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Laridschani: "Niemand kann verurteilt werden, bevor er etwas getan hat"

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Laridschani: "Niemand kann verurteilt werden, bevor er etwas getan hat"

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Zwischen fehlgeschlagenen Verhandlungen, Sanktionen und regionalen Bedrohungen macht das iranische Atomprogramm der internationalen Politik seit langem zu schaffen. Der Präsident des iranischen Parlaments Ali Laridschani hat in einem Euronews-Exklusivinterview zum ersten Mal erklärt, dass sein Land nur die friedliche Nutzung der Atomkraft anstrebt, ähnlich wie Japan. Der ehemalige Atom-Unterhändler schloss zudem die Möglichkeit von Präventivschlägen Israels oder der USA gegen sein Land aus.

Euronews:
Das iranische Parlament hat ein Gesetz gebilligt, das es der Regierung gestattet, Uran bis auf 20 Prozent anzureichern…

Laridschani:
Ich glaube, da gibt es keine Bedenken. Japan reichert ebenfalls an, aber ist jemand deshalb besorgt? Die iranische Nukleartechnologie ist der japanischen sehr ähnlich.

Euronews:
Wir wissen, dass Japan in sechs Monaten Nuklearwaffen herstellen kann. Bedeutet das, dass der Iran eine potentielle Atommacht werden und in sehr kurzer Zeit eine Bombe produzieren will?

Laridschani:
Eine Atommacht zu sein heißt nicht, dass wir eine Bombe bauen werden. Niemand kann verurteilt werden, bevor er etwas getan hat.

Euronews:
Aber zum Beispiel der russische Präsident sagt, dass der Iran bald das Potenzial haben wird, um Nuklearwaffen herzustellen.

Laridschani:
Ich denke, diese Information ist nicht korrekt. Der Iran hat nukleares Know-how erworben und das leugnen wir auch nicht. Wir haben tatsächlich das Potential. Wenn man sagt, der Iran wird eine Atommacht, dann trifft das zu.

Euronews:
Also bestätigen Sie, dass der Iran eine regionale Atommacht wird?

Laridschani:
Wenn Sie damit eine friedliche Atommacht meinen, dann trifft das zu.

Euronews:
Wird der Reaktor Buschehr deshalb im September an den Start gehen?

Laridschani:
Ein Nuklearreaktor macht aus einem Land keine Atommacht. Das Wichtige ist das Know-how und das Wissen, wie man es anwendet. Wir haben Zugang zum Know-how der Nukleartechnologie und wir haben daran 20 Jahre gearbeitet.

Euronews:
Also sind Sie entschlossen, den nuklearen Weg weiter zu gehen?

Laridschani:
Ja, aber nur friedlich!

Euronews:
Aber selbst dann wächst die Angst in den Staaten der Region, Ihren Nachbarstaaten.

Laridschani:
Meinen Sie Russland, das ja selbst Nuklearwaffen besitzt?

Euronews:
Nein. Ich meine Ihre direkten Nachbarn, wie den Irak oder Israel.

Laridschani:
Wir sehen hier ein neues Phänomen. Russland ist seit langer Zeit eine Atommacht. Wenn das Bedenken hervorruft, dann ist das ein Witz. Sie sprechen von der Region, aber welches Land meinen Sie?

Euronews:
Ich habe mehrere Länder in der Region angesprochen, etwa Israel. Israel hat erklärt, es will keinesfalls, dass der Iran eine Atommacht wird.

Laridschani:
Außer Israel gibt es in der Region keine zionistischen Regierungen. Viele Länder hier sind sehr stolz auf das iranische Atomprogramm.

Euronews:
Haben Sie nicht die Befürchtung, dass die Israelis oder die Amerikaner Präventivschläge gegen Ihre Atomanlagen führen könnten?

Laridschani:
Ich denke, sie haben doch nicht den Verstand verloren. Wir würden nicht bloß mit verschränkten Armen dasitzen und nichts tun. Die Israelis haben ihre wunden Punkte, sie sind verwundbar und sie sind sehr nah bei uns.

Euronews:
Was meinen Sie, wenn Sie von wunden Punkten sprechen?

Laridschani:
Ich denke, die Israelis verstehen mich. Wir haben die Möglichkeit, uns zu verteidigen. Wir verstecken diese Fähigkeit auch nicht. Ich denke, das ist alles ein großer Medienhype. Aber ich würde sagen, ein einziger Fehler wäre für die israelische Regierung extrem teuer.

Euronews:
Sie nennen es einen Medienhype, aber es ist 1981 passiert, damals ging es gegen irakische Einrichtungen. Ein irakischer Reaktor ist 1981 von israelischen Flugzeugen angegriffen worden.

Laridschani:
Das kann man nicht vergleichen. Ich denke, die Israelis haben die iranischen Kapazitäten objektiv analysiert. Darum gibt es diesen Medienhype hinsichtlich der iranischen Nuklearkapazitäten. Ein Angriff ist nicht sehr wahrscheinlich, aber wir sind auf alle Fälle vorbereitet.

Euronews:
Die internationalen Sanktionen betreffen Ihren Handel, den Transport und die Ölbranche. Wie sehen die Iraner diese Sanktionen?

Laridschani:
Wir haben Mittel und Wege gefunden, die Sanktionen zu umgehen.

Euronews:
Aber wie wollen Sie das machen, wenn beispielsweise zwei Drittel Ihrer Flugzeuge, wie etwa Iran Air, nicht durch den europäischen Luftraum fliegen dürfen?

Laridschani:
Das hat mit den Sanktionen nichts zu tun. Sprechen Sie von den Reisenden?

Euronews:
Es gibt das Visa-Problem. Die Direktiven der EU-Kommission sehen etwa vor, dass bestimmte Personen keine Visa bekommen.

Laridschani:
Denken Sie, dass es uns Probleme macht, wenn einige iranische Militärs nicht reisen dürfen? Offen gesagt, das wird uns nicht davon abhalten, voranzuschreiten. Solche Aktionen, die ein Versuch sind, den Willen der Iraner zu schwächen, machen sie noch entschlossener.

Euronews:
Aber die iranische Bevölkerung und die Opposition fordern mehr Freiheit und Menschenrechte im Iran.

Laridschani:
Was hat das damit zu tun? Es gibt keinen Zusammenhang, denn die Oppositionen in Frankreich, in Europa und überall sonst sind sich in einem Punkt einig: beim iranischen Atomprogramm.

Euronews:
Das stimmt nicht. Das nationale iranische Widerstandskomitee in Frankreich zum Beispiel fordert mehr Sanktionen gegen die iranische Regierung.

Laridschani:
Nein, das sind unredliche Leute, sie sind im Iran verhasst. Es sind Terroristen, die viele Menschen im Iran getötet haben.

Euronews:
Sie sprechen über einige Gruppierungen, aber beispielsweise Sherine Ebadi hat niemanden getötet. Sie verlangt nur die Anerkennung der Menschenrechte im Iran.

Laridschani:
Der Westen unterstützt Sherine Ebadi und gestattet ihr, das zu tun, aber es steht ihr frei, in den Iran zurückzukehren. Sie ist aus eigenem, freien Willen fortgegangen.

Euronews:
Einige Politiker, so der britische Außenminister William Hague, haben Teheran aufgefordert, die Hinrichtungen zu stoppen.

Laridschani:
Ich denke, Großbritannien und die USA sollten sich mehr Gedanken über ihre eigenen Verbrechen in Afghanistan und im Irak machen. Sie sollten William Hague fragen, wie es sein kann, dass die NATO iranische Terroristengruppen finanziell und militärisch unterstützt. Ich finde, beide Länder agieren sehr unehrlich.