Ohne Filter: Präsident Macron lässt sich im TV von Menschen mit Autismus befragen

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Von Euronews  mit AFP
Maron beantwortet Fragen in der Sendung "Le rencontres du Papotin"
Maron beantwortet Fragen in der Sendung "Le rencontres du Papotin"   -   Copyright  "Les rencontres du Papotin" Henri Poulain - © kiosco.tv / Quad+Ten

Die Liebe zu Ehefrau Brigitte und seiner Großmutter Manette, verpatzte Aufnahmeprüfungen an der Eliteschule "Normale Sup", aber auch seine Beziehung zum lieben Geld, französische Zuschauer:innen staunten nicht schlecht am vergangenen Samstagabend vor ihrem Fernsehapparat. 

Präsident Emmanuel Macron war Gast der ungewöhnlichen Interviewsendung "Les rencontres du Papotin" beim öffentlich-rechtlichen Fernsehsender France2. Dabei wird eine bekannte Persönlichkeit von 50 Journalist:innen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) befragt. Bislang waren das vor allem Menschen aus dem Film- und Showgeschäft - und nun also das französische Staatsoberhaupt.

Macron mal anders: lustig, aufmerksam, spontan und unverblümt

Dabei zeigte sich der 45-Jährige von einer neuen Seite: lustig, aufmerksam, spontan und unverblümt. Das war auch nötig, denn die Fragen an den Präsidenten waren ziemlich direkt, ohne Filter, das Ganze per "Du". 

Mehrere Fragen drehten sich um seine Liebesgeschichte mit Brigitte Macron, seine ehemalige Lehrerin. "Das Prinzip der Liebe ist, dass alles möglich ist", so Emmanuel Macron. 

Er räumte ein, dass seine Eltern diese Beziehung "anfangs schlecht aufgenommen" hätten. Das habe seinen Wunsch, seinen eigenen Weg zu gehen nur verstärkt.

Und als ein junger Mann nachhakt: "Er ist der Präsident, er muss mit gutem Beispiel vorangehen und darf seine Lehrerin nicht heiraten. Da argumentiert Macron: "Wenn du verliebt bist, kannst du dir das nicht aussuchen". Und Brigitte sei seine Theaterlehrerin gewesen - das wiege "weniger schwer". Großes Lachen im Raum.

Nicht der beste Job, um "viele Freunde zu haben"

Und schon die nächste indiskrete Frage: "Haben Sie viel Geld?". "Um ehrlich zu sein, hatte ich mehr Geld, bevor ich Präsident wurde", antwortet Macron.

Zum Thema Freundschaft: "Es ist nicht der beste Job, um viele Freunde zu haben."

Und über Putin, den er getroffen hat und dessen Krieg gegen die Ukraine: "Wenn man ihn so trifft, ist er nicht unangenehm. Das ist das Paradoxe."

Überrascht wurde er von der Frage, ob er seine Großmutter Manette "vermisse". "Ja, weil sie sich viel um mich gekümmert hat, als ich klein war", bestätigt Macron. Und offenbart, dass seine größte Angst "das Verschwinden seiner Lieben" sei.

"Sie haben mich auf Gebiete geführt, auf denen ich in anderen Interviews mit anderen Journalisten nicht gewesen war", sagte der Präsident nach der Sendung.

Charmeoffensive vor der Rentenreform

Beim Fernsehpublikum kam das ungewöhnliche Interview auf unterschiedliche Weise an. Während einige die Offenheit und Coolness des Präsidenten würdigten, kritisierten andere von einer Charmeoffensive für den Staatschef, der sich anschickt, eine einschneidende Rentenreform in Frankreich durchzusetzen.

Wieder andere hielten die Sendung, die im Dezember aufgezeichnet wurde, für eine reine Inszenierung für die Kamera und fühlten sich manipuliert. 

Die Interviewer und Interviewerinnnen jedenfalls waren echt. "Le Papotin" ist eine Zeitung, die 1990 von einem Erzieher an der Tagesklinik in Antony gegründet wurde.

Heute zählt sie 53 Journalisten mit ASS. Jeden Mittwochmorgen treffen sich die atypischen Reporter zu einer Redaktionskonferenz, die von Julien Bancilhon, Chefredakteur und Psychologe, geleitet wird. 

Seit September gibt es das Fernsehformat "Les rencontres du Papotin", das von Bancilhon moderiert wird - nach einer Idee der Regisseure Eric Toledano und Olivier Nakache ("Ziemlich beste Freunde", "Das Leben ist ein Fest" und die TV-Serie "In Therapie").