird es weitere Enthüllungen geben? Wird es neue Fälle geben, oder werden nur mehr Details zu den Verflechtungen zwischen den verschiedenen Akteuren veröffentlicht werden?

Malta ist ein gekaperter Staat, seine Organe wurden gekapert

Andrew Caruana Galizia: Das 'Daphne Project' hat jetzt seine eigene Mission. Es wird die Arbeit unserer Mutter fortführen und neue Themen angehen. So ist es vorgesehen. Unsere Mutter wurde getötet, unsere Arbeit wurde unterbrochen. Aber sie nehmen die losen Enden auf. Wohin das führen wird, weiß noch niemand. Ein Begriff, der gut beschreibt, was meine Mutter da herausfand, ist 'Staatskaperung'. Darauf laufen alle diese Geschichten hinaus. Malta ist ein gekaperter Staat, seine Organe wurden gekapert. Und jetzt zeigt sich, welche Privatinteressen hinter dieser Staatskaperung stehen, wie sie miteinander verknüpft sind, welchen Einfluss sie auf unsere Regierung haben und ob wir dem entkommen können oder ob wir dazu verdammt sind, die nächsten Jahrzehnte das Werkzeug ausländischer Privatinteressen zu sein."

Euronews: Warum ausgerechnet Malta? Bei Geldwäsche und Korruption denkt man an Italien und die Mafia, oder an den Nahen Osten. Aber Malta? Warum diese Insel?

Andrew Caruana Galizia: Ganz gleich wie schlimm die Lage wird, in großen Ländern, wie Italien, oder sogar Brasilien bleiben immer noch irgendwelche Reste institutioneller Unabhängigkeit. Aber Malta ist ein kleines Land. Daher ist es ganz einfach. Wenn man eine Regierungspartei erstmal unter Kontrolle hat, kann man mühelos alle Hebel eines EU-Mitgliedsstaates manipulieren. Uns so hat die EU-Mitgliedschaft Maltas nicht zu mehr Schutz für Malta geführt, sondern es im Gegenteil zur fetten Beute für die Leute gemacht. Malta hat gemessen an seiner Größe enorme Macht im Europarat und im Europaparlament und großen Einfluss auf die Europäische Kommission. Das ist unglaublich gefährlich. Welcher internationale Verbrecher und Geldwäschering würde nicht gern die Kontrolle über ein EU-Land haben. Und in unserem Regierungschef hat man die perfekte Marionette gefunden.

Matthew Caruana Galizia: Die Ermittlungen stehen an einem kritischen Punkt, aber wie mein Bruder sagt ist da ein ganzes Netz länderübergreifender Korruption. Wir brauchen Leute, die dem Daphne Project davon erzählen. Es ist unmöglich, derart viel Korruption und einen Auftragsmord an einer Journalistin zu organisieren, ohne dass eine Menge Leute beteiligt sind. Wir brauchen Informanten, die anonym aussagen. Aber die brauchen wir, damit die Investigativjournalisten weiter bohren können.

Euronews: Matthew, Andrew vielen Dank, dass Sie zur Global Conversation gekommen sind.