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Matera 2019: Ein globales Dorf

Gardentopia – ©Luca Centola
Gardentopia – ©Luca Centola
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Im Januar versammelten sich Tausende von Menschen aus der italienischen Region Basilicata an einem einzigartigen Ort, um ein historisches Ereignis mit Musik zu feiern. Blaskapellen spielten Beethovens Ode an die Freude, die von dem umgebenden Tuffstein widerhallte und so dem vor Jahrzehnten verlassenen Steinbruch vor der Stadt neues Leben einhauchte.

Diese Stadt ist natürlich Matera, berühmt für ihre Sassi, 9000 Jahre alte Höhlensiedlungen, und außerdem Kulturhauptstadt Europas 2019. Die Feierlichkeiten zu diesem Anlass begannen an jenem Steinbruch, der passenderweise Cava del Sole heißt („Sonnensteinbruch“).

Die Cava ist ein wichtiger Teil von Materas Geschichte. Der Steinbruch stammt aus dem 18. Jahrhundert, als Arbeitskräfte unter großen Anstrengungen Tuffsteinblöcke daraus schlugen und als Baumaterial für Materas Steinhäuser und Denkmäler nutzten.

Doch in den 1950ern wurde die Bevölkerung aufgrund des schlechten Zustands der Gebäude in Matera in nahegelegene modernere Häuser umgesiedelt und die Cava del Sole nicht mehr genutzt.

Für manche Aufgaben braucht es ein ganzes Dorf und die resiliente Bevölkerung Materas war sich dessen bewusst. In den 1980ern machten sich Handwerker und junge Kreative daran, ihre Höhlenstadt zurückzuerobern und wiederzubeleben. Heute stehen die Höhlen für eine Renaissance, bei der die Jungsteinzeit auf das digitale Zeitalter trifft.

Die Cava del Sole erhielt anlässlich der Kulturhauptstadt-Feierlichkeiten ebenfalls einen neuen Zweck. Sie bietet nun 7000 Plätze in einer Open-Air-Arena sowie einen modernen Konferenzsaal.

Dank der zahlreichen Gäste aus aller Welt sowie der vielen Veranstaltungsorte ist Matera 2019 zu einem globalen Dorf geworden.

©Luca Centola

Internationale Kunstprojekte

Ähnlich wie die mutigen Handwerker und Kreativen damals, spielen Kunstschaffende aus der ganzen Welt in den letzten paar Monaten dieses wichtigen Jahres eine zentrale Rolle. Im Rahmen der Initiative Matera Residencies 2019 arbeiten sie mit verschiedenen Gemeinden in der Basilicata zusammen.

Die lokale Bevölkerung öffnet den kreativen Gästen die Tür, sodass ein einzigartiger kultureller Austausch stattfinden kann. Die Kunstschaffenden bekommen die Chance, die Traditionen und die Gastfreundschaft der Region hautnah zu erleben, und geben im Austausch dafür ihr Wissen und ihre Fähigkeiten weiter und verarbeiten ihre Eindrücke von Matera in ihren Werken.

Gardentopia ist ein ähnliches Projekt, das stadtnahen Bereichen neues Leben einhauchen will. Kreative aus aller Welt, Landschaftsgestaltende und die lokale Bevölkerung finden sich am Stadtrand zusammen, um mit Gemüse- und Blumengärten eine grünere Basilicata zu kultivieren – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne.

Altofest lädt internationale Kunstschaffende für Live-Performances in die Häuser der lokalen Bevölkerung ein. Das Thema der vom 4. November bis zum 8. Dezember stattfindenden Veranstaltungsreihe ist „Living in the Future“ (Leben in der Zukunft).

Einen Blick in die Zukunft wirft auch das Pulverturm Artist Residency Project, eine Gemeinschaftsarbeit von Matera und der österreichischen Stadt Feldkirch, die sich als Kulturhauptstadt Europas 2024 beworben hat.

Das mehrjährige Projekt will ein Netzwerk mit Kunstschaffenden aus beiden Städten etablieren, indem ab 2020 Gäste aus Matera und der Basilicata zu einem Aufenthalt in Feldkirch eingeladen werden. Jedes Jahr soll es ein anderes Thema geben – den Anfang macht figurative Kunst.

Plotera-Wochen – Plovdiv und Matera für eine offene Zukunft

Zurück in die Gegenwart: Die beiden aktuellen Kulturhauptstädte Europas, Matera und Plovdiv, haben sich ebenfalls zusammengetan. Gemeinschaftsprojekte sollen die 1000 km zwischen der italienischen und der bulgarischen Stadt überbrücken und das Jahr unvergesslich machen.

Unter diesen Projekten gibt es ein weiteres, das einen internationalen Künstleraufenthalt bietet. Bei European Eyes on Japan (Der europäische Blick auf Japan) handelt es sich um eine jahrzehntelange Initiative, die europäische Fotografierende nach Japan bringt, um das Leben der dortigen Bevölkerung festzuhalten, wobei der Fokus auf ländlichen und marginalisierten Gebieten liegt. Die Ergebnisse sind in Publikationen sowie Ausstellungen in Japan und den Europäischen Kulturhauptstädten zu sehen.

In diesem Jahr wurden Alessia Rollo aus Matera und Vladimir Pekov aus Plovdiv für das Projekt ausgewählt. Ihre Arbeiten wurden im Sommer in der aus dem 11. Jahrhundert stammenden Kirche Santa Maria de Armenis in Matera gezeigt und sind vom 21. Oktober bis zum 27. November nochmals in Plovdiv zu sehen. 2020 reist die Ausstellung weiter nach Japan.

Das Thema außer Acht gelassener Stadtteile wird durch die Europäischen Kulturhauptstädte auch beim Fusion Urban Games Festival aufgegriffen, das vom 31. Oktober bis zum 10. November stattfindet.

Interessierte Besucher und Einwohner können dabei auf den Straßen, in Parks, an verlassenen und spannenden unterirdischen Orten in Matera und Plovdiv an Spielen teilnehmen, die sich mit Themen wie unserer Beziehung zu Städten und Technologie beschäftigen und was es bedeutet, in der Ära der Mobilität in städtischen Randgebieten zu leben.

©Luca Centola

Der Kreis schließt sich

Das Ende von Matera 2019 wird mit dem Festival of Open Culture eingeläutet, das an verschiedenen Veranstaltungsorten in der ganzen Stadt abgehalten wird. Es beginnt am 7. Dezember und geht bis zu den offiziellen Abschlussfeierlichkeiten am 20. Dezember.

Die Events werden den Erwartungen nach visionäre Kreative und Denker in einem Rahmen für Ideen, Musik, Design, Literatur, Theater und Film zusammenbringen.

Die Abschlusszeremonie findet dort statt, wo alles anfing, dort, wo Stahl auf Stein trifft: in der Cava del Sole. Begleitet von der Musik italienischer und europäischer Acts, werden Bilder an die Wände projiziert, die die 12 Monate Materas als Kulturhauptstadt Europas dokumentieren. Die gesamte Veranstaltung wird live übertragen.

Doch dieser Blick zurück ist gleichzeitig auch ein Blick nach vorn. Matera hat sich als internationale Heimat für inklusive Kulturprojekte von Kunstschaffenden und der lokalen Bevölkerung etabliert und ist zum globalen Dorf avanciert.

Diese Bevölkerung sollte auch Migranten aus dem Mittelmeerraum und darüber hinaus einschließen, betont Paolo Verri, Direktor der Matera-Basilicata 2019 Foundation. Seine Worte drücken das aus, was europäische Fachleute vermutlich dazu inspiriert hat, die Stadt zur Kulturhauptstadt zu machen: „Selbst, wenn Matera keine Kulturhauptstadt wäre, wäre sie doch bereits die Hauptstadt der Gastfreundschaft.“

Die Eröffnung von Matera 2019 wurde von einer klassischen Hymne begleitet. Die Abschlussfeier am 20. Dezember soll dagegen die Entwicklung von analog zu digital beleuchten und damit eine weitere Botschaft in die Welt entsenden: Jede Gemeinschaft kann wachsen und sich weiterentwickeln, wenn Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen und alte Kultur aus neuen Perspektiven betrachten – Matera hat es vorgemacht.

Matera 2019: Festival of Open Culture – Highlights

• A Start-up is Born: Vorstellung neuer, 2019 gegründeter Projekte/Unternehmen

Matera 3019: Ein multimediales Theaterstück mit Zukunftsvisionen von italienischen und europäischen Jugendlichen

• Deep Dive Into Digitisation: Bildungsangebot in Zusammenarbeit mit wichtigen Instanzen der Kommunikations- und Digitaltechnologie

• Weitergabe der Fackel an die Europäischen Kulturhauptstädte 2020: Galway, Irland, und Rijeka, Kroatien

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